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Nedry: In A Dim Light

08.03.2012

Absolut unbeirrbar

Das Trio Nedry hat sich bereits mit einigen EPs und dem mit 8 Songs etwas knapp ausgefallenen Condors aus dem Jahr 2009 einen Namen im englischen Indie-Zirkus gemacht. Nun sind sie mit In A Dim Light zurück, ihren Trademark-Sound haben sie auf der neuen LP verfeinert. Aber reicht das, um endlich flächendeckende Anerkennung zu ernten? KRISTOFFER CORNILS meint, dass sie es verdient hätten. Obwohl hier und da noch etwas Platz nach oben zu erkennen ist.

 

An und für sich besticht die Band geradezu durch kleine Holprigkeiten und Unperfektion fast mehr als mit kleinen ausgeklügelten Hits. Wo der Mix nicht ganz aufzugehen scheint, da wird umso deutlicher, dass Nedry es nicht dabei belassen, ein hippes Readymade aus gefälligen Komponenten zusammenzubasteln. Eine japanische Sängerin (Ayu Okakita) leiht ihre Stimme zwei britischen Produzenten (Matt Parker und Chris Amblin), die sich ebenso auf den Dancefloors der heimischen Clubszene wie auch auf den Bühnen von verschwitzten Untergrundvenues zuhause fühlen – mehr Konsens geht eigentlich kaum. Indie Pop/Rock trifft Electronica trifft ohrenschmeichelnde, zauberhafte Vocals. Schnittmengenmusik? Aber nein doch. Um einen Chartbreaker nach Zahlen handelt es sich bei In A Dim Light definitiv nicht, so eingängig die Kompositionen auch geben. Umso besser eigentlich, und vor allem: Schön, mal wieder eine Band zu sehen, die noch in der Entwicklung begriffen ist, den Mut zeigt, Dinge auszuprobieren auf die Gefahr hin, das eine oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen.

 

Letztlich sind Nedry, erst 2008 ins Leben gerufen, schon ziemlich avanciert und lassen eine ganz eigene Stimme durch ihre mal trockene, mal leicht desolate Musik ertönen. Natürlich bedingen die vielseitigen Interessen des Trios einen spannenden Abwechslungsreichtum. Das beweist zu einem der dem Opener I Would Rather Explode, der schaurig-schöne Downbeat-Passagen mit dem verträumt-schwebenden Gesang Okakitas zu einer perfekten Synthese verschmelzen lässt. Die Friedhofsstimmung – nicht umsonst bekennen sich die Bandmitglieder kollektiv als Fans der Melancholieelektroniker Ghosting Season (ex-worriedaboutsatan) – der Single-Auskopplung Violaceae bereitet das Album dann auf sinistere Bereiche vor, auf TMA übernehmen treibende Gitarrenriffs die Kontrolle und erweitern das musikalische Spektrum um rockige Töne. Der rote Faden, der genuine Nedry-Sound gleitet den Dreien jedoch nicht aus den Händen.

 

Dass trotz aller Beatlastigkeit der Sound des Trios ohne den Gesang Okakitas nicht vollständig wäre, im Club nicht ohne Weiteres auf eigenen Beinen stehen könnte, lässt Havana Nights erahnen: Bis auf ein paar geisterhafte Atemgeräusche klinkt sich Okakita reichlich spät ein und rettet den fetzigen, bassdominierten Track mit deutlichen Dubstep-Verweisen vor der drohenden Monotonie. Indie-Erfolgsrezepte à la Little Dragon, Asobi Seksu, Blonde Redhead und so viele andere Bands legen nahe, dass mit einer Japanerin am Mikro automatisch der Erfolg kommt, aber epigonales Trendwellenreiten kann man Nedry wahrlich nicht vorwerfen. Okakita zeichnet sich vor allem durch ein beeindruckendes stimmliches Register aus, das zuckersüße Fragilität mit genau so viel Druck ausstattet, dass es gegen die trippigen Beats von Parker und Amblin meistens ziemlich gut dasteht. Eindrucksvoll in Szene gesetzt wird das im ätherischen Refrain von here.now.here, in dem sich die Sängerin auf ein ganz neues Level hochschraubt. Im Kontrast dazu muss ein gut vier Minuten lahm vor sich hin sickernder Song wie Float nervenaufreibend herüberkommen und etwas für Ernüchterung sorgen, kriegt er doch etwas zu spät die Kurve.

 

Der musikalische Mix, den Nedry auf ihrem Zweitwerk präsentieren, bleibt nichtsdestotrotz weitestgehend überzeugend bis mitreißend ausgearbeitet. Neben Acts wie Emika bringen sie jedenfalls den momentan überzeugendsten Beweis dafür, dass sich Pop und elektronische Tanzmusik auf ernstzunehmende Weise annähern und sogar verschmelzen können. In A Dim Light klingt wie ein Versprechen einer Band, die unaufhörlich an sich feilt, und deren Weg man unbedingt verfolgen sollte, zeigen sie sich doch als absolut unbeirrbar. Flächendeckende Anerkennung wäre das Mindeste, das man Nedry wünschen kann.

 



 

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