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Jazz in Buch und Kalender

19.10.2007

Früher Jazz und Jazz im Kalender
Eine illustre Ansammlung adeliger Zeitgenossen bevölkerte die Jazzszene in den zwanziger bis vierziger Jahren. Vom King (Oliver) über den Duke (Ellington) bis zur Empress (Bessie Smith) – die Bahnbrecher, Erneuerer und Supersolisten bekamen Namenszusätze wie andere Leute Orden.

 

Diese Ehre für die Musiker und Sängerinnen kam nicht von ungefähr, denn insbesondere für die schwarze Bevölkerung wurden die Jazzer der Frühzeit als Helden und Idole verehrt trugen erheblich zum eigenen Selbstbewusstsein bei.

New Orleans darf sich nach weitgehend übereinstimmender Lehrmeinung als Geburtsort des Jazz fühlen, Chicago als den Staffelstab übernehmende Großstadt, weil es die schwarze Südstaatenbevölkerung wegen Diskriminierung und fehlender Arbeit nach Norden zog. Sie nahmen den Jazz mit und entwickelten ihn weiter. New York dagegen stand jazzentwicklungsgeschichtlich erst einmal abseits der großen Veränderungen.

Aber dann. Nach 1920 änderte sich das Bild, vor allem im Stadtteil Harlem wurde der Schub der Musik immer heftiger. In diesem Zeitrahmen setzt Robert Nippoldt seinen Zeichenstift an und erzählt in schwungvollen Bildern, wie „Im New York der Wilden Zwanziger“ der Jazz seinen nicht mehr aufzuhaltenden Triumphzug startete. Dazu steuerte der Jazzfachmann Hans-Jürgen Schaal einfühlsame Texte bei, die sich mit den Biographien bedeutender Jazzmusiker wie Louis Armstrong oder Jelly Roll Morton oder Bix Beiderbecke sowie mit Schallplattenaufnahmen und Clubs beschäftigen. Die beiliegende CD enthält zwanzig Originalaufnahmen, die als typische Beispiele der beschriebenen Zeit durchgehen und Titel wie „Minnie The Moocher“ von Cab Calloway, „Rhapsodie In Blue“ von Paul Whiteman und „Beale Street Blues“ von Fats Waller und Alberta Hunter vorstellen.

Das großformatige Buch gibt ein Zeugnis dafür ab, wie man – ohne direkt ins bibliophile Ambiente zu geraten – heute „Bilder“-Bücher für Erwachsene gestalten und präsentieren kann. Dazu sind nämlich nicht nur qualitäts- und fantasievolle Zeichnungen notwendig, dazu gehören auch Typographie, Schrift und Gestaltung. Robert Nippoldt war denn auch neben der zeichnerischen Arbeit für die Gestaltung und den Satz verantwortlich.

Die Anekdoten von Hans-Jürgen Schaal lockern das ohnehin schon leichtfüßig, aber nicht leichtfertig daher kommende Buch heftig bis deftig auf. Zum Beispiel, dass Sidney Bechet Hunde sehr liebte, in einem Berliner Hotel einen Hundekampf organisierte und deshalb eine Nacht in einer Zelle verbrachte.

Sehr bescheiden – jedoch nur in Größe und Umfang – steht dem dicken braunen Jazzwälzer das schmale rote Büchlein „Jazz in Crime“ gegenüber. Den Herausgebern Christina Bacher (Autorin und Journalistin aus Köln) und Harald Justin (Redakteur der Zeitschrift JAZZTHETIK) ist es gelungen, von schreibenden Zeitgenossen Texte zu bekommen, die Kriminalromane und Jazz in vielfältiger Hinsicht miteinander verknüpfen. Ralf Koss etwa tauchte tief in das Werk des Autors Bill Moody ein, der nicht nur Krimis verfasst sondern selbst auch als Jazzschlagzeuger auftritt. Harald Justin erzählt von Ernest Bornemann, der nicht nur als Sexualwissenschaftlicher Buchstabe an Buchstabe setzte sondern auch als Jazzkritiker und Jazzfilmer Akzente. Thomas Noetzel wagt einen Blick auf Großstadtkrimi und schmutzigen Jazz: „Erst mit der Realitätsinfizierung des Krimis durch Chandler und Hammett, mit der Amerikanisierung des Genres und seiner Verstädterung zieht die Musik, genauer der Jazz, in den Kriminalroman ein.“

Alle Abbildungen im Jazzkalender stammen übrigens aus zwei Büchern von Robert Nippoldt: „Jazz im New York der wilden Zwanziger“ und „Gangster. Die Bosse von Chicago“, Nippoldts erster Veröffentlichung von 2005.

Klaus Hübner



Robert Nippoldt: Jazz – Im New York der wilden Zwanziger. Mit Texten von Hans-Jürgen Schaal. 1 Audio CD. Gerstenberg. Hildesheim, 2007. 146 Seiten. ISBN: 978-3-8369-2581-5. 39,90 Euro.

Jazz in Crime. Kalender für Kriminalliteratur 2008. Herausgegeben von Christina Bacher und Harald Justin. Daedalus Verlag. Münster, 2007. 160 Seiten. ISBN: 978-3-89126-208-6. 9,95 Euro.



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