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    Mittwoch, 23. August 2017 | 02:34

    Petrels: Haeligewielle

    09.02.2012

    Apnoetauchen

    Wenn ein Album monatelang durch die Blogosphäre gereicht wird, müsste es eigentlich irgendwann Abnutzungserscheinungen zeigen. PetrelsHaeligewielle zeigt sich bisher resistent. Und wird so schnell nicht in den ozeanischen Gefilden des Web 2.0 absaufen, davon ist KRISTOFFER CORNILS überzeugt. Wenn ein Album nämlich schwimmen kann, dann dieses.

     

    Weniger als ein Jahr ist es her, dass das Solo-Debüt von Oliver Barrett, bekannt als Mitglied des Bleeding Heart Narrative, auf Tartaruga erschien. Seitdem hat sich ein kleiner und absolut berechtigter Internet-Hype um das Album entwickelt und Denovali veröffentlicht die Platte nun neu in einer Vinyl- sowie einer CD-Version. Obwohl Haeligewielle mit einer guten Portion schimmernder Drone-Sounds sehr ruhig einsteigt, entwickelt sich das Album über seine 50 Minuten Spielzeit kontinuierlich zu einem vielseitigen Stück experimenteller Musik mit synästhetischer Kraft. Ein kleiner Höhepunkt in diesem melancholisch-spacigen Gesamtkunstwerk lässt sich schon früh ausmachen: In Canute bauen sich die verschiedenen Sounds dermaßen mächtig zu einer gigantischen »Wall of Sound« auf, dass es kaum auszuhalten ist. Selten hat man in der Sparte der Ambient- und Drone-Musik ein fordernderes Stück gehört.

     

    Nach der sonischen Flut folgt erst mal harmloserer Wellengang. Die elektronischen Elemente treten in den Hintergrund, weichen auf The Statue Is Unveiled With The Face Of Another der klassischen Post-Rock-Instrumentierung und brummen auf Concrete nur noch leise vor sich hin. Da steht nämlich der Gesang im Vordergrund. Es ist ein Chorstück, wie man es von solcher Schönheit das letzte Mal bei den schottischen Aereogramme gehört hat. Doch selbst die Erinnerung an die längst aufgelöste Post-Rock-Legende verblasst etwas, wenn die menschliche Komponente langsam die Kontrolle wieder abgibt: erst an die Streicher, dann an die sanften und doch monumentalen Drones, die den Background regieren. Das Ende bestreiten wieder die echogesättigten Stimmen, bevor Winchester Croydon Winchester abrupt mit Melodiekaskaden das Tempo deutlich anzieht, den einen oder anderen Rückgriff auf die Minimal Music à la Steve Reich erahnen lässt. Wiliam Walker Strengthens The Foundations schließt das Album als ein schlitzohriger Trugschluss, scheint zuerst den Bogen zum minimalistischen Anfang zu schlagen. Langsam aber stetig jedoch meißelt Barrett aus den Drone-Schichten einen Beat heraus, auf dem das Album verklingt – der Rest, das ist das Geräusch von Wellen, die an das Ufer plätschern.


    Damit wäre die perfekte Metapher geschaffen für Haeligewielle, dessen Cover nicht zufällig vom Helm einer alten Taucherausrüstung geziert wird, dessen Urheber sein Projekt nicht zufällig nach Hochseevögeln benannt hat. Die Musik ahmt die Bewegungen des Wassers nach, schafft mit sorgsam collagierten Klängen und wenigen Effekten Bewegungen, die dem Element zu eigen sind. Ob sich die Wellenberge auftürmen – Canute – oder die Binnengewässer seichte dahin dümpeln – Concrete –, es ist eine fast haptische, zumindest jedoch synästhetische Erfahrung, Haeligewielle zu hören. Aufwühlend und atemberaubend zugleich – Apnoetauchen in einem fantastischen Album.

     



     

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