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Dienstag, 28. März 2017 | 10:15

SUNN O))) meets Nurse With Wound: The Iron Soul Of Nothing / Eyvind Kang: Visible Breath

24.11.2011

Verstörungspotenzial

Nach dem nicht gerade eingängigen, aber genialen Aestuarium von Jessika Kenney & Eyvind Kang (mehr dazu hier) veröffentlicht SUNN O)))-Mastermind Stephen O’Malley auf Ideologic, dem von ihm kuratierten Sublabel von Editions Mego, zwei neue Alben. Kang besticht auf Visible Breath mit drei experimentellen Kompositionen und auf The Iron Soul Of Nothing nehmen Nurse With Wound den SUNN O)))-Klassiker ØØ Void ins Labor. KRISTOFFER CORNILS hofft inständig, dass es mit Ideologic so weitergeht.

 

Es ist schwer zu beschreiben, was Nurse With Wound aus dem erst kürzlich auf Southern Lord neu veröffentlichten Drone/Doom-Klassiker gemacht haben. Der mark- und erderschütternde, röhrende Gitarrensound, der das elf Jahre alte SUNN O)))-Album trägt, es eigentlich ausmacht – er ist einfach nicht mehr da. Oder? Irgendwie hängt er noch in der Luft, als nervöses Brummen, ganz hinten im Mix, fast unkenntlich, irgendwie elektronisch, abstrahiert. Dysnystaxis (… A Chance Meeting With Somnus) jedenfalls ist schwerlich als Remix, als Neubearbeitung, zu erkennen. Mehr als 19 Minuten entwickelt sich nichts von dem harschen Charakter, den das Original ausmacht. Eine trostlose Streichermelodie steht einsam und verlassen im Raum, irgendwann gibt ein überraschend warmer Bass dem Stück etwas Kontur – das war’s aber auch schon.

 

Nurse With Wound, geführt von Steven Stapleton, hat aus ØØ Void etwas Neues, sogar etwas sehr eigenes gemacht. Das stieß den Fans des amerikanischen Duos schon bei der Erstveröffentlichung der Tracks auf der Special Edition des Albums etwas ungut auf, das dürfte sich nicht wirklich ändern. Ra at Dawn – oder besser, was davon übergeblieben ist – wird von Stapleton in zwei Teile geschnitten, Ash On The Trees bewahrt zwar noch am ehesten den Charakter des Ausgangsmaterials, aber die Vocals von Pete Stahl wirken doch arg fehl am Platz.

 

Man kann es drehen oder wenden, wie man will: Nurse With Wound haben den Sound von SUNN O))) seziert, die einzelnen Teile rausgeschnitten und sich im Labor einen frankensteinesken Bastard zusammengeschraubt. Als Fan kann man da schon wütend werden – wo steckt eigentlich das Original? Das ist nicht das, was man erwartet hatte, das ist irgendwie… Verstörend. Das ist andererseits genau das, was The Iron Soul Of Nothing wieder wichtig macht.  

 

Stephen O’Malley und Greg Anderson werden, so scheint es zumindest, mehr und mehr auf den Trademark Drone/Doom-Sound reduziert, den sie in Anlehnung an Earth um die Jahrtausendwende geprägt haben. Und wo die Klischees sich einstellen, da braucht es jemanden, der sie wieder freischlägt. In dem Fall könnte das Nurse With Wound sein, deren Neubearbeitung des Albums seine schwächsten Stellen dort aufweist, wo er zu sehr nach SUNN O))) klingt und seine stärksten dort, wo er wirklich zu verstören weiß. Das mit einer so geübten Hörerschaft anzustellen ist schon eine Meisterleistung an sich.

 

Bizarre Schönheit

Eyvind Kang ist ebenfalls eng mit SUNN O))) verbunden, hat er doch auf deren zwei Jahre zurückliegendem Meisterwerk Monoliths & Dimensions die Streicherarrangements besorgt. Nachdem O’Malley auf Ideologic Kangs Kollaboration mit Jessika Kenney – die auf just diesem Album sang und die Chorpassagen leitete – dessen kongeniales Aestuarium wiederveröffentlichte, folgen nun drei Kompositionen aus Kangs Feder. Zwei davon stammen noch aus der Zeit der Aufnahmen von Monoliths & Dimensions. Das dritte, fast 17 Minuten lange Stück, entstand im Sommer 2011.  

 

Kang reizt seine Zuhörerschaft aufs Äußerste – lang gezogene, dissonante Violinentöne treten auf sich bedrohlich auftürmende Blasinstrumente, einen Rhythmus scheint es nicht zu geben. Hin und wieder vereinen sich die Instrumente und das Tongewirr löst sich für einen kurzen Moment auf, ein greifbarer Akkord liegt in der Luft – und dann fällt wieder alles auseinander. Mit klassischen Instrumenten das Chaos zu beschwören ist im 21. Jahrhundert kein innovativer Zug mehr, aber Kang wirkt wie jemand mit einem Plan. Das rettet das Album sicherlich vor dem Eindruck der Wahllosigkeit.

 

Es mag übertrieben klingen, einer solch komplexen, atonal anmutenden Musik dieses Prädikat zu verleihen, aber Visible Breath ist von bizarrer Schönheit. Vor einem durchgängig gehaltenen, fragilen Ton treten auf dem Titelstück die einzelnen Instrumente – vor allem von Streichern und Bläsern sowie Piano besetzt – in Interaktion wie in einem Theaterstück. Monadology betört mit seinen bittersüßen Anklängen, die sich zum Ende in einem polyphonen Gewitter entladen. Thick Tarragon lotet all jene Klänge aus, die kaum welche sind – Obertöne verzieren eine walzerähnliche Struktur, werden mit Echoeffekten versehen und versinken ebenfalls in einem kakophonen Finale. Visible Breath ist schön, aber anstrengend. Musik, der man sich intellektuell nähern muss, bevor sie emotional wirken kann.

 

Es verhält sich ähnlich wie bei SUNN O))) meets Nurse With Wound: Beide Releases zielen nicht auf Gefallen ab, sie fordern heraus, haben ihr eigenes Verstörungspotenzial. Gut, dass es für solche Musik dank Editions Mego, Ideologic und Stephen O’Malley eine Anlaufstelle gibt.

 

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