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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 19:35

    David Simon: Homicide - ein Jahr auf mörderischen Straßen

    31.08.2011

    Asphaltblüten aus Baltimore

    Gerade ist im Verlag Antje Kunstmann Homicide - ein Jahr auf mörderischen Straßen von David Simon erschienen. Das ist erstaunlich, hat doch PIEKE BIERMANN, die gerne vom »historischen Alzheimer« des deutschen »Föteljong« spricht, »schon seit 1998 bei diversen deutsch(sprachig)en Verlagen gebaggert«, dieses grandiose Buch endlich herauszubringen. Die Argumente, die die Schriftstellerin und Übersetzerin damals zu hören bekam waren: Homicide sei zu dick, zu amerikanisch, zu spezifisch Baltimore - ja wenn es New York, Los Angeles, Chicago wäre ... Das aufregend Neue an diesem Buch war aber nicht nur sein Thema, sondern Simons waghalsiger Einstieg, nämlich sich auf die Polizei einzulassen, sich ihr quasi anzumimetisieren, um wirklich etwas herauszufinden, um wirklich etwas erzählen zu können, das man als »echt« bezeichnen kann. Ein Vorgehen, das hierzulande gescheut wird wie das Weihwasser vom Teufel ...

     

    Nach so vielen Jahren, die es zur Einsicht im deutschen Literaturbetrieb gebraucht hat, veröffentlicht TITEL den so überaus kenntnisreichen Beitrag PIEKE BIERMANNs von 1999 hier nun noch einmal.

     

    Ol´ Baltimore, ain´t it hard just to live?

    So fragt Randy Newman im Refrain eines Songs, den dann vor allem Nina Simone bekannt gemacht hat. Hier erblickte Billie Holiday das feindselig weiße Licht der Welt, hier fand die Asche des elegantesten New Yorker Schandmauls Dorothy Parker endlich die letzte Ruhe. Mit dieser Stadt am Atlantik, gleich neben Washington, D.C., innig verwoben sind Leben und Werk von Edgar Allan Poe wie von Dashiell Hammett und Barry Levinson. Baltimore, Maryland.

     

    Eine dieser Großstaädte, die man kennt, auch wenn man nie da war, weil man sie erzählt bekommen hat - in Musik, Büchern, Bildern, Filmen. Von Leuten, die sich für den kaputten, dreckigen, stinkenden Asphalt unter den Glitzertürmen interessieren, die in seinen Ritzen und Schwaden nach Leben, Liebe, Tod und Teufel suchen und Geschichten von Menschen finden. Gelingen solche Projekte, scheint ein magischer Funke zu zünden, und dieser eine besondere Ort wird plötzlich zur universalen Bühne für unser aller comédie humaine, der oft genug zum Verzweifeln tragischen.

     

    So ein Ort ist zum Beispiel Döblins Berlin-Alexanderplatz, Joyces Dublin oder Chandlers Los Angeles. Oder eben Baltimore, wie Barry Levinson es in drei Kinofilmen zeigt. Und wie ein hierzulande fast Unbekannter wie David Simon es schreibt. Auch er hat so ein Projekt begonnen, und das Ergebnis waren gleich zwei bahnbrechende kreative Ereignisse: ein Buch und eine Fernsehserie. Dies ist ihre Geschichte.

     

    Hard times in the city, in a hard town by the sea.

    Das Buch heißt Homicide - A Year On The Killing Streets, erschien 1991 und ist ein 600 Seiten starkes Stück Pflasterreportage (nun erschienen im Verlag Kunstmann ...). Es erzählt, was sich 1988 für die detectives der Abteilung homicide (Menschentötung) des Baltimore Police Departments (BPD) abgespielt hat - bei ihrer Arbeit und vor allem unter ihnen. David Simon war das ganze Jahr dabei, ist mit rausgefahren an Fund- und Tatorte, hat an Sektionstischen gestanden, Verdächtige mitverfolgt, Tatorte mitbearbeitet, Reporter abgewimmelt, die endlose mühevolle Kleinarbeit des Ermittlers und die quälende Spannung heißer Sommernächte miterlebt, in denen scheinbar gar nichts passiert und man anfängt, sich gegenseitig auf den Keks zu gehen. Er war »Fliege an der Wand«, hat den Frust, das Gezänk, die Freundschaft und den Witz aufgesogen, den der Job als Mordaufklärer aus den Leuten rausholt. Er hat all das umgewandelt in ein Buch, dem alles fehlt, was true-crime-Schmöker haben (Sensationsgier, Schlamperei und schlechte Schreibe).

     

    Homicide ist authentisch bis in die O-Töne, penibelst recherchiert bis in die Herz- und Hirnwindungen der detectives und so sündgut geschrieben wie die seltenen Blüten der Kriminalfiktion. Nur dass es keine Fiktion ist. David Simon arbeitet mit realen Namen - von Tätern, Opfern und Polizisten. Er schreibt Tacheles über die nicht immer heldenhaften Befindlichkeiten, in die der Job die detectives jagt, und über die kleinen internen Schweinereien, politischen Interessen und Manipulationen seiten der brass, der Führungsetagen im BPD und im Rathaus. Denn die nehmen gelegentlich sehr direkten Einfluss, oder versuchen es zumindest. »Wer bei homicide überleben will, lernt die Kommandokette lesen wie Teeblätter. Die Regel in Baltimore lautet: Wenn etwas aussieht, als ob Scheiße geflogen kommt, und auch so riecht und schmeckt, dann kriegt homicide es auf den Tisch«, heißt es im Buch. Dazu gehören zum Beispiel »politisch sensible« Fälle mit Politikern ebenso wie Schießereien, an denen Polizisten beteiligt waren. Man gibt solche Sachen lieber den Mord-Cops als der Abteilung internal affairs (Innenrevision), denn »die Morddezernate jeder Großstadtpolizei gelten als natürlicher Lebensraum jener seltenen Gattung namens Cops, die denken

    So einer hat, um ein guter detective zu werden, etwa 10 bis 12 Jahre als »Straßenköter« hinter sich, in Uniform, auf Streife. Er ist so lange auf der Straße, bis ihm das Leben einer Stadt zur zweiten Natur geworden ist. Und wenn er dann noch ein paar Zivilabteilungen (Raub, Drogen, Brand) hinter sich hat und weiß, wie Observieren geht, welche Kenntnisse in forensischer Medizin, Kriminalistik und Juristik sinnvoll sind und vor allem, wie man brauchbare Berichte schreibt, dann wird es erst richtig heftig. Ein detective in Baltimore bekommt 38.000 Dollar im Jahr. Dafür leitet er 10 bis 12 Mordermittlungen verantwortlich und ist an einem weiteren halben Dutzend als »Partner« beteiligt; er bearbeitet 50, 60 crimes against persons durch Schuß-, Hieb- und Stichwaffen, Todesfälle, die sich nicht aus dem Alters- oder Gesundheitszustand des Toten erklären lassen, sowie sämtliche Fälle, in denen Polizisten und Staatsanwälte bedroht und Zeugen eingeschüchtert werden.

    Ein harter Job in einer Dreiviertelmillionen-Hafenstadt. 234 Menschen kamen dort 1988 gewaltsam ums Leben. Zehn Jahre später sind es 100 mehr. Das ist elf- beziehunsgweise sechzehnmal mehr als in Berlin. Das Morddezernat des BPD hat 30 detectives, aufgeteilt in zwei Schichten zu je drei Fünfergruppen. Dazu pro Gruppe einen detective sergeant und pro Schicht einen lieutenant. In einem militärvernarrten Land wie den USA ist auch die Polizei militärisch strukturiert. Und da die Bevölkerung alles Staatliche von sich fernzuhalten trachtet - »die Regierung da« -, haben detectives ein Grundproblem: »Sie lügen alle!« lautet das erste Naturgesetz, mit dem sie klarkommen sollen. Mörder lügen, weil sie müssen; Zeugen, weil sie glauben, sie müssten auch; und alle anderen »aus lauter Daffke, um dem Prinzip zu frönen, dass man einem Bullen unter gar keinen Umständen die Wahrheit sagt.« Denn der ist der verachtete Staat.

    Das sind die Bühnenbretter unter dem alltäglichen Drama um ein unschönes, aber leider konstitutives Element von Gesellschaften: Gewalt und was sie mit und aus Menschen macht. David Simons Prosafassung hat in den USA nicht nur Kritikerlob und Preise bekommen, sie hat auch einen kreativen Kurzschluss ausgelöst, aus dessen Funken die bislang beste Fernsehserie der Rubrik cop shows entstand. Aber das war etwas später.

     

    Autor David Simons (*1960) Autor David Simons (*1960)

    ...trying to find the ocean looking everywhere...

    Am Anfang war auch nicht das Buch. Und überhaupt schien weder etwas davon in David Simons Wiege gelegt worden zu sein, noch stand die in Baltimore. »Ich bin eigentlich gar kein Großstadtgewächs«, erklärt er lakonisch, »ich bin in Suburbia aufgewachsen.« Wie so viele Kinder aus den Provinzen der Welt, die eines Tages irgendeine von deren Städten erzählen werden. Großstädte haben so einen Magnetismus - sie ziehen an und stoßen ab. Die Geschichte der Moderne ist ein ständiges Balancieren zwischen Stadt- und Landfluchten, und beide Bewegungen haben zufällige oder banale Motive: Jobs, Lebensalter, die Liebe.

    Bei Simon war’s der Job. Sein Traumjob. Er wollte immer nur eins werden: Zeitungsreporter. Sein Vater war das mal gewesen, dann aber aus Gründen der Familienfinanzierung ins PR-Geschäft gewechselt, um vor allem für die jüdische Wohltätigkeitsorganisation B’NAI BRITH zu arbeiten. Seine Mutter hatte erst die Kinder sorgfältig zu Ende betreut und dann ausgerissene Teenager, als Psychologin. David Simon organisiert sich ein Studium an der University of Maryland ganz in der Nähe, wird bald Redakteur der Studentenzeitung und darf die ersten Artikel für eine richtige, professionelle Tageszeitung schreiben. Die Baltimore Sun braucht Berichte vom 60 Kilometer entfernten Campus, will aber keine teuren Angestellten hinschicken. Er schreibt über dies und das.

     

    ... cause the city´s dying and they don´t know why...

    »Ich habe mich da durchgearbeitet«, erzählt er, »und als ich meinen Abschluß hatte, haben sie mir eine Stelle angeboten.« Wieder schreibt er über dies und das. Und dann kommt die entscheidende zweite Etappe: Er darf ins Team der crime reporters. Das ist auch in US-Zeitungen nicht die feine Vordertür und ein knallharter Crashkurs dazu: »Ich bekam die Spät- und Nachtschichten, wo man sich durch die Bezirkswachen telefoniert. Da schreibt man die Geschichten buchstäblich so, wie sie über einen reinbrechen.«
    Er ist 22 Jahre alt, klappert die Straßen von Baltimore für die Sun ab und lernt die Straße. Ein Umbruch, denn seine Familie hat weder Polizei- noch Gangstertradition. »Das hat mich erstmal total aus mir rauskatapultiert. Ich habe gelernt, was big crime ist und wie es funktioniert, in Amerika, in Baltimore.« Es wird bald »meine Stadt, und die ist zutiefst geprägt von Verbrechen, und das heißt hier Drogen.«

    Auf den organisierten Drogenhandel konzentriert er sich, schreibt größere, länger recherchierte Geschichten, lernt die detectives und das BPD kennen, freundet sich mit einigen an und erwirbt sich Vertrauen. Auch bei dem einem oder anderen Mitglied der brass. Obwohl (oder weil?) er sich seinen kritischen Blick nicht abhandeln lässt. »Ich wollte nie Polizeilautsprecher werden, ich wollte wissen: Wie funktioniert Verbrechen.«

     

    Heiligabend 1985 hockt er für eine Reportage bei homicide und hört einen Halbsatz, den Polizisten oft seufzen, wenn jemand von außen sich für sie interessiert: »Na, wenn ich schreiben könnte ...« 1987 wird die Sun erst aufgekauft, dann bestreikt. »Ich kam in die Redaktion«, erzählt Simon, »und liebte meinen Job und hasste die Leute, für die ich arbeitete!« Und jetzt zündet der Seufzer der detectives. Simon erfindet ein Projekt: Ein Buch über die homicide unit. »Der Polizeipräsident war selbst mal dabeigewesen, und der hatte ein Gespür für das, was ich vorhatte. Sein Stellvertreter war strikt dagegen, der colonel unter ihm dafür und der captain unter dem wieder dagegen. Die detectives - bis auf zwei, die mich kannten - fanden es das Allerletzte.”

     

    Im Januar 1988 tritt er an. Keinen Monat später hat auch der voreingenommenste officer vergessen, dass Simon nicht »zur Familie« gehört.

     

    ... ain´t nowhere to run to, there ain´t nothing here for free ...

    Keiner will die Filmrechte haben. Bis er selbst sein Buch an Barry Levinson schickt. Er kennt dessen Baltimore-Filme. Der Rest ist eine dieser unglaublichen Geschichten, die nur die Realtität zustandebringt. Levinson hat einen frischen NBC-Serienvertrag, Homicide wird das Material. Produzieren tun neben Levinson auch Tom Fontana und Henry Bromell, gedreht wird ab 1993. Homicide - Life On The Street läuft freitags um 22 Uhr auf NBC und wird sofort überschwemmt mit Kritikerjubel und Preisen. Kein Wunder - auch der Fernsehfassung fehlt alles, was normale cop-shows haben (frivoles Gemetzel, Klischeefiguren und schlechte Plots). Stattdessen hat sie Drehbücher, Autoren und Regisseure, die sich alles trauen, was Fernsehen angeblich nicht darf, und keine Sekunde die Perspektive der detectives verlassen; exzellente Schauspieler und guest stars vom Feinsten; Kamera- und Tonleute sowie Cutter, die aus »einem Jahr auf der Straße« dichtestes, hochintelligentes und spannendes Intensiv-Fernsehen machen. Die Serie gewinnt damit ein süchtiges Stammpublikum mitsamt Internet-Chatgroups. Ganz fette Quoten gewinnt sie nicht, aber mittelprächtige, nach zwei Jahren.

    NBC finanziert dennoch weiter, obwohl (oder weil?) die ganze Crew lieber einpacken als ernsthaft vom Konzept abrücken würde und das auch sagt. Inzwischen ist Homicide nämlich das Stück Prestige, das sich gerade für Kommerzsender auch rechnet und das sich die Klügeren genau deshalb leisten. Und alle, alle sind stolz auf ihr Baby.

     

    Alle? Nein. In Deutschland, wo die Serie 1997 anläuft, gehen die Uhren anders. Hier hat VOX die Lizenz, und der Kölner Kommerzzwerg scheint sich für sein Juwel geradezu zu genieren. Zwar ist die Eindeutschung so unglaublich kenntnisreich und engagiert, dass verglichen damit alle Synchronisationen außer in der britischen Serie Für alle Fälle Fitz (orig. Cracker) klingen wie computerkomponierte Gebrauchsanweisungen. Aber VOX versteckt das Produkt: Zuerst montags nach Mitternacht, später donnerstags um drei Uhr nachts. »Für Prime Time ungeeignet«, heißt es dazu aus der Programmplanung. Prime Time heißt »Fernsehen für die ganze Familie« - und bringt unter anderem Psychokiller-Schrott vom Blutrünstigsten. Was nicht Prime Time ist, wird auch pressemäßig vernachlässigt. Deshalb wohl kommen sich Kritiker, die um Informationen, gar Material zu Homicide bitten, vor, als hätten sie einen obszönen Anruf getätigt. Und deshalb sieht man in der deutschen Presse eben stets dieselben zwei, drei Fotos und liest kaum etwas.

    »Hätten wir die Kritiker nicht gehabt«, sagt Produzent Tom Fontana, »wir hätten nie durchgehalten.« Zu dem Zeitpunkt gehört auch David Simon zum Team der Drehbuchautoren. Aber das ist für ihn nur ein Intermezzo. Er hat ein zweites Buch geschrieben, für das er sich monatelang an einer von Baltimores berüchtigtsten drug corners rumgetrieben hat. In Jeans und T-Shirt, ohne Uhr und Portemonnaie. Und er bereitet sein drittes vor.

     

     

    Anmerkung der Redaktion:

    Leicht gekürzt in: Der Tagesspiegel am 26. Februar 1999, Titel da: Leben, Liebe, Tod und Teufel
    Komplett in: Krimijahrbuch 2007, hg. von Bacher, Menke, Noller, Rudolph; Wuppertal: NordPark Verlag 2007

     

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