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Dienstag, 28. März 2017 | 10:14

Lockerbie: Ólgusjór

08.03.2012

Euphorische Regenbogenexplosionen

Ach, verträumter Pop mit Avantgarde-Tendenzen aus Island? Ein wenig schräg, aber so wundervoll melancholisch, mächtig aufgebauscht und fantasievoll-pompös? Tatsächlich? KRISTOFFER CORNILS könnte angesichts dieses voraussehbaren Biedermeierkitsches, na Sie wissen schon. Obwohl, nun ja, also … Irgendwie gelingt Lockerbie dann doch ein wirklich mitreißendes Album.

 

Das kleine, vinylvernarrte Platten Kapitän Platte aus Bielefeld bietet mit seinen bisherigen Releases schon einmal logische Referenzpunkte für den Sound Lockerbies. Notorische Breitseiten-Ästheten wie EF haben hier ebenso ein Zuhause gefunden wie die schluffigen Post-Rocker Immanu El und die forschen Frickelfanatiker The Hirsch Effekt. Die Bands, aus deren Schatten Lockerbie aber wohl notgedrungen heraustreten werden müssen, sind jedoch múm, an deren experimentellem Pop sich das Quartett deutlich anzulehnen scheint, sowie natürlich Sigur Rós, zu deren Fans sie sich zählen und deren spätere Alben sicherlich eine Folie für die verspielte Instrumentalisierung der Debüt-LP Ólgusjór bot. Die zehn Songs lassen sich also bequem mit dem Island-Label versehen, erfüllen Lockerbie doch so gut wie alle Klischees, die mittlerweile mit der Musiklandschaft der kleinen Insel verbunden werden: Euphorische Regenbogenexplosionen lassen die Feen durchs Gras steppen und manchmal beugen sich die Gletscher und weinen munter dahingluckernde Bäche in die märchenhafte Kulisse.

 

Zu blumig? Aber ja doch, schließlich lassen sich die vier Inselbewohner selbst zu reichlich wenig Kantigkeit hinreißen, das markige Gitarrenriff im vorletzten Song, Snjólón, steht allein auf weiter Flur. Sonst regieren versonnene, euphorische, melancholische und verträumte Töne, die vom leiernden Singsang Þórður Páll Pálsson geleitet werden. Auf Ólgusjór produziert die Band genug Kitsch, um damit eine ganze Armee isländischer Bands zu versorgen. Und sie schaffen es trotzdem, für 39 Minuten die Verzückungsmaschine in Gang zu setzen. Von den ersten, kräftigen Pianoakkorden des Openers Laut bis durch zum ambientmäßigen Finale Sumar machen die zehn Songs einfach Spaß. Der wird weder von den epigonalen Zügen noch der überladenen Orchestrierung geschmälert, die aufrichtige Spielfreude, die Lust an der Musik ist ansteckend.

 

Lockerbie mögen zwar anfänglich für Zähneknirschen sorgen, können aber statt mit Eigen-t oder Bodenständigkeit gerade durch eine naive Unbefangenheit punkten. Ólgusjór ist ein Katarakt von einem Album: Wie zuckrig verkleistert und verkitscht es objektiv betrachtet dahinfließen mag, es ist doch ebenso mitreißend komponiert und wunderschön anzuhören. Ein bunt geschecktes Wohlfühlereignis von der ersten bis zur letzten Sekunde, wenn man es zulässt.

 



 

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