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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 19:36

    Die Salzburger Festspiele und ihre Folgenlosigkeit

    18.08.2011

    Theater, Musik und Politik

    Befragt von einem österreichischen Nachrichtenmagazin, das seine Seriosität mit einer regelmäßigen Abteilung »Royals« unter Beweis stellt, sagt Peter Handke über sein Stück Immer noch Sturm, das bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde: »Es geht nicht nur um die Kärntner Partisanen. Das ist ein exemplarisches Geschichtsleben oder Geschichtssterben, das da erzählt wird. Es geht um die Sprache, die genommen wird.« Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Was veranlasst Peter Handke zu dieser Relativierung? Ginge es in seinem neuen Stück tatsächlich nur um Sprache, wäre es sehr dünn. Über den Verlust, den Raub der eigenen Sprache haben Exilierte und Repräsentanten von nationalen Minderheiten, Immigrantenkinder und Linguisten schon Bedeutenderes und Differenzierteres gesagt und geschrieben. Handkes frühes Stück Kaspar ist, wo es um Sprache als Thema, um ihre identitätsstiftende und ihre gewalttätige Wirkung geht, Immer noch Sturm weit überlegen. Die Bedeutung des aktuellen Textes liegt in seiner Konkretheit, in der Thematisierung des slowenischen Widerstands in Kärnten. Es bedarf nicht der Flucht in die Exemplarik. Der Fall für sich ist im doppelten Sinne dramatisch genug. Einmal mehr zeigt sich, dass ein Text klüger sein kann als sein Autor. Handke geht mit dem zitierten Statement hinter die Erkenntnis seines Stücks zurück.

     

    Denn nie zuvor war der in Kärnten geborene, als mürrisch oder gar weltfremd geltende Autor auf der Bühne so politisch wie diesmal. Das heißt nicht, dass er auf Poesie verzichtet hätte. Im Gegenteil. Aber Handkes Poesie ist hier mit Substanz gefüllt, frei von jeglicher metaphysischen Verblasenheit. Dichtung und Politik vereinen sich symbiotisch. Das geht einigen Kritikern gegen den Strich. Bisher konnten sie den Sprachequilibristen fein säuberlich vom Polemiker trennen, den einen feiern und den anderen verdammen. Das ist diesmal nicht möglich. Zugleich ist Immer noch Sturm Handkes persönlichstes Stück. Es ist aus einer Verzweiflung heraus geschrieben, die im sehr langen Schlussmonolog explizit gemacht wird und an der es nichts herumzudeuteln gibt. Man muss sie dem inzwischen 68jährigen Handke abnehmen.

     

    Ein großer Teil der Zuschauer, professionelle Kritiker eingeschlossen, fanden dieses Selbstgespräch unerträglich. Aber jedes darin enthaltene Wort ist unverzichtbar. Dramaturgisch mag dieses Ende verunglückt sein. Von seinem Mitteilungswert her ist es notwendig. Und dass Jens Harzer dabei als Stellvertreter des Autors wie nachdenklich, als erfände er den Text spontan, ohne zu »spielen« auf der Bühne auf und ab geht, mag einfallslos erscheinen, hat aber seine durchaus stringente Logik. Im Übrigen könnte man Harzer nicht übel nehmen, wenn er bei dieser Textmasse die Fassung verloren haben sollte, nachdem irgend ein Idiot nicht in der Lage war, sein Handy abzuschalten, und ein paar Zuschauer aus den vorderen Reihen, denen es nicht nur an Geduld, sondern auch an der ganz normalen Höflichkeit fehlt, den Raum lautstark verlassen hatten. Sie fallen vor Schwätzern aus der Politik auf den Bauch und hören sich bei Eröffnungen und Sponsorenempfängen jeden Käse an, aber im Theater: von guter Erziehung keine Spur. Die bessere Gesellschaft hat eben ihre Werte und Prioritäten.

     

    Immer noch Sturm erzählt am Beispiel von Handkes Familie vom bewaffneten Widerstand der Kärntner Slowenen gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, dem Österreich nach 1945 seine Unabhängigkeit verdankte. Denn 1943 war in Moskau beschlossen worden, dass diese nach dem Krieg nur gewährt würde, wenn es eben bewaffneten Widerstand seitens der einheimischen Bevölkerung gebe. Diese historische Leistung wurde den Slowenen in Österreich mit Verachtung und Diskriminierung heimgezahlt, wovon noch der bis kürzlich anhaltende so genannte »Ortstafelstreit« kündet. Wer sich, wie die Tante Ursula und der Onkel Gregor den Partisanen anschloss, wurde im neuen Österreich nicht etwa geehrt, sondern als Bandit beschimpft.

     

    Der Dichter tritt selbst als Figur auf. Ihm erscheinen die Mitglieder seiner Familie, von denen zwei in seiner Vorstellung zu den Partisanen gingen. Im Zentrum steht die Mutter, der er einst sein Wunschloses Unglück gewidmet hat. Wir lernen hier einen desillusionierten Handke kennen, der einsehen muss, dass ihn die Erfahrungen zu einem Menschenfeind gemacht haben, der er nie sein wollte.

     

    Im erwähnten Interview sagt Peter Handke auch: »Wir leben schließlich in einer Epoche der Folgenlosigkeit wie noch nie.« Da hat er Recht. Die historischen Ausführungen in seinem Stück sind nicht zu widerlegen, aber sie werden keine Folgen haben. Bei der Salzburger Premiere saßen zwei ehemalige österreichische Bundeskanzler im Publikum: Franz Vranitzky, Sohn eines kommunistischen Eisengießers, der 1991 (!) als erster offizieller Vertreter Österreichs die Mitschuld von Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus eingestanden hat, und Wolfgang Schüssel, der sich 2000 mit Hilfe des (nicht nur) für seine Slowenenpolitik berüchtigten Jörg Haider zum Bundeskanzler machen ließ. Die beiden dürften Peter Handkes Geschichtslektion sehr unterschiedlich aufgenommen haben. Wird Wolfgang Schüssel die Kärntner Slowenen nun um Vergebung bitten? Wird er darauf beharren, dass ihre patriotische Leistung in den Schulbüchern gewürdigt wird, dass Bilder von Partisanen an die Wand gehängt werden, wo noch Porträts des Austrofaschisten Engelbert Dollfuß hängen? Nichts wird geschehen. Man wird Peter Handke applaudieren, der Sprache, um die es nach seinen eigenen Worten geht, aber politisch bleibt es bei der fatalen Folgenlosigkeit.

     

    *

     

    Am Rande der Festspiele – ein Film von Norbert Beilharz über den großen Kontrahenten Peter Handkes, den dieser nicht leiden kann, der aber zumindest so sehr wie dieser zu Salzburg gehört: Thomas Bernhard. Eine Hagiographie ist es nicht geworden. Gerne begegnet man dem rätselhaftesten österreichischen Schriftsteller wieder, sieht man Ausschnitte aus Inszenierungen seiner Theaterstücke. Ob es Absicht war, zu zeigen, wie der Schauspieler Stefan Hunstein, der für sich eine neue Interpretation der männlichen Rolle in Ritter, Dene, Voss beansprucht, Gert Voss hemmungslos imitiert? Schöne Bilder begleiten die Ausführungen aus dem Off illustrativ. Warum aber das Musikhaus Doblinger in einer langen Einstellung gezeigt wird, wenn von der Wohnung oberhalb des Cafés Bräunerhof die Rede ist, bleibt ein Geheimnis. Das Traditionsgeschäft befindet sich zwar unweit von Bernhards Stammcafé, aber eben doch um die Ecke, ein paar Häuser entfernt. Was andere über Thomas Bernhard sagen ist nur zum Teil gescheit und aufschlussreich. Daniel Kehlmann erinnert zutreffend daran, dass Bernhard 1975 Burgtheaterdirektor werden wollte – gewiss ein Kuriosum angesichts seiner Sottisen gegen diese Institution. Doch Kehlmann behauptet auch, Hilde Spiel, die Bernhard als Dramaturgin haben wollte, wäre bereits gewesen, dafür aus England in ihre Heimat zurückzukehren. Hilde Spiel lebte seit 1963 wieder in Wien. So entstehen Legenden.

     

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    Manche Österreicher stießen sich daran, dass in Handkes Stück Schauspieler ohne österreichische Sprachfärbung besetzt wurden. Claus Peymann war ja nicht der Letzte, dem man in diesem chauvinistischen Land zum Vorwurf machte, dass er das bekannte österreichische Wort »Chance« wie »Schangse« ausspricht, und dem man deshalb die Eignung als Burgtheaterdirektor absprach. Die Österreicher meinen freilich auch, sie hätten Mozart und Richard Strauss und deren Interpretation gepachtet.

     

    In Wahrheit ist die Internationalisierung, außer beim Ballett, in keiner Kunstform so weit fortgeschritten wie in der Musik. Es ist nicht so lange her, dass man nur italienischen Sängern zutraute, Verdi, Bellini oder Puccini zu bewältigen. Inzwischen hat die Russin Netrebko angedeutet, dass sie Wagner singen wolle. Und im Gegenzug besetzte Riccardo Muti Verdis Macbeth mit einen Serben, Lady Macbeth mit einer Russin und Banquo mit einem Ukrainer. Die Solisten in Verdis ebenfalls von Muti dirigiertem Requiem, dieser »italienischsten« aller Totenmessen, stammen aus Bulgarien, Russland und Albanien. Zumindest die beiden Damen und der wunderbare russische Bass, den man entgegen der Konvention »lyrisch« nennen müsste, konnten es mit jeder italienischen Besetzung aufnehmen. Wieder wurden Vorurteile widerlegt. Wird es Folgen haben?

     

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    Es ist merkwürdig: Wenn ehemalige K-Gruppen-Mitglieder, die einst die Welt verändern und dabei in manchen Fällen all jene, die sie daran hinderten, an die Wand stellen wollten, heute als wohl bestallte Funktionäre des Goethe-Instituts, als Hochschulprofessoren, als Journalisten bei angesehenen Medien, die einst bekämpfte Springer-Presse eingeschlossen, oder gar als Ministerpräsidenten ihre tatsächlichen und angeblichen Torheiten und Sünden bespötteln und dabei alle mit in den Dreck ziehen, die, mit den Worten des Marquis Posa, für die Träume ihrer Jugend Achtung tragen, wird das nicht nur verziehen, sondern sogar anerkannt. Wenn aber Peter Stein seine frühen Regiearbeiten heute ablehnt und Konzepte befördert, die zu diesen in krassem Widerspruch stehen, dann wird er der konservativen Regression geziehen und kurzerhand ins Abseits verwiesen. Sie mögen ja Unrecht haben, die politischen Renegaten wie der gewandelte Künstler. Aber warum man dem einen zum Vorwurf macht, was man bei den anderen als Einsicht lobt, bleibt schleierhaft. Vielleicht liegt es daran, dass in der Politik Anpassung dringlicher gefordert wird, während die Künste ohnedies nur eine kleine Schar von Fans erregen, die wenigstens im Theater die Revolutionsträume aufbewahren wollen, die ihnen draußen, im wirklichen Leben, abhanden gekommen sind.

     

    Peter Stein ist immer für eine Überraschung gut. Spätestens aber seit seinen Tschechow-Inszenierungen und seiner Orestie hat er sich zu einer genauen Textlektüre mit fulminanten Geschichtskenntnissen entschlossen. Ist das, vor dem Hintergrund einer hirnlosen Aktualisierungswut, nicht schon wieder revolutionär? Was immer man Peter Stein vorwerfen mag: ein Mangel an Intelligenz kann es nicht sein. Nicht »Werktreue« ist reaktionär, sondern allenfalls ihre Dogmatisierung. Noch reaktionärer jedoch ist ein Theater, das hinter dem Erkenntnisstand eines Werks, das es missachtet, zurückbleibt. Reaktionär ist eine Dummheit, die bedingungslos voraussetzt, die Weisheit des Fernsehens oder der Popkultur oder die Dichtkunst eifriger Dramaturgen, gar »Volkes Stimme« müsse einem Text der Vergangenheit überlegen sein.

     

    Ist die heute allseits gestellte Forderung einer »stärkeren inhaltlichen Anbindung an die politische und soziale Realität« wirklich der Weisheit letzter Schluss? Neu ist sie jedenfalls nicht. So ähnlich hatten schon die russischen Utilitaristen des 19. Jahrhunderts formuliert. Ließe sich dem nicht entgegenhalten, dass die politische und soziale Realität nur zu begreifen ist, wenn man ihre Entstehung, also ihre Geschichte kennt und versteht? Und ist nicht das Theater der ideale Ort, diese Geschichtskenntnis zu vermitteln? Übrigens: nicht nur und nicht in erster Linie dem Bildungsbürgern, sondern jenen Unterprivilegierten, die von der Schule mehr und mehr im Stich gelassen werden. Welche Form dafür am geeignetsten erscheint, ist eine Frage der Ästhetik. Die aber scheint in Vergessenheit geraten zu sein, wo nur noch von Netz, Vernetzung und Netzgesellschaft die Rede ist, als gäbe es keinen Unterschied zwischen den Künsten und außerkünstlerischen Phänomenen oder als solle, dürfe es ihn nicht mehr geben. Hinter dem Postulat nach mehr »gesellschaftlicher Relevanz« – auch dies nicht ein eben neues Schlagwort – verbergen sich meist ein antikünstlerischer Affekt und nicht zuletzt die Idee der Verwertbarkeit, also der Unterordnung unter das kapitalistische Nutzenprinzip.

     

    Bei Verdis Macbeth, mit dem sich der siebzigjährige Riccardo Muti zum Abschied von der Salzburger Opernbühne einen lange gehegten Wunsch erfüllt hat, hat sich Peter Stein für ein Kostümtheater entschieden, das vielen Zuschauern teils erfreulich, teils ärgerlich altmodisch erschien und in größtmöglichem Kontrast zu Christof Loys Frau ohne Schatten steht. Damit aber demonstrieren die Festspiele die Spannweite inszenatorischer Möglichkeiten, die einander nicht ausschließen. Nicht Entweder-Oder, sondern Sowohl-als-auch ist das einleuchtende dramaturgische Prinzip des heurigen Programms. Die Herausforderung der Felsenreitschule mit ihrer Panoramabühne hat Stein jedenfalls bewältigt, wenn er den Massenchoreographien für Chor und Statisten Szenen gegenüberstellt, die – etwa wenn Duncans Leiche aus dem angedeuteten Tor von Macbeths Burg auf die Vorderbühne getragen wird – an das antike Theater, aber auch, mit ihren der Oper angemessenen großen Gesten, an den Stummfilm erinnern.

     

    *

     

    In einem Gespräch mit Luigi Nono im Jahr 1975 sagt der Musikpublizist Max Nyffeler: »Wenn Ihre Oper vor dem Hintergrund solcher Kommunikationsprozesse entstanden ist, so zeigt sich, wie unsinnig die von der bürgerlichen Kritik aufgestellte Behauptung ist, man könne den musikalischen Ausdruck des Werks von seiner politischen Haltung und der Aussage des Textes trennen.« Im Programmbuch zum diesjährigen Fünften Kontinent der Salzburger Festspiele lobt der selbe Max Nyffeler den 1987 gestorbenen Morton Feldman für seine »Weitsicht«, mit der dieser vor der Politik in der Musik, namentlich bei Nono warnte, der wolle, »dass jedermann sich empört«. Hat sich Nonos Komposition in den vergangenen 36 Jahren verändert? Nein, Max Nyffeler hat es, in schöner Übereinstimmung mit den allgemeinen Tendenzen.

     

    Zum Glück aber ist die Kunst stärker als ihre konjunkturell schwankenden Kommentatoren. Die acht Konzerte, mit denen Markus Hinterhäuser seine Kontinent-Reihe abschließt, die viele zu Recht als Höhepunkt der vergangenen fünf Festspieljahre betrachten, beweisen eindrücklich, dass der Überbau in der musikalischen Praxis eine geringe Rolle spielt. Sehr unterschiedliche Kompositionsauffassungen, sehr unterschiedliche Idiome zeitgenössischer Musik können friedlich nebeneinander existieren, ja mit einander in Dialog treten und sich wechselseitig nicht nur ergänzen, sondern auch erläutern. Gemeinsam ist ihnen, dass Tonalität fast nur noch marginal, als Zitat auftritt und die Klangfarbe gegenüber der Melodie an Bedeutung gewonnen hat. Vielfach wird mit der Platzierung der Musiker im Raum experimentiert und auch mit Lichteffekten. Es stellen sich Bezüge her zum Konzert- und Opernprogramm jenseits des Kontinents, nicht nur stofflicher Art wie bei Macbeth, sondern auch musikalisch – etwa zur Alpensinfonie von Richard Strauss.

    In den vergangenen Jahren war der Kontinent jeweils einem maßstabsetzenden Komponisten der Nachkriegszeit gewidmet – Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino, Edgar Varèse und Wolfgang Rihm –, diesmal wurden sie, mit Ausnahme von Rihm, noch einmal in Erinnerung gerufen und umgeben mit weiteren bedeutenden Repräsentanten der Neuen Musik. So konnte man – auch im Kontrast zu Verdis gleichnamiger Oper – Sciarrinos fragilen Macbeth von 2002 neben Morton Feldmans modernem »Klassiker« Neither von 1977 hören, der sich, ganz im Geiste Samuel Becketts und mit der fabelhaften Sängerin Anu Komsi, dem Verstummen annähert, Karlheinz Stockhausens Klavierstücke aus den fünfziger Jahren, furios gespielt von Marino Formenti, neben einer seiner ein halbes Jahrhundert später entstandenen elektronischen Kompositionen, John Cage und Scelsi neben Georg Friedrich Haas.

     

    Ebenfalls im Rahmen des Fünften Kontinents war Continu von Sasha Waltz zu sehen, die im vergangenen Jahr mit einem Tanztheater zu Rihms Musik begeisterte. Diesmal handelt es sich um eine Koproduktion, die bereits im vergangenen Jahr in Berlin aufgeführt wurde. Deshalb hat man eine hinten und seitlich geschlossene Bühne in der erforderlichen Größe im Zuschauerraum aufgebaut und die überdimensionale Bühne der Felsenreitschule ungenützt gelassen. Zudem stand nur eine Schlagzeugerin zur Verfügung, der Rest der Musik kam vom Band. Dass diese Wiedergabe kein Ersatz für ein Orchester ist, wurde schmerzlich deutlich bei Varèses Arcana, die vor zwei Jahren just hier, bei den Salzburger Festspielen, aufgenommen wurden. Eine verschenkte Chance. Die Salzburger Festspiele mit ihrem üppigen État müssten es sich leisten, einer Choreographin, die so gerne auf konkrete Räume reagiert, einen Auftrag zu erteilen, damit sie sich der Herausforderung der Felsenreitschule stellen kann, und zugleich ein Orchester bezahlen. Denn das Tanztheater einer Sasha Waltz soll ja in diesem Rahmen zumindest auch ein musikalisches Ereignis sein. Das war es nicht. Das Abenteuer blieben die Körper. Der sechste Kontinent?

     

    *

     

    Dankbar muss man Markus Hinterhäusers Musikprogramm und insbesondere seinen »Kontinenten« auch deshalb sein, weil sie auf einem emphatischen Kunstbegriff bestehen, der mehr und mehr verabschiedet wird: an den Universitäten, wo eine praxisorientierte »Kulturwissenschaft« nach und nach die Literaturwissenschaft ersetzt, das Kunstwerk, wenn überhaupt, nicht mehr als ästhetisches Artefakt, sondern als Informationsquelle betrachtet wird, am Theater, wo – wir wiederholen uns, weil die Not groß ist und der Widerstand gegen den Ausverkauf nicht laut genug sein kann – das »wirkliche Leben« Einzug hält und im Zeichen einer simpel aufgefassten »Aktualität« die pure Doppelung des Bekannten auf alles verzichtet, was darüber hinaus weist (und Anstrengung abverlangt): auf die Utopie, auf das Fremde, auf das Gemachte. Dieser Tendenz folgte auch das Salzburger Sommergespräch über Janáceks Oper Die Sache Makropulos, in der es um eine Frau geht, die durch ein Elixier mehr als 300 Jahre alt geworden ist, ohne zu altern. Auf dem Podium saßen neben Regisseur, Bühnenbildnerin und Dramaturg der Inszenierung ein Genetiker und ein Schönheitschirurg. Gerne hätte man etwas über das Verhältnis der Theaterleute zur Musik, über ihre theatralische Einstellung zu der fantastischen literarischen Erfindung Karel Capeks, auf dessen Drama das Libretto beruht, kurz: über ästhetische Erwägungen erfahren. Stattdessen war von ewiger Jugend und Operationen die Rede. Wenn Wim Wenders einmal meinte, die Amis hätten unser Unterbewusstsein kolonialisiert, so gilt das mehr noch für das Fernsehen mit seiner kunstfeindlichen Ästhetik. In der Neuen Musik ist man davon weit entfernt. Manchmal möchte man meinen: nur noch in der Musik.

     

    *

     

    Apropos Folgenlosigkeit: Seit 1997 nehmen die bis dahin ausschließlich Männern zugänglichen Wiener Philharmoniker theoretisch Frauen auf. In der Praxis sind Frauen in dem Orchester heute noch eine (bei einem Blick auf die Bühne: buchstäblich verschwindende) Minderheit. Bereits 1996 hatte der damalige Kunstminister Rudolf Scholten laut über eine Subventionskürzung nachgedacht, wenn sich die Philharmoniker nicht an den Gleichheitsgrundsatz, also an das Gesetz halten. Was hindert die Politik, bei den Philharmonikern das Diskriminierungsverbot durchzusetzen und jene Frauenquote zu erzwingen, die sie anderswo rhetorisch fordert? Mit den Subventionen – also Steuergeldern, die von Frauen und Männern bezahlt werden – hätte sie ein Druckmittel in der Hand.

     

    Könnte es daran liegen, dass potentielle Philharmonikerinnen keine relevante Wählergruppe sind? Oder lässt das Interesse an der Gleichstellung von Frauen bei Politikern rapide nach, wenn ihre Töchter nicht die Flöte blasen und sie nicht gerade ein Gspusi mit einer Bratschistin haben? Auch die Frauen unter ihnen verhalten sich in Sachen Philharmonikerinnen unüberhörbar still. Das kommt: sie sind unmusikalisch, und Gesetze sind ihnen ohnedies nur eine Lachnummer. Frauen im Management stehen ihnen näher als Frauen im Orchester. Denn wenn sie aus der Politik ausscheiden (müssen), werden sie in die Wirtschaft wechseln, nicht in die Kultur. Was sie nicht selbst betrifft, ist ihnen egal. Wie das Schicksal der Kärntner Slowenen. Wie viele von ihnen sind schon Slowenen? Und wie viele stammen aus Familien, deren Mitglieder bei den Partisanen gegen die Nationalsozialisten kämpften? Man darf Töchter und Söhne, Enkelinnen und Enkeln nicht für ihre Großeltern verantwortlich machen. Aber wenn diese Nazis waren und jenen die Slowenen schnurz sind, darf man einen Zusammenhang unterstellen.

     

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    eine lesenwerte Besprechung. Hier einige Links zu IMMER NOCH STURM. http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/handke-immmer-noch-sturm-still-storm.html http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/still-storm-introductory-thoughts-on.html http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/directors-view-of-forever-storm.html SAMMLUNG BEIHNAHE ALLER REZENSIONEN/ REVIEWS http://handke--revista-of-reviews.blogspot.com/2011/08/immer-noch-sturm-still-storm-stormy.html
    | von michael roloff, 06.12.2011

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