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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 07:30

    Captain Retro, Walter Matthau und Jerry Stiller on tour

    13.12.2010

    Gemurmel, Surren, Buhrufe und Panik

    Wer bei mittelmäßigem bis schlechtem Wetter abends noch seine warme Stube verlässt und sich auf den Weg macht, der weiß in der Regel gerne, was ihn erwartet. Gerade vor Weihnachten gibt es ja vielfältige Anlässe: die kaum umgängliche Weihnachtsfeier oder die letzten Panikkäufe z.B. Wer hingegen die Pflichttermine des scheidenden Jahres bereits hinter sich gebracht hat, kann sich frei treiben lassen und den angenehmen Dingen des Lebens hingeben – einem Abend mit Cineastik der Extraklasse beispielsweise, wie ihn STEFAN HEUER erleben durfte ...

     

    The Taking of Pelham One Two Three – unter diesem Titel kam 1974 in den USA ein Film in die Kinos, der sich aufgrund seiner Aktualität (Skandale bei der New Yorker U-Bahn) und seiner grandiosen Besetzung als Kassenschlager erweisen sollte. Die eigentliche Story ist relativ schnell erzählt: Vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer entführen eine U-Bahn, nehmen 17 Geiseln und fordern von der Stadt New York 1 Million Dollar (eine für heutige Verhältnisse lächerliche Summe, die aber zeigt, dass der Dollar tatsächlich mal was wert war ...) – sollte das Geld nicht innerhalb einer Stunde gezahlt werden, drohen die Entführer mit der sukzessiven Erschießung der für amerikanische Filme signifikanten Geiseln (ein schwarzer Vietnam-Veteran, eine Puertoricanerin, eine Betrunkene, die alles verschläft und erst gegen End des Films wieder aufwacht, sowie Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters). Bis sich der lethargische Bürgermeister zur Zahlung des Lösegelds durchringen kann (aber auch nur, weil er von seiner Frau im Krisengespräch eingeflüstert bekommt, dass er damit bei der kommenden Wahl 17 sichere Stimmen habe ...), ist bereits die Hälfte der Zeit vergangen. Fast unmöglich, die Forderung der Gangster zeitgerecht zu erfüllen, aber nicht nur deren Anführer Mr. Blue, sondern auch Lt. Garber von der U-Bahn-Polizei ist nicht auf den Kopf gefallen ...

     

    Erstaunlich fett

    Nur selten ist der Film im deutschen Fernsehen zu sehen, 1-2 mal pro Jahr um 23.50 Uhr auf Tele5, und man kann es den im Quotenkampf befindlichen Sendern nicht mal übel nehmen: in der Zeit schneller Schnitte, 30-Millionen-Stunts und 3D-Technik, wirkt der Film mit seinen langen Einstellungen fast schon antiquiert. Aber, und das ist ein großes Aber: was für eine begnadete Besetzung! Walter Matthau (damals einer der zugkräftigsten Stars in Hollywood, der durch Rollen wie diese von seinem Komiker-Image wegkommen wollte) in einer Paraderolle als Lt. Garber, grummelig und reich an Mimik, flankiert von Jerry Stiller (Schwiegervater von Doug Heffernan in der US-Sitcom King of Queens und Vater von Ben Stiller) als schon vom Blättern in der Zeitung gestressten Lt. Rico Patrone sowie Robert Shaw (Bösewicht aus dem James-Bond-Film Liebesgrüße aus Moskau) und Martin Balsam (der später auch in Kap der Angst, einem meiner all time favourites, mitspielte). Last but not least kann Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123, so der deutsche Titel, exzellente Dialoge und einen Soundtrack vorweisen, der einem Shaft in nichts nachsteht.

     

    »Captain Retro und die Synchronauten«, eine aus 7 Künstlern (3 Sprecher und ebenso viele Musiker sowie ein über alles wachender Mischer) bestehende Formation, hat das in diesem Film schlummernde Potential erkannt und als Kino-Live-Synchro-Show auf die Bühne gebracht. Allesamt Filmliebhaber, erwecken sie die tonlos über die Leinwand zuckelnde U-Bahn zu neuem Leben. Jede der drei Stimmen hat ein gutes Dutzend Sprechrollen zu übernehmen, während die Musiker neben ihnen nicht nur für einen – für eine 3-Mann-Kombo – erstaunlich fetten, unverzüglich in die Füße gehenden Sound sorgen, sondern den Film mit allen Geräuschen garnieren, die es eben braucht. Die musikalische Vielseitigkeit der Mitwirkenden ermöglicht ein reiches und farbenfrohes Klangbild ohne elektronische Tricks. Jeder Sound ist für das Publikum nachvollziehbar, die Bühne wimmelt von allem, womit sich adäquate Geräusche erzeugen lassen – vom Kopfkissen über Stahlfässer bis hin zum Klospülkasten ...

     

    Nach 100 Minuten Film, dargeboten in zwei gleich langen Halbzeiten, ist den Künstlern die Erschöpfung anzumerken. Volle Konzentration, der sekundengenaue Einsatz der Stimmen, Geräusche und Musik haben bei allen Mitwirkenden Spuren hinterlassen. Aber: Man sieht und spürt, mit welcher Freude das Ensemble bei der Sache ist, wie liebevoll es mit der Story, den Film-Charakteren, seinem Equipment und seinem Publikum umgeht. Spielfreude pur, und das Publikum macht mit, lässt sich anstecken und trägt seinen Teil bei, indem es die eingeblendeten Kommandos ausführt, grummelt, surrt, Buhrufe ablässt oder in kollektive Panik verfällt.

     

    Gut 20 mal haben »Captain Retro und die Synchronauten« die Todesfahrt der U-Bahn 123 bereits aufgeführt, und auch für das Frühjahr 2011 stehen bereits weitere Termine fest:

     

    23.03.2011 – Essen

    24.03.2011 – Erlangen

    25.03.2011 – Baden-Baden

    02.04.2011 – Marne

     

    Fazit: Anschauen und legendären Spaß haben!



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