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Italo Calvino: Diverse

06.09.2004

Calvinistische Dreifaltigkeit

Im nächsten Jahr ist der italienische Schriftsteller Italo Calvino 20 Jahre tot und dennoch als einer der hellsten, intelligentesten und verspieltesten Autoren der gesamten modernen Literatur so lebendig wie wenige lebende Autoren. Nun können wir uns über einige exquisite Erstübersetzungen freuen.

 

Man muss Calvino nur "(wieder)lesen", wie seine erste Antwort auf die Frage "Warum Klassiker lesen?" lautet; und dass man das kann, verdanken wir seinem deutschen Verlag Carl Hanser (und jetzt auch der "Anderen Bibliothek") und meistens seinem deutschen Übersetzer Burkhard Kroeber. Vor allem aber natürlich Calvino selbst und seiner ausgreifend-vielfältigen literarischen Produktivität - ganz zu schweigen von seiner noch unübersetzten Korrespondenz, der gerade ein eben entdecktes Konvolut leidenschaftlicher Liebesbriefe hinzugewachsen ist.

Kreuz- und Querzüge

Im gleichen Jahr, in dem der Linguist Umberto Eco, der ihn in mancher Hinsicht als einziger italienischer Autor literarisch "beerben" sollte, seinen ersten Roman-Ausflug "Im Namen der Rose" startete (1985), erschien auch Italo Calvinos letzter und umfangreichster Roman "Wenn ein Reisender in einer Winternacht", in dem Calvino höchst raffiniert und witzig seine erzählerische Kreuz- und Querzüge und -sprünge durch alle klassischen Romangenres vom Liebes- zum Abenteuer- oder Kriminalroman etc. durchspielte. Kurz darauf starb der in San Remo geborene Calvino 62-jährig in Siena. Aber noch im historischen Augenblick, als der Ältere mit dem Jüngeren konkurrierte, war er seinem verwandten Nachfolger, der bald zum internationalen Bestellerautor werden sollte (was Calvino, schon gar nicht in diesem Ecoschen Umfang, je war), literarisch voraus: durch eine reichere semantische Palette, durch eine riskantere artistische Strategie, gewissermaßen wie der J.S. Bach des "Musikalischen Opfers" dem Haydn der "Abschiedsymphonie" künstlerisch überlegen war.
Gleichwohl setzt Eco (wenn auch auf nicht so breiter und verdichteter imaginativer und intellektueller Basis) fort, wofür Calvino wie kaum ein zweiter Schriftsteller seiner Zeit - nur die Argentinier J. L. Borges und Julio Cortázar spielen mit ihm in dieser literarischen "Liga" - den Maßstab setzte: für die Phantastische Literatur, die Literatur der Phantasmen und für eine literarische Fähigkeit, das ganze Spektrum des Schriftlichen und Intellektuellen souverän und vor allem mit unerschöpflich-spielerischem Humor, Witz und Scharfsinn ausschreiten zu können.

Literatur der Phantasmen

Als der italienische Schriftsteller 1985 starb, konnte man als deutscher Leser nur seine erzählerischen Parabeln und eigenwillig-phantastischen Romane ("Der Baron auf den Bäumen", "Der Ritter, den es nie gab", "Das Schloß, darin sich Schicksale kreuzen") bis zum "Reisenden in einer Winternacht" kennen. Erst postum aber ist uns die ganze Breite seines literarischen Schaffens von Kroeber und C. Hanser kontinuierlich nahegebracht worden: seine "Cosmocomics", seine Erzählungen, seine Märchensammlung, seine Aufsätze, Essays, Autobiografica. Nichts war darunter, was man - einmal von Calvinos Charme und Intelligenz entflammt - missen möchte, weil es sich bei ihm um einen enzyklopädisch sich verströmenden Klassiker der Weltliteratur handelt, dem nahezu alles, was sein auf Schönheit des Gedankens und Ausdrucks gerichtetes Interesse ergriff, in spielerischer Leichtigkeit dem Gelingen zutrieb.
Unter den 14 Thesen, mit denen Calvino in seinen Essay "Warum Klassiker lesen?" für die Lektüre der Klassiker plädiert, lauten die vorletzte und letzte: "Es ist das klassisch, was dazu neigt, die Aktualität auf den Rang eines Hintergrundgeräusches zu verweisen, aber gleichzeitig auf dieses Hintergrundgeräusch nicht verzichten kann. Es ist das klassisch, was als Hintergrundgeräusch auch dort bestehen bleibt, wo die unverträglichste Aktualität den Ton angibt". Nicht weil die uns postum zugänglich gewordenen Arbeiten Calvinos zum "Kanon" der Literatur zählten, die wir aus "Bildungsnotwendigkeit" kennen müssten (was gar nicht der Fall ist), sondern weil sie (obwohl historisch und mit Verschleif-Spuren der Vergangenheit versehen) überwiegend noch so frisch, hell, amüsant und ergreifend sind, dass es eine Lust ist, sie zu lesen - allein deshalb "lohnt" es sich, nämlich aus subjektivem literarischem Vergnügen, sie wie eben Geschriebenes anzunehmen und aufzuschlagen. Man wird davon bezaubert sein.

Warum man "Klassiker" lesen sollte

Der eben zitierte Essay "Warum Klassiker lesen?" eröffnet einen umfangreichen Band, in dem Aufsätze, Reden und Essays gesammelt sind, die Calvino über Bücher, Autoren und Themen in deren Werken geschrieben und die seine Witwe ausgewählt hat nach dem Gesichtspunkt, dass "diese Bücher ihm in verschiedenen Phasen seines Lebens besonders nahe waren". Calvino war ein großer Leser. Nach seinem Studium der Philosophie und Literatur war er nämlich lange Zeit (wie auch Cesare Pavese) Verlagslektor (beim Einaudi-Verlag) - und nicht wenige dieser Arbeiten sind als Vor- oder Nachworte zu Klassikereditionen entstanden, andere als Rezensionen, einige als Reden gehalten worden. Also sind sie vom Anlass her bunt gewürfelt, ebenso sind sie unterschiedlich in ihrer Form und ihren Blickwinkeln - aber alle sind so kenntnisreiche wie animierende, so erhellende wie entdeckungsfreudige literarische Vermittlungen, welche das Temperament und die Intelligenz des poeta doctus passiert haben und jeweils für sich und auf verschiedene Weise zeigen, wie zu lesen, zu verstehen, zu analysieren sei, was sich uns als klassische Literatur darbietet, die (so eine weitere These, deren Belege Calvino hier aufs Schönste liefert) "nie aufhören, das zu sagen, was sie zu sagen haben".
Glücklicherweise wird aber von Calvino nicht der literarische Kanon und nur seine Hauptwerke dabei ins Auge gefasst. Zwar widmen sich Aufsätze der "Odyssee", der Xenophonischen "Anabasis" oder "Robinson Crusoe", "Candide", "Jacques le Fatalist", der "Kartause von Parma", "Der gräßlichen Bescherung in der Via Merulana" oder dem "Doktor Schiwago". Aber im Falle von Balzac, Dickens, Flaubert, Tolstoi, Henry James, Stevenson oder Joseph Conrad finden weniger bekannte Werke dieser Schriftsteller Italo Calvinos Interesse oder er sucht über selbst gesetzte Themen sich seinen eigenen Zugang. Auch bezieht er, entsprechend seinen übers Erzählerische, Episch-Lyrische hinausreichenden philosophischen, kulturhistorischen Interessen, die Naturkunde des Älteren Plinius, die Gedankenwelt des italienischen Universalgelehrten Geralamo Cardono oder Galileis Auffassung von der Natur mit ein.
Von andersartigem, nämlich informativ-entdeckerischem Interesse dürften aber erst recht jene Aufsätze sein, die auf Werke und Autoren verweisen und sie darstellen, die eher der romanischen oder der italienischen Kultur zugehören - wie der spanische Ritterroman "Tirant lo Blanc" (den auch Mario Vargas Llosa schätzt und der teilweise vor etlichen Jahren bei S. Fischer erstmals übersetzt erschienen ist), aber vor allem das große italienischen Versepos "Orlando Furioso" von Ariost, dem Calvinos besondere Liebe galt und dem seine eigene Literatur der Camouflage, der Verwirrung und rationalen Konstruktion, die sich hinter allerlei Spielanordnungen listig und lustig versteckte und zu erkennen gab, so viel zu verdanken hat - wie dem Ovid der "Metamorphosen" oder den "pataphysischen" Gedanken- und Versuchsanordnungen von Raymond Queneau oder Georges Perec (und Julio Cortázar), zu deren "Oulipo"-Gruppe in Paris Calvino ja auch gehörte.

Ein Reader's Digest aus 1500 Barockseiten

So begeistert war Calvino von dem 1500 (!) Seiten umfassenden phantasmatischen "Orlando Furioso", seinen zahllosen Nebenhandlungen, abenteuerlichen Verwicklungen und vom ideomatisch-metaphorischen Reichtum im Stanzenwerk Ariosts, dass er einen Reader's Digest aus dem "Rasenden Roland" mit Textauszügen und vor allem Inhaltskondensaten und philologischen Exkursen herstellte, um das einst weit verbreitete, in jeder Hinsicht exzentrische Werk aus dem 16. Jahrhundert der Gegenwart in nuce und als literarische Ruinenlandschaft wieder zugänglich und begehbar zu machen.
Diese italienische Ausgabe mit Calvinos köstlichen, humoristisch-ironischen Auf- und Niederfahrten im Ariostschen Textkorpus ist jetzt, von Burkhard Kroeber übersetzt, in H.M. Enzensbergers "Anderen Bibliothek" in einer mit 63 Zeichnungen Johannes Grützkes fulminant angereicherten und deutschen Nachdichtungen der von Calivino ausgewählten Ariosttexte (in einer Übersetzung von 1827/28) komplettierten Ausgabe erschienen. Was für ein Buch, das da dem Vergessen und der historischen Fremde von Calvino abgerungen, von ihm als eine wunderbare barocke, postmoderne Spieluhr aufgezogen wurde und nun auf deutsch in exquisitester Fassung abspielbar ist!
Was für eine erzählerische und gedankliche Fülle aber auch in dem Band "Ein General in der Bibliothek", der eben " wieder von Burkhard Kroeber übersetzt" bei C. Hanser als jüngste Erzähl-Futtersammlung für deutsche "Calvinisten" herausgekommen ist! Die 33 Fabeln, Erzählungen und Dialoge stammen teilweise aus dem unpublizierten Nachlass und sind schon während des Faschismus (1943) entstanden, als Calvino, der zum kommunistischen Widerstand gehörte, noch keine zwanzig Jahre alt war. Andere Erzählungen sind entweder aufgegebenen oder nicht mehr realisierten Romanprojekten entnommen, wieder andere und fiktive Dialoge (mit Montezuma, dem Neandertaler oder mit Henry Ford) waren für Sammelbände, als Begleittexte oder gar als Aufträge für IBM oder eine japanische Eisfirma entstanden. Darüber geben das Nachwort Esther Calvinos und die editorischen Anmerkungen Auskunft - z.B. darüber, dass "Die große Flaute in den Antillen" und der "Nächtliche Monolog eine schottischen Edelmanns" Allegorien der politischen Lage in Italien sind.

Fabelhafte Fabeln & phantastische Erzählungen

Esther Calvino zitiert eine Notiz von 1943, in welcher der Autor schreibt: "Die Fabel entsteht in Zeiten der Unterdrückung. Wenn der Mensch seinem Denken keine klare Form geben kann, drückt er es durch Fabeln aus". Wenn sich die politische Lage aber geändert habe, seien sie nicht mehr nötig, habe er hinzugesetzt, wenngleich der erwachsene Calvino in seinem späteren Oeuvre diese Form (bis zum späten "Herrn Palomar") fortgesetzt hat.
Sicher gehört die Fabel als literarisches Genre sowohl zur "Sklavensprache" wie zur Gedankenpoesie; aber eben weil sie, wenn sie gelungen ist und für sich selbst spricht, dem Autor ein indirektes, mehrdeutiges Sprechen erlaubt, fordert sie von ihm auch eine abstrahierende, spielerisch-intellektuelle Arbeit, die Italo Calvinos schriftstellerischem und philosophischem Naturell entgegenkam. Zwar gehörte er bis zuletzt politisch der italienischen Linken an, aber weder kritiklos, noch ästhetisch im Fahrwasser des Neorealismus; sondern je mehr er schrieb ("Jeden Tag, gleichgültig, wo er sich befand und unter welchen Umständen"), desto klarer wurde, dass seinem spielerisch-abstraktem Talent jene Formen am adäquatesten waren, die - antipsycholgisch und contra-naturalistsich - die Welt und was er zu und über sie zu sagen hatte, in die literarische Formen des "Gedankensspiels", des ironisch-humorischen Märchens, der in sich schlüssigen Parabel oder der parodistischen Camouflage "übersetzte". Man denke bei uns z.B. an das Oeuvre E.T.A. Hoffmanns, um ein vergleichbares ästhetisches Verfahren zu erblicken. Dabei sind aber jene Allegorien, mit denen Calvino literarisch sich politisch äußerte, eher auf halbem Wege zum verdichteten poetischen Gelingen stehen geblieben; und gelungen ist dieser jeweilige literarische Prozess, wenn das Ergebnis aus eigener Kraft den Leser amüsiert und nachdenklich macht. Das ist in den meisten Stücken des Bandes der Fall.
Erstaunlich ist die Triftigkeit mehrere jener "raccontini", in denen Calvino "eine Reihe von politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen während der Agonie des Faschismus" zu absurden Fabeln verdichtet hat, die paradigmatisch auch heute noch sein können. In "Der Mann, der Teresa ruft", ruft ein Mann nachts auf der Straße zu den oberen Stockwerken eines Hauses den Frauennamen. Als er sein "Teresa" wiederholt, kommt ihm ein Passant zur Hilfe. Sie versuchen es zu zweit, bald treten ein Pulk Freunde hinzu, später immer mehr und im Chor rufen sie nun, aufeinander abgestimmt - bis plötzlich einer der Helfer, angesichts der Resonanzlosigkeit fragt, ob man denn sicher sei, dass Teresa da sein. Als der Initiator der Ich-Geschichte antwortet, er sei nicht sicher, dass sie da sei und herauskommt, dass er einfach so nach Teresa gerufen hat, wird die Situation für ihn immer unbehaglicher. Ein Gutmütiger rettet ihn: Nachdem man noch einmal gemeinsam "Teresa" in die Nacht gerufen hat, geht man wieder auseinander. Immerhin hat der Ich-Erzähler, der sich entfernt hat, den Eindruck, er habe noch einmal den Ruf nach Teresa gehört: "Jemand musste noch dageblieben sein, um hartnäckig weiterzurufen". Der spontane Akt hat also Folgen.
Anders ergeht es einem weiteren Nachtschwärmer, der sieht, wie eine Bande ein Rollgitter vor einem Geschäft hochwuchten will und den Einbrechern hilft. Sie schicken ihn zum Schmierestehen an der Ecke, wo er auf die Polizei trifft, die er eben noch "Schweine" genannt hatte. Jetzt schließt er sich den "Schweinen" an, um die "Canaillen" zu jagen und als er von der Polizei als Spürhund vorausgeschickt wird, beteiligt er sich hinwieder am Fluchtversuch der Diebe, in dessen Verlauf er aber erneut unter die Polizisten gerät - bis er am Ende "schweißüberströmt" allein zurückbleibt, seine Hände in die Hosentaschen steckt und seinen "Spaziergang fortsetzt, allein und ohne besonderes Ziel", womit diese Fabel endet. Ihr sarkastischer Titel: "Solidarität" - des Opportunisten, fügt man in Gedanken hinzu.
In "Gewissen" wird von einem Luigi berichtet, der einen Alberto töten will, einen Feind von ihm - aber er soll nicht Alberto töten, denn er wird eingezogen, sondern Feinde, was er auch erst widerwillig, dann mit Feuereifer tut, weil er hofft, irgendwann auf Alberto zu stoßen. Aber zuvor ergaben sich die Feinde und der hochdekorierte Luigi bekam Gewissensbisse, weil er so viele Leute für nichts getötet hatte. Er verteilte seine Orden an die Hinterbliebenen der von ihm im Krieg Getöteten, jedoch als er schließlich zufällig Alberto sah, sagte er sich: "Besser spät als nie", und tötete ihn, worauf er gehenkt wurde. Niemand hatte während seines Prozesses darauf gehört, wie er "wieder und wieder gesagt hatte, er habe es getan, um mit seinem Gewissen ins reine zu kommen".
Ähnlich logisch stringent aufgebaut ist die kleine Fabel von der Stadt, in der alles verboten ist. Nur das Stöckchenwerfspiel war es nicht, und die Bewohnen gingen ihm leidenschaftlich nach. Eines Tages sahen die Herrschenden, dass die Verbote, an die sie ihre Untertanen gewöhnt hatten, nicht mehr nötig waren und verkündeten ihnen, sie könnten nun tun, was sie wollten. Aber die wollten nichts anderes mehr, als Stöckchenwerfen spielen. Nichts half, um sie für die geschenkte Freiheit zu gewinnen. Da beschlossen die Herrschenden, das Stöckchenwerfspiel zu verbieten. "Das war der Moment, da das Volk Revolution machte und sie alle totschlug", berichtet die Fabel "Wenn es genug ist". Aber sie schließt so: "Danach ging (das Volk), ohne Zeit zu verlieren, wieder ans Stöckchenwerfspiel". Für einen zwanzigjährigen Resistenza-Kommunisten ist das schon ziemlich pessimistisch, aber hellsichtig auch wieder, weil er ja noch nichts von Berlusconis TV-Sendern ahnen konnte.

Strategien der Selbstbehauptung

"Der Blitz", der in der gleichnamigen eineinhalbseitigen Fabel in den Ich-Erzähler mitten im Gewühl und Gedränge der Leute an einer Kreuzung fährt, wird mehr als zwanzig Jahre später in "Der letzte Kanal" noch einmal nachglimmen. Was dem Mann 1943 plötzlich wie eine Erleuchtung überkommt, ist die Erfahrung des Absurden: alles was er bis dahin fraglos akzeptiert hatte - Ampeln, Fahrzeuge, Plakate, Uniformen, Denkmäler - erschien ihm auf einmal als falsch, sinnlos und ohne Ordnung. Er will das allen Leuten mitteilen, aber sie widersprechen ihm sofort und entschieden, so dass er sich beschämt entschuldigt und kleinmütig seine Selbsttäuschung eingesteht und sich fluchtartig "einen Weg durch ihre stechenden Blick bahnt". Aber immer noch hofft er noch einmal "auf den richtigen Moment", der ihn "in den Besitz jener andere Wahrheit bringt, die ich im selben Moment gefunden und wieder verloren habe".
Auf der Suche nach der anderen Wahrheit ist auch ein späterer Nachfahre in Calvinos erzählerischen Gedankenspielen. Was er zuerst beim Zappen mit der Fernbedienung durch das Labyrinth der zahllosen TV-Kanäle sucht, ist "der letzte Kanal": der, den er unter allen, durch die er sich zappt, nicht findet, und doch so sehnlichst sucht, um "die Risse anhalten zu können, die sich in den Fundamenten auftun, das gegenseitige Misstrauen, die Zerrüttung der menschlichen Beziehungen" aufzuhalten und umzudrehen. Nachdem er seine Fernbedienung während seine Hochzeit auf seine erwählte Volumnia samt Familienanhang gerichtet hatte und seine nicht wieder gut zu machende Beleidigung die Zeremonie platzen ließ, richtet er sein Zauberzapperstab während eines Staatsempfangs auf die versammelten Politiker und kann von Glück sagen, dass er nur unter die Sicherheitsbeamten fiel (und nicht, wie heute wohl, gleich abgeknallt worden wäre), obwohl er ihnen, wie seinen hiermit beendeten Aufzeichnungen aus der Psychiatrie zu entnehmen ist, nicht einmal als Vidiot von Baudrillards Gnaden erklären konnte, "daß ich die Feier nicht stören wollte, sondern nur kurz mal sehen, was gerade auf dem anderen Kanal lief".
Ja, es geht in vielen dieser Geschichten um den Einzelnen in der Gesellschaft, seine Subjektivität und deren widersprüchliche Folgen, wenn er ihr nachgeht - auf der Suche nach den oder dem Anderen. Es sind tragikomische Situationen, z.B. in den "Memoiren Casanovas", wie ihn Calvino imaginiert, nämlich als jemand, der sich mit mathematischer Präzision heillos darin verheddert, die Individualität seiner unterschiedlichen Geliebten sowohl sich in der Erinnerung zu bewahren und zu unterscheiden, als auch mit der jeweils anderen vergleichend sie zu genießen.
Auf paradigmatische Weise aber ist die "Fernstenliebe" eines Geschäftsmannes ein Zeichen unserer Zeit. Auf seinen weltweiten Geschäftsreisen hat er überall Geliebte, die er aber erst wirklich liebt, wenn sie aus der Ferne anrufen kann, kaum dass er in Bilbao, Zürich, Casablanca oder New York gelandet ist, und er liebt sie am meisten und reinsten, "Bevor du 'Hallo' sagst" und sie den Hörer aufgenommen haben - seine Frau oder irgend eine andere. Denn seine großes Projekt ist es, "das ganze weltweite Telefonnetz in eine Erweiterung meiner selbst zu verwandeln, die amouröse Schwingungen ausbreitet und magnetisch auf sich zieht, um diesen Apparat als ein Organ meines Körpers zu benutzen, durch das ich einen Liebesakt mit dem ganzen Planeten vollziehe".
Wo immer man in Calvinos Erzählungen sich lesend andockt, wird man vom Charme und Witz, von der Leichtigkeit und Helle seines Geistes und dessen erzählerischen Findungen und Erfindungen bezaubert und berührt sein - wie selbst ein "General in der Bibliothek", der über das Studium und das Vergnügen an den Büchern vollständig vergisst, in den Krieg zu ziehen.

Wolfram Schütte


Italo Calvino: Warum Klassiker lesen? Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Susanne Schoop.Edition Akzente Hanser, C. Hanser-Verlag, München Wien, 2003. 318 Seiten, Engl. Broschur. 19.90 ¤

Italo Calvino: Ein General in der Bibliothek und andere Erzählungen. Aus dem Italienischen von Burkhard Kroeber. C. Hanser Verlag München Wien, 2004. 297 Seiten, 21.50 ¤

Ludovico Ariost: Rasender Roland. Nacherzählt von Italo Calvino. Aus dem Italienischen von Burkhard Kroeber. Nachdichtungen von J.D. Gries. Die Andere Bibliothek. Eichborn-Verlag. Frankfurt a.M. 2004. 444 Seiten, mit 63 Zeichnungen von Johannes Grützke, 28.50 ¤.

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