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Freitag, 24. März 2017 | 20:59

Rusconi: Revolution/ Heinrich von Kalnein & KAHIBA Orbital Spaces / Bartmes: modular soul

01.03.2012

Revolutionen und Raumreisen

Musiker am Rande des Jazz-Universums – und darüber hinaus. Vorgestellt von TOM ASAM.

 

Die Revolution, auf die sich der Titel des neuen Albums der Schweizer Rusconi bezieht, meint zunächst nicht die eigenwillige Art und Weise, Jazz mit anderen Genres zu verbinden. Vielmehr geht es um den Entschluss der Band, nach drei Jahren intensiver Zusammenarbeit mit dem Major Label Sony Classical die Dinge wieder selber in die Hand zu nehmen. Das hat zunächst mit veränderten Hör- und Kaufgewohnheiten im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit und Soundclouds zu tun. Und es hat damit zu tun, dass die Band Ideen nun (wieder) schneller umsetzen kann.

 

Rusconi haben sich dazu durchgerungen, die Musik ihres brillanten Albums ab dem 2.März als Download in hoher Qualität – umsonst – anzubieten! Smartphone oder Plattenspieler: Rusconi wollen, dass ihre Musik gehört wird. Und sie sollte unbedingt gehört werden, denn auch sie ist revolutionär - oder zumindest mutig, kreativ und bewegend. Stefan Rusconi, Fabian Gisler und Claudio Strüby – allesamt Anfang bis Mitte 30 – begannen vor Jahren als Rusconi Trio. Mittlerweile haben sie von Jazzwurzeln ausgehend eine ganz eigene Song- und Soundsprache entwickelt. Auf ihrem letzten Album It´s a Sonic Life näherten sie sich den Stücken der kunstaffinen Indietruppe Sonic Youth auf ganz eigene Art. Zwei der auf Revolution enthaltenen Stücke knüpfen hier mit Livemitschnitten der entsprechenden Tour an. Rusconi verwenden Klavier, Drums und Kontrabass – und arbeiten zudem  mit Distortion. Feedback und Instrumentalpräperationen. Sie bezeichnen ihren Sound an den Schnittstellen von Jazz, Pop und Noise selbst als »Improvised Pop«.

 

Improvisation steht im Vordergrund der kreativen Kraft, deren Ergebnis sie als populäre Musik im weiteren Sinne verstanden sehen wollen. Ihre bisweilen unkonventionell wirkende Klangwelt ist von großer Kraft und hypnotischer Sogwirkung. Sie verlassen gewohnte Wege mit großer Selbstsicherheit und finden dabei immer ans Ziel. Absoluter Höhepunkt dieses Werks ist das zehnminütige Alice in the sky, das mit Hilfe des unglaublichen Gitarrenspiels von Fred Frith und düsteren Stimmsamples für mich schon jetzt zu den Highlights dieses Musikjahres gehört. Und jetzt sofort auf: www.rusconi-music.com! Und Augen auf, was die Livekonzerte anbelangt.

 

Auch Heinrich von Kalnein und seine Mitstreiter fühlen sich frei, um die Raumstation Jazz für Ausflüge in den Soundorbit zu nutzen. Der deutsche, in Österreich lebende Saxofonist und Flötist Von Kalnein hat sich bereits mit der Jazz Bigband Graz (JBBG) einen Namen gemacht, bevor er 2008 das Trio KAHIBA gründete. Auf Orbital Spaces sind alle Stücke komplett improvisiert. Neben Tenorsaxofon und Altflöte kommen Piano, Drums, Akkordeon und Percussions zum Einsatz, zudem live erzeugte Electronics. Bei der Entstehung des Albums spielte eine von Tausendsassa Brian Eno für das iPhone mitentwickelte, zufallsorientierte Kompositionssoftware eine wichtige Rolle. Sie hat Anteil an der Tatsache, dass die Sounds zwischen Jazz und Clubmusik nicht zu gleichförmig ambientmäßig geworden sind. Orbital Sounds ist ein spannendes Album geworden, das mitunter den Geist der musikalischen Freiheit eines Miles Davis anklingen lässt und auch hörbar von den musikalischen Abenteuern lebt, die Kalnein mit seiner früheren Indo-Jazz-Fusion- Formation Free Winds gemacht hat. Wunderbar geeignet um beim Hören wegzudriften – ohne wegzudösen!

 



 

Jo Bartmes verfügt über einen fundierten Jazz-Background – u.a. in Form eines Jazz-und Kompositionsmasters, erworben am Queens-College in New York. Doch auch wenn man in der Liste der Auftrittsorte seiner in den nächsten Wochen anstehenden Tour des Öfteren den Namen »Jazzclub« erblickt, sind Kategorisierungen hier Nebensache. Bartmes ist ein Eklektiker der Rare Grooves mit Soulpop verbindet, eine Neo-Swing Nummer genauso mit einpackt wie die lässig groovende Titelmusik eines nie gedrehten 70s-Fernsehkrimis inklusive gepfiffener Melodie. Mal jault die Orgel, dann folgen Cut´n´Clicks aus dem Rechner. Aus der Besetzungsliste von Modular Soul, die Bartmes guten Verbindungen ins Südwestdeutsche »Soul-Pop- Musterländle« geschuldet ist, ist an erster Stelle die Sängerin Fola Dada zu erwähnen, aber auch instrumental sind hier nur Könner am Werk.

 



 

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