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Kanalschwimmer

06.09.2004

"Es ist kalt, Du wirst zittern"
(Kanalschwimmer-Regel Nr. 2)

Nach den Wettkampfhöhepunkten der letzten Wochen bietet „Kanalschwimmer“, der neue Dokumentarfilm von Jörg Adolph, einen anderen Blick nicht nur auf die Wasseroberfläche und zeigt Freiluftschwimmer aus Leidenschaft.

 

Mitternacht im Deutschen Fernsehen: wo früher das Testbild ausgestrahlt wurde, hat nun oftmals der Dokumentarfilm seinen Sendeplatz. Mag sein, dass bei den Senderverantwortlichen die Qualität und die Quotentauglichkeit eines Dokumentarfilms mit einem Testbild gleichgesetzt wird: Einschläfernd eben, trotz Bewegtbildern. Es wird daher wohl vorausgesetzt, dass Liebhaber des Dokumentarfilms einen Videorecorder besitzen, um sich eine zeitversetzte Sichtung zu ermöglichen.

Zugegeben: Die Kanalschwimmer-Dokumentation von Jörg Adolph (zum Interview) bildet keinen reißerischen Kontrapunkt, wie es vielleicht eine zu einer solchen Uhrzeit ausgestrahlte Olympische Schwimmdisziplin mit ihrem kurzlebigen Sensationspotential wäre. Dabei ist die Leistung der Kanalschwimmer durchaus als olympisch zu bewerten, zu Lande etwa dem Marathonlauf vergleichbar und doch so anders: Zwar gibt es Sieger und Verlierer, aber das ganze Rennen gegen die Uhr oder gegen die eigene Schwäche findet in der Regel vor einem geringen Publikum – verteilt auf zwei Motivations- und Betreuerboote – statt. Nun aber schwappen die sonst kaum Beachteten ins Fernsehen und vielleicht auch noch ins Kino.

Wer, wie ich, das Schwimmen lange Zeit gehasst hat, erlebt die Kanalschwimmer zunächst als Wesen vom Mars: Was soll das, das muss doch wirklich nicht sein. Es gibt so viel Schöne(re)s im Leben. Weil jedoch Jörg Adolph diesen Männern über zwei Sommer hin eine sogar den legendären ZDF-Sportspiegel an Intensität sprengende Aufmerksamkeit widmete, wandelt sich anfänglicher Langmut in Neugierde: Was ist es also, das Erwachsene in 16 Grad kaltes Salzwasser treibt, um die 33 Kilometer von Dover nach Calais in 7 bis 21 oder mehr Stunden zu durchschwimmen? Kann der Weg hier noch das Ziel sein, wenn man selbst sich vergegenwärtigt, dass man gerade einmal auf den Fahrtenschwimmer scharf war? Die Bilder des Kameramanns Luigi Falorni liefern Antworten. Sie dienen nicht als Folie für die im Dokumentarfilm so beliebte Wortschwemme aus dem Off. Jörg Adolph kommentiert bestenfalls durch die Montage der Bilder, wie immer, wenn er sich filmisch einer der merkwürdigen Leidenschaften des Lebens, die uns umgeben, widmet. Bei aller Ruhe im filmischen Erzählen entsteht die Dramatik der Frage bei jedem der drei porträtierten Kanalschwimmer: Wird er es schaffen?
Wenn man am Ende des Films dann ein Stück weit nachempfinden kann, warum es einige Menschen gibt, für die das Kanaldurchschwimmen wohl sein muss, absteigt ein seltsames, fast nasskaltes Gefühl, und man ist versucht, zu einem Handtuch zu greifen…

Olaf Selg

 
Kanalschwimmer
Dokumentarfilm, Deutschland 2004
Buch und Regie: Jörg Adolph
Musik: The Notwist und Console
Sendetermin: in der Nacht von Montag, 06.09.2004 auf Dienstag, 00.00 Uhr, ZDF

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