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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 19:35

    Michael Nyman auf CD und DVD

    11.12.2010

    Oft nicht weit vom Kitsch

    Es existiert ein Credo, wonach Filmmusik dann gut sei, wenn man sie nicht bemerkt. Wie so oft, verwandelt sich dieses Credo in puren Unsinn, wenn es zum Dogma wird. So gilt es nicht für jene Filme, die bereits vorhandene Aufnahmen als wesentlichen Bestandteil verwenden. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Das prominenteste Beispiel dafür ist Easy Rider, der ohne die darin genutzten Songs nicht annähernd so wirkungsvoll wäre, wie er tatsächlich ist. Aber es gibt auch Kompositionen, die extra für Filme geschrieben wurden und ein Eigengewicht besitzen, das sie gelegentlich länger im Gedächtnis bewahrt als die Bilder, für die sie gedacht waren. Ennio Morricone ist einer der Komponisten, deren Musik sehr wohl bemerkt wird und bemerkt werden soll, auch Michel Legrand oder Francis Lai und übrigens Hanns Eisler zählen dazu, und auch Michael Nyman. Seine Musik zu Peter Greenaways Kontrakt des Zeichners hat entscheidend zum Erfolg des Films beigetragen. Aber sie war auch deshalb so bemerkenswert, weil sie kongenial zum Stil des Films passte, obwohl sie, wie Nyman versichert, nur auf der Basis des Drehbuchs entstand, als noch keine Bilder existierten.

     

    Von den zahlreichen Partituren, die Nyman für Filme geschrieben hat, ist nur noch jene für Jane Campions Piano von vergleichbarer Qualität. Denn Nyman ist entgegen vollmundigen Werbesprüchen kein großer Komponist. Er ist ein epigonaler Eklektiker, stark beeinflusst von der Minimal Music – angeblich hat er selbst diesen Begriff für seine repetitiven Kompositionen erfunden –, aber an Steve Reich, der ihn in Berlin unter seine Fittiche nahm, und noch nicht einmal an Phil Glass oder Terry Riley kann er sich nicht messen. Er holt sich Anregungen bei der Balkan-Folklore oder bei Purcells genialer Frost-Arie. Doch seine Einfälle sind schlicht, die Durchführung ist kurzatmig und wirkt mechanisch. Das ist freilich ebenso Absicht wie das bedingungslose Bekenntnis zur Tonalität. Zwar beruft sich Nyman auf Modelle der Barockmusik, aber zum Kitsch ist es oft nicht weit.

     

    Aber Nyman ist nicht nur Musiker und Komponist, er hat auch, als Autodidakt und eher unsystematisch, mit der Videokamera, selbst Filme gedreht. Sein besonderes Interesse gehört dem frühen sowjetischen Stummfilm. Zu Dziga Vertovs Mann mit der Kamera hat er 2002 eine Musik komponiert, um dann 2010 selbst einen Film zu produzieren, der den kalauernden Titel NYman with a Movie Camera trägt und sich zu Vertovs Meilenstein der Filmgeschichte verhält wie Thomas Schadts Berlin – Sinfonie einer Großstadt zu Walther Ruttmanns Berlin: Die Sinfonie der Großstadt.


    Das Österreichische Filmmuseum hat Michael Nyman bauftragt, Musik für zwei andere Filme Vertovs zu schreiben, für Ein Sechstel der Erde von 1926 und Das elfte Jahr von 1928. Auf einer CD gibt es, in fünf einander abwechselnden, bruchlos in einander übergehenden »Sätzen«, diese Kompositionen. Eine begrenzte Anzahl von Motiven wird, nur wenig variiert, endlos wiederholt. Diese Musik, gespielt von Michael Nymans eigener Band, kann ohne die Bilder nicht bestehen. Die CD ist dafür das falsche Medium.

     

    Eine Geschichte findet ihren Abschluss

    Zugleich ist bei Arthaus Musik eine Box mit zwei DVDs erschienen. Eine DVD enthält die Aufzeichnung eines Konzerts in der Händel-Stadt Halle, bei dem Nyman, seine Band, deren elektrisch verstärkte Instrumente den natürlichen Klang einem Synthesizersound annähern, vom Klavier aus dirigierend, 15 kurze, zum Teil aus Filmen stammende und ein längeres Stück hämmert, dessen Titel Musicologist Scores ihm erlaubt, bessere Komponisten zu zitieren. Die andere DVD enthält einen konventionell gemachten Dokumentarfilm über Nymans Leben, Musik und Arbeitsweise: Selbstaussagen, Interviews mit Leuten, die mit Nyman zu tun hatten, Kommentare. Sie bestätigen, was dem Hörer von Nymans Musik und dem Betrachter der Filme, für die er komponiert oder die er selbst gedreht hat, längst aufgefallen ist.

     

    Am Anfang des Films besucht Nyman Tschenstochau in Polen, von wo sein jüdischer Großvater 1905 nach England auswanderte. Am Ende des Films steht ein Konzert bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall, einer Veranstaltung mit einer ehrwürdigen Tradition. »Das ist es, wo ich immer hin wollte«, sagt Nyman mit offensichtlicher Befriedigung. Eine Geschichte hat ihren Abschluss gefunden: Der Enkel eines von Pogromen bedrohten polnischen Juden ist im Tempel der britischen Society angekommen. Er ist, als Jude und als Außenseiter in der Musik, akzeptiert. Vielleicht könnte diese Geschichte auch Auskunft geben über den gehetzten Grundzug von Nymans Musik. Doch das wird im Film nicht thematisiert. Es entspricht dem Charakter solcher Dokumentationen, dass sie apologetisch sind, alles aussparen, was nach Kritik aussehen könnte. Und als Mensch wirkt Nyman ja auch sympathisch. Wer wollte da Wasser in den Wein gießen?


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