TITEL kulturmagazin
Freitag, 24. März 2017 | 20:59

Toms Schnellgericht

23.02.2012

Jesus vs. Alcohol

Der 24.02.2012 ist mal wieder so ein Tag, an dem eine so große Anzahl interessanter Alben erscheint, dass wirklich nur ein Bruchteil wahrgenommen und vorgestellt werden kann. Bei den hier gebündelten Alben liegt die Kraft vor allem in de Ruhe. Musik zwischen düsterer Romantik, Wehmut und euphorischen Emotionsschüben, vorgestellt Von TOM ASAM

 

Jim White hat das Problem der Masse an tollen Musikern auch erkannt. Während er zu seinen musikalischen Anfangstagen nur Wilco, 16 Horseopwer, The Jayhawks und ein paar andere wahrnahm, die so etwas wie den Geist des Lo-Fi-Country/ Folk verkörperten, nimmt er die gegenwärtige Situation folgendermaßen wahr: »Now, there´s a million lonesome geniuses out there, each one singing thier heart out sadder than the next.« Viele von diesen Talenten werden nie wahrgenommen; White ist spätestens seit der BBC-Doku Searching for the wrong eyed Jesus, die sich auf den Titel seines Debüts The mysteroius tale of how I shouted wrong Eyed-Jesus bezieht, kein Unbekannter mehr. Er tritt in der Dokumentation als Erzähler und Führer auf, der dem Zuschauer die Besonderheit der Südstaaten näher bringt. Zwischen Religionsirrungen und Spiritualität, Musik-Besessenheit und White-Trash-Tristesse finden sich hier zahlreiche Nischen und Anekdoten. Auf Where i hurts you gibt sich White stilistisch offener denn je. Der Opener Chase the dark away eröffnet das Album ruhig und noch etwas zögerlich, wie ein aus dem letzten Traum Erwachter den neuen Tag. Here we go ist ein funky Stomper mit Sprechgesang. What Rocks will never know bietet eine eingängige Melodie inklusive entspanntem Mitpfeif-Part. Infinite Mind würdigt traditionelle Musik genauso wie einen Van Vliet ohne Trout Mask. White bleibt nicht leicht zu fassen, allerdings ist klar wo er dich trifft: mitten ins Herz. Für die Romantiker unter den Zweiflern – oder umgekehrt.

 

So mancher verzweifelte Romantiker machte sich ja schon auf zur Alcoholic Faith Mission. Aber weder scheinen mir die hinter diesem Namen agierenden Musiker irgendwelche nennenswerten Probleme mit dem Saufen zu haben, noch verbreitet ihre Musik entsprechende Hoffnungslosigkeit, die den Griff zur Schnaps-Molle unausweichlich erscheinen ließe. Diese Missionare agieren irgendwo zwischen getragener Melodie und sehnsüchtiger Inbrunst. Piano, Posaune, Streicher und Chorgesang zeugen davon, dass das zur Band mutierte, ursprüngliche Duo es nicht bei getragen Indiefolk-Melodien belassen wollte, sondern Pomp und Leidenschaft ins Klangbild zu integrieren versucht. Das Ergebnis wirkt stellenweise etwas gestelzt – man spürt, dass hier keine kauzigen Südstaatenfreaks am Werk sind, sondern Nordeuropäer, die beim Versuch emotionale Tiefe zu erzeugen, auch stets den Kopf einsetzten – und bezüglich Trends und Szenen informiert sind. Das Ergebnis ist trotzdem (oder auch gerade deshalb?) durchaus hörenswert. Ask me this verbindet Indiefolk mit Arcade-Fire-Inbrunst und in der Komplexität wieder reduziertem Animal Collective et al – Checker-Freak-Frickel-Pop.

 

A whisper in the noise sind nach fünf langen Jahren zurück – in der ursprünglichen Duobesetzung West Dylan Thordson und Sonja Larson. Gegründet hatten sie sich laut Bio »unter dem Einfluss von Legenden wie Arvo Paert, Roger Waters und Bob Dylan«, wobei ich letzteren beim Hören von to forget, am ehesten vergesse. Von der Kritik wurden sie vor Jahren vor allem verglichen mit der Vorzeige-Postrockband Mogwai oder auch Sigur Ros. Das Problem: in den letzten zehn Jahren wurden mindestens 1000 Bands mit ähnlichen Vergleichen bedacht. Was A whisper in the dark nicht sind: eine Instrumentalband, die die Gitarren in endlosen Spannungbögen und immer gleichen Klangfixierungen aufbaut und zusammenfallen lässt. Den Pink Floyd-Nachhall vernimmt man hingegen teilweise schon, verbunden mit einer leicht düsteren aber auch verheißungsvollen Melancholie in Form fragilen Dream-Pops mit Klassik-Seitenblick. Durchaus sehr schön, nur schwer wahrzunehmen, so ein whisper in the noise.

 

Ganz sicher auf breiterer Ebene wird man Fabrizio Cammarata & the Second Grace wahrnehmen. Was der Mann aus Palermo und seine Band – deren Name, wie das 2007er Debut The second grace eine Hommage an die unsterbliche Musik des Nick Drake darstellt – hier abliefern, ist internationale Spitzenklasse. Angloamerikanische Singersongwriter-Klassiker und Americana-Traditionen werden hier respektvoll mit großer Klasse und persönlicher Note in die Gegenwart transportiert. Instrumente wie Tabla, Trés, Sitar, Mandoline und Akkordeon werden absolut organisch in die Songs integriert und sorgen für sorgsam austarierte Farbtupfer. Fabrizio Cammarata überzeugt mit kompositorischer Qualität, (akzentfreiem) ausdrucksstarkem Gesang und gekonntem Fingerpicking. Ein grandioses Album, das mich in seiner Stimmung und Qualität wiederholt an das unvergessene Debutalbum von Turin Brakes erinnert. Da Rooms in Italien bereits letzten Herbst erschien, ist die Releasetour, die auch einige Deutschland-Gigs beinhaltete leider schon vorbei. Aber für das Frühjahr ist eine weitere Tour in Planung. Augen und Ohren offen halten!

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Der Spielplatz macht zu

Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter