• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 02:40

    Schostakowitsch: New Babylon

    17.11.2011

    Filmmusikalischer Höhepunkt

    Wenn von Schostakowitsch die Rede ist, dann wird fast reflexhaft von den Behinderungen und Schikanen gesprochen, denen er seitens der Politik unterworfen war, als benötigte sein Werk einen Bonus. Die Wahrheit ist: Schostakowitschs Kompositionen gehören, den Kompromissen und Restriktionen zum Trotz, zum Bedeutendsten, was die Musik des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was er ohne Zensur und Repression hervorgebracht hätte. Das gilt im Übrigen für zahlreiche Künstler auch vorausgegangener Epochen. Dass man den Russen im Westen lange unterschätzt hat, geht jedenfalls nicht auf das Konto Stalins und seiner parteitreuen Funktionäre. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Wenn sich bei Schostakowitsch immer wieder auch triviale Passagen finden, dann mag sich das den Interventionen der Politik verdanken. Man kann es aber auch, aus heutiger Sicht, als Vorgriff auf die Postmoderne verstehen, als eine Unbekümmertheit gegenüber Nachbarschaften, in denen Avantgarde und Banalität ein neues Ganzes bilden. Was politisch ohne Abstriche verwerflich war – die Einschränkung der schöpferischen Freiheit –, muss nicht automatisch zum Verlust von künstlerischer Qualität führen. Manches spricht dafür, in Schostakowitsch den wichtigsten Symphoniker nach Mahler zu sehen. Was aber darüber hinaus beeindruckt, ist die Breite von Schostakowitschs Schaffen. Es gibt kaum ein Gebiet des musikalischen Universums, auf dem er sich nicht versucht hat. Unter anderem hat er in der Filmmusik neue Wege gewiesen.

     

    Und auch da gilt, dass er bis heute nicht hinreichend wahrgenommen und gewürdigt wurde. Schostakowitsch steht als Filmkomponist zweifellos zumindest auf der gleichen Stufe wie solche Meister des Genres wie Hanns Eisler, Arthur Honegger, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofjew, Bernard Herrmann oder Max Steiner.

    1929, ganz am Ende der Stummfilmepoche, drehten die sowjetischen Regisseure Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg den Film Das Neue Babylon über die Pariser Commune von 1871 (Artikel). Der damals 22jährige Dmitri Schostakowitsch hat dazu die Musik geschrieben, die lange als verschollen galt und jetzt, interpretiert von der Basel Sinfonietta unter Mark Fitz-Gerald, erstmals vollständig, in einer Länge von insgesamt 91 Minuten, auf zwei CDs  vorliegt. In einem Artikel, der im Beiheft zur Edition auszugsweise abgedruckt ist, schreibt Schostakowitsch: »Ich konstruierte einen großen Teil der Musik nach dem Kontrastprinzip.« Das erinnert an Eisensteins »Montage der Attraktionen« und bestärkt eine Auffassung, wonach man im Kontrast die ästhetische Entsprechung zum dialektischen Denken entdecken mag.

     

    Schostakowitsch zitiert, zum Teil mit direktem Bezug zur Filmhandlung, Wiener Walzer und Jacques Offenbach, er imitiert Strawinskys Petruschka, die Marseillaise und das Ça ira sowie die Internationale klingen stoffbedingt in zahllosen Varianten und Verfremdungen an. Schwerlich findet man in der Musik des 20. Jahrhunderts einen Komponisten, der raffinierter mit Klangwirkungen umgehen konnte als Schostakowitsch – so auch in der Musik zum Neuen Babylon. Seit Richard Wagner hat kaum einer die Bläser so prominent eingesetzt wie der Russe. Sie dienen ihm, neben den Schlaginstrumenten, immer wieder zu dynamischen Exzessen. Die sind umso erstaunlicher, als die Komposition zum Neuen Babylon für eine kleine Besetzung von 14 Musikern geschrieben ist – mehr passten nicht in die kleinen Kinos, in denen der Film seinerzeit aufgeführt wurde –, und auch die aktuelle Aufnahme kommt mit Solostreichern und -holzbläsern aus. Die Trompete wurde doppelt besetzt, weil ihr Part, nach den Worten des Dirigenten, für einen einzigen Musiker praktisch unspielbar ist.

     



     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Der Spielplatz macht zu

    Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter