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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 17:00

    The Eye Of Time: The Eye Of Time / Adrian Aniol: Arrhytmia OST / Condre Scr: You Are Genius / Keith Fullerton Whitman: Generators / Pan & Me: Paal

    23.02.2012

    Statusbericht: Instrumentalmusik

    Quo vadis, Instrumentalmusik? Weit, sehr weit sogar. Das erste Quartal des neuen Jahres ist nicht mal um, da wird es schon Zeit für einen Statusbericht. KRISTOFFER CORNILS versucht, sich einen Überblick zu verschaffen.

     

    Um gleich zu Anfang etwas verschämt zurückzurudern: Marc Euvrie setzt seine Stimme durchaus ein. Auf den Alben seines Soloprojekts The Eye Of Time wird sie jedoch nur am Rande eingesetzt; nur vereinzelt brüllt der Franzose im Hintergrund seiner kargen Songs seine Wut auf eine enthumanisierte Konsumgesellschaft heraus oder setzt Sprachsamples ein. Der politische Anspruch, den Euvrie hegt, erscheint eingedenk seiner Sozialisation umso nachvollziehbarer. Seine Heimatstadt Caen ist bekannt für ihre Hardcore-Szene, der bereits Bands wie Aussitôt Mort entsprungen sind und in der Euvrie aktiv mitgemischt hat und dies immer noch tut. Da ist eine politische Prägung fast unvermeidlich.

     

    In-die-Fresse-Attitüde und –Plattitüden lässt er auf seinem monumentalen Triptychon The Eye Of Time links liegen. Die drei separaten Teile After Us, Jail und Lily On The Valley erzählen angeblich von einer bestimmten Phase im Leben des Musikers und kommen dabei weitestgehend ohne Gesang aus. Kommentiert und in eine sehr eindeutige Richtung geleitet werden die 20 Songs vom Artwork des edel aufgemachten Albums, das Euvrie zusammen mit Denovali Records-Mitbetrieber Thomas Hack gestaltet hat. Jeder Song findet eine morbide, apokalyptische visuelle Entsprechung in düsteren, grünstichigen Horrorvisionen. The Eye Of Time versteht sich also als politischer Kommentar und audiovisuelles Gesamtkunstwerk in einem. Geht das so leicht auf? Jein


    Auf der einen Seite gibt es da wirklich viele Songs, die das wüste Pathos und den kalten Pomp zu einer bedrohlichen Synthese verschmelzen lassen, die wie ein gepresster Aufruf zur Revolution klingen. Da wäre der treibende Tribal-Beat auf The Difference Between You And The Rest, das beklemmende Once They Were Happy And Brought The Nothingness, auf der die Kombination aus einem düsterromantisch Klavier und zackigen Beats voll aufgeht. Andererseits verlässt es sich doch manchmal zu sehr auf den harten, eckigen Klang. Nicht alle der von Drones und Feldaufnahmen umspielten Beats sind wirklich so spannend und mitreißend und manchmal nehmen sich die Songs selbst den Wind aus den Segeln. Wie der unerwartete Pianoausfall auf Time Has Come, der zu forciert eine Abwechslung reinbringt. Häufig sind die Songs auch überfrachtet mit Sounds, Use Your Wings For What They Are versammelt um einen Drum’n’Bass-Beat so viele andere Klänge und Rhythmen, dass der Songs eher abschreckend daher kommt. The Eye Of Times Breakbeat-Barock hat durchaus seine anstrengenden Momente, er fordert eine Menge Geduld von seiner Hörerschaft.


    Es hat was von einem totalitären Pomp, den Euvrie da inszeniert. Das macht The Eye of Time zu einer zwiespältigen Angelegenheit. Das Album beunruhigt mit seiner diktatorischen, monolithischen Ästhetik. Andererseits liegt auch seine Stärke darin, denn genau dies bestätigt das fatalistische Diktum, das der Franzose im Booklet verewigt hat: »Man hat den Menschen seiner Möglichkeiten zu Abenteuern und Experimenten beraubt, welche ihm die Existenz geben soll. Wir lassen die Menschheit verdunkeln und erlöschen, denn wir gehen keine Risiken ein.« Im besten Fall fungiert diese Musik also als halbblinder Spiegel, in dem wir beunruhigende Szenen sehen können, wie sie im Booklet ihren Niederschlag finden. So oder so handelt es sich bei The Eye Of Time um eine Herausforderung, in ästhetischer wie politischer Hinsicht.

     

    Dystopischer Albtraum

    Nach der Leichenschmauslaune von Eye Of The Time dreht Adrian Aniol das Thermostat noch weiter runter. Auf dem für die Indie-Filmproduktion Arrhytmia des kürzlich verstorbenen Regisseurs James Hartley klingt nichts echt. So gut wie keinem Ton lässt sich einem Instrument zuordnen, obwohl Saxophon und Streicher ihren Auftritt haben sollen: Die Klangcollagen Aniols wirken unendlich ver- und entfremdet. Arrhytmia OST strahlt das sterile Gefühl der absoluten Verlorenheit aus, löst ein brutales Kopfkino aus. Die Bilder, die zu dem Auf- und Abwabern von Klängen entstehen, sind mehr als trostlos. Abstrakt und durch die vielen Echoeffekte und geschichteten Sounds doch mit viel räumlicher Tiefe versehen scheint Arrhythmia eine Geschichte zu erzählen. Vielleicht folgt es dabei wirklich dem Film, über den sich selbst bei intensiver Recherche nur das herausfinden lässt, was der Pressetext des Albums verrät. Mehr nicht


    Es ist, als würde es selbst den Film nicht geben, als wäre er ebenso unreal wie die klaustrophobischen Soundscapes, die Aniol auf über 50 Minuten in einander webt. Sie flüstern hier, brüllen dort und kreischen woanders von einer Welt, in der Menschen nur noch als atomisierte Variablen einer Matrix auftreten, einer komplexen Struktur, die kein Leben mehr in sich trägt wie auch die Tracks auf Arrhythmia OST keinen organischen Ursprung mehr zu haben scheinen. Es ist kaum vorstellbar, dass dahinter noch ein Mensch, ein Musiker stecken soll, obwohl doch irgendwer für die kongenial arrangierten Höhen und Tiefen verantwortlich sein müsste. Eine rundum unheimliche Collage, ein dystopischer Albtraum, eine grässlich verzerrte Elegie auf die Diktatur des Digitalen. Ein überwältigendes Album, das verstört – und nahezu besessen macht.

     

    Spagat zwischen Catchiness und Ernsthaftigkeit

    Cineastische Qualitäten lassen sich auch Condre Scr diagnostizieren, und wenn man ihre Musik in Bildern denken möchte, geben sich diese so hoffnungsvoll und warm gezeichnet, als wollten sie einem Kulturpessimisten wie Aniol oder einem Düsterpunk wie Euvrie die schönen Seiten des Lebens entgegenhalten. Die Berliner Band hat in Sachen Songwriting und Harmonielehre bei dem schottischen Post-Rock-Monument Mogwai ihren Abschluss gemacht, das ist von der ersten Sekunde an klar. Epigonal klingen die acht Songs des Zweitwerks You Are Genius jedoch nicht. Sowieso entgeht die Band dem Einheitsbrei durch ein kompaktes und ausgewogenes Songwriting. Kein verkitschter Schwurbel. Perfekt aufeinander abgestimmte, ineinander zahnende Melodien und eine druckvolle Rhythmussektion lassen keine Langweile oder gar esoterische Verklärtheit aufkommen, das Sextett weiß, was es will und zieht ihren Kurs konsequent durch. Unterstützt wird das ausgefeilte Songwriting noch von der brillanten Produktion und dem glasklaren Mix & Mastering von Falk Andreas in der Tonmeisterei Oldenburg, die für ihre Qualität bekannt ist


    You Are Genius durchläuft ein wahres Facettenreichtum an unterschiedlichen Stimmungen, von melancholisch über verträumt bis euphorisch und schafft es dabei, die Fettnäpfchen zu umgehen, die im Genre des Post-Rocks bereits zu Standards mutiert sind, ohne sich dabei auf Biegen und Brechen abgrenzen zu wollen. Der Spagat zwischen Catchiness und Ernsthaftigkeit bringen sie mit Bravour. Unprätentiös, technisch versiert und mit dem richtigen Esprit an der Arbeit – Condre Scr sollte man sich notieren.

     

    Frustration über die Grenzenlosigkeit

    Viel Musik entsteht aus Frustration heraus. Häufig aus politischer heraus – man denke an den klassischen Protestsong eines jungen Bob Dylans, die Anfangszeiten des Hip Hop, in dem eine Minderheit zu Wort kam oder an die virulente US-Hardcore-Szene der 80er Jahre, die durch ihre Wut auf die Politik Ronald Reagans vereint wurde. Ähnlich häufig ist die Frustration jedoch ästhetisch motiviert, wenn Genres als restriktiv empfunden werden, die Konventionen als formales Diktat erscheinen. Mit der fortschreitenden Technologisierung sollten die Grenzen eigentlich aufgehoben worden sein. Wer nur möchte, kann sich einmischen, scheinbar gibt es keine festen Regeln mehr dafür, was und vor allem wie etwas seinen Ausdruck zu finden hat. Keith Fullerton Whitman sieht gerade darin das neue Übel. Die Grenzenlosigkeit, die Computer versprechen, das ist für ihn keine Lösung. Zumal sie ihre Versprechen nicht während einer Echtzeitperformance einhalten können.

    Auf Generators präsentiert er nun eine solche Performance. Das Album ist aufgeteilt in zwei Stücke, Issue Generator und High Zero Generator. Ihre identische Länge von 17 Minuten 34 Sekunden weist schon darauf hin, dass hier nach Spiegelachsenprinzip vorgegangen wurde, doch informiert man sich noch etwas mehr, wird man überrascht: Beide Tracks sind die definitiven Versionen ein und desselben Stücks, so paradox das trotz der offensichtlichen Gemeinsamkeiten klingen mag. An zwei aneinander folgenden Tagen improvisierte Whitman unbeirrt vor sich hin, auf dem ersten Stück mit mehr Kohärenz als auf dem zweiten, das mit einer Menge von Störgeräuschen die Nerven aufreibt, bevor es in das hypnotische Schillern und Flickern der hochfrequenten Klänge übergeht, die Issue Generator noch eindeutiger definiert haben.


    Ein wenig rätselhaft klingt das alles schon und auch die Erklärungen zu Whitmans Vorgehensweise sind aufgrund deren technischer Komplexität schwer nachvollziehbar. Offenkundig jedoch arbeitet der US-Amerikaner lieber mit Gitarrensignalen, die er verstärkt und vervielfacht und die sich in tonal unreinen Reichen bewegen als am Laptop ein paar Samples zusammen zu schrauben. Auf Issue Generator bewirkt das einen faszinierenden Flow, die einzelnen Stimmen beziehungsweise Schichten finden ein ums andere Mal einen gemeinsamen Rhythmus, bevor sie wieder zeitlichen Verschiebungen unterliegen und sich gegenseitig kontrapunktieren. Mantrafhaft verläuft die Improvisation und weiß mit seiner Vielschichtigkeit zu überzeugen. Die Stringenz geht High Zero Generator mit seinen zuckenden Noise-Versatzstücken leider ab, der Track hat etwas Wahlloses. Seine Frustration in einer schönen Form zu kanalisieren, das ist Whitman jedenfalls auf der einen Seite der LP gelungen, ob er sie endgültig los werden kann, das muss wohl die Zukunft zeigen.

     

    Der Geruch des Nordpazifiks

    Einen Schritt weiter geht Pan & Me, das Soloprojekt von Christophe Mevel, der vor Kurzem mit seinem Hauptprojekt Dale Cooper Quartet & The Dictaphones noch ein brillantes Album hinlegte. Den zigarettenrauchschwangeren Noir-Jazz lässt er auf Paal hinter sich und konzentriert sich auf Streicher- und Pianoarrangements, die von Feldaufnahmen angereichert, die eine eindringliche Atmosphäre schaffen. Paal kommt als organisches Ganzes daher, das mittels Vinylknistern einen vergänglichen Anstrich bekommt, wie ein langsam zerfallendes Polaroid. Darauf zu sehen: Abgeschiedenheit


    Bis nach Alaska hat es Mevel verschlagen, in eine menschenverlassene Gegend. Der Ort scheint seine Eindrücke hinterlassen zu haben und beinahe hat es den Anschein, als würde das ruhig vor sich hin laufende Album den Geruch des Nordpazifiks ausströmen. Die sechs Stücke wirken ihrer stimmlichen Geschlossenheit zum Trotz noch sehr unfertig, skizzenhaft. Das verstärkt ihre Wirkung nur mehr. Paal ist ein friedliches Album, eine Sammlung von Momentaufnahmen eines Lebens ohne Hektik, dessen Improvisationscharakter unendlich charismatisch ist. Es strahlt eine schier grenzenlose Ruhe aus, ein gutes Gefühl selbst an den Stellen, wo es sich in atonale Bereiche vorwagt und, wie auf 53° 18' N 167° 52' W elektronische Beats auftauchen. Sie stören die Harmonie zumindest nicht.


    Also, quo vadis? In die richtige Richtung vadit! 2012 bietet schon nach nur zwei Monaten eine Menge Impulse. Vom gravitätischen Sound des ernüchternden The Eye Of Time-Debüts, der abstrakt-minimalistischen Horrorvision Adrian Aniols über das knackig-warme Zweitwerk von Codre Scr, den Tüfteleien eines Keith Fullerton Whitman hin bis zu den erdigen Polaroids Pan & Mes: Die Stoßrichtungen sind viel. Da braucht es auch keinen Gesang mehr.

     

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