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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 09:01

    Chick Corea & Gary Burton: Jazz

    08.03.2012

    Kunst des Duos

    Chick Corea klopft an die Himmelstür. Petrus fordert ihn auf, einzutreten. Chick Corea antwortet: »Nur wenn Keith Jarrett nicht hier ist.« Petrus versichert ihm, dass Keith Jarrett nicht im Himmel sei, und Chick Corea folgt ihm. Da hört er paradiesische Klaviertöne. Erzürnt sagt er zu Petrus: »Du hast mich belogen. Da spielt doch Keith Jarrett.« Doch Petrus entgegnet: »Das ist nicht Keith Jarrett. Das ist der liebe Gott, der sich einbildet, er wäre Keith Jarrett.« Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Es ist müßig, darüber zu streiten, ob Keith Jarrett oder Chick Corea der bessere Pianist sei. Beide, altersmäßig nur vier Jahre voneinander entfernt und mit zahlreichen Berührungspunkten in ihren Karrieren, sind hervorragende Künstler. Aber man darf Chick Corea schon für den Sympathischeren halten. Dabei tut seine Verbindung zur Scientology nichts zu Sache. In seiner Kunst hört man die nicht, und so mancher Künstler, auch und gerade im Jazz, bekennt sich zu obskuren Vereinigungen, deren Ideologie man nicht lieben muss, um die Werke der Künstler zu schätzen.

    Chick Corea geht mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie Jarrett an die Musik heran, aber sie hat bei ihm stets ein heiteres Gesicht. Dass Unterhaltung in einem strengen Verständnis eine ernsthafte Angelegenheit ist – bei Chick Corea ist das unmittelbar erkennbar. Übrigens haben beide, Jarrett wie Corea, über den Tellerrand des Jazz geschaut: Jarrett bewährte sich als hervorragender Interpret von Bach und Schostakowitsch, Corea beschäftigte sich mit Mozart und mit Béla Bartók, auch in dem vorliegenden Konzert, das beim Münchner Klaviersommer 1997 im wegen seiner Akustik berüchtigten Gasteig aufgenommen wurde.

     

    Chick Coreas Spielweise ist weniger ätherisch als die von Keith Jarrett. Sein eher perkussiver Anschlag prädestiniert ihn für ein Duo mit dem Vibraphonisten Gary Burton, der mit ihm in München auftrat. Burton, der aussieht wie ein braver College-Student, meilenweit entfernt vom klischeehaften Image des drogensüchtigen, anarchistischen Jazzers, ist ja nicht nur einer der größten Virtuosen seines Instruments seit Lionel Hampton, Red Norvo und Milt Jackson, er ist ungemein anpassungsfähig und hat im Übrigen auch mit Keith Jarrett musiziert. Das ist der Reiz einer DVD, die ja nicht für Musik erfunden wurde: Man kann zuschauen, wie Chick Corea und Gary Burton aufeinander eingehen, wie sie nicht nur übers Ohr, sondern auch mit Blicken einen Kontakt herstellen, der die Instrumentalstimmen zu einer einzigen Einheit verschmelzen lässt.

     

    Im Laufe seines Lebens ist Chick Corea mit einer ganzen Legion bedeutender Musiker aufgetreten und ins Studio gegangen. Er kennt das Standardrepertoire wie kaum einer. Aber er hat auch selbst eine ganze Reihe oft nachgespielter Melodien erfunden. Sehr oft klingen lateinamerikanische und spanische Harmonien und Rhythmen an. Es gibt so etwas wie die typische Chick-Corea-Handschrift. Aber immer wieder sucht der Pianist auch nach neuen Möglichkeiten, nach Erweiterungen. Er lässt sich anregen und verarbeitet Einflüsse. Selbst einem Bartók hängt er, bei aller Bescheidenheit, ein eigenes Postskriptum an – und das geht auf.

     

    Wenn heute jemand – Andrea Breth zum Beispiel oder Luc Bondy – am Theater Regie führt wie vor zwanzig Jahren, wenn jemand Bilder malt in einem Stil, den er schon in seiner Jugend entwickelt hat, wenn jemand Musik macht wie schon eine Generation vor ihm – und tatsächlich ist das jetzt auf DVD vorliegende Konzert immerhin fünfzehn Jahre alt –, dann sind sofort ein paar Kritiker und Blogger zur Stelle, die »Anachronismus« schreien oder »Museum«. Sie verwechseln Kunst mit Mode. Und weil sie meistens auch noch ungebildet sind und keine Ahnung haben, übersehen sie meistens, dass, was sie für neu und originell halten, in Wahrheit auch seine Vorläufer hat, längst durchprobiert wurde und nicht mehr ist als ein Imitat. Die Künste entwickeln sich nicht geradlinig auf ein Ziel zu. Was angeblich veraltet ist, kann morgen schon wieder aktuell, und was auf der Höhe der Zeit sich zu befinden scheint, kann in Wahrheit ein alter Hut sein. Sophokles und Shakespeare sind nicht »anachronistischer« als Botho Strauß, Chick Corea und Gary Burton und auch Bartók sind nicht unzeitgemäßer als der Schmarren, den wir täglich um die Ohren geschlagen bekommen. Vielleicht würde Chick Corea heute ein anderes Hemd tragen als damals, 1997. Aber wen interessiert das schon?

     

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