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Donnerstag, 23. März 2017 | 09:14

Jörg Drews (Hg.): Bargfelder Bote. CD-Rom

06.09.2007

300!

Hinter den Wörtern lauern, schweigen und ruhen viele Geheimnisse – insbesondere bei denen, die Arno Schmidt benutzte. Was und wie er es meinte, welche und wie er Quellen benutzte: das zu enträtseln überließ er nicht nur seinen Lesern. Auch die von Berufs wegen mit seinem Werk Beschäftigten erfuhren vom Autor keinen Beistand.

 

Austauschen lautet das Zauberwort, das die breit gefächerte Offenlegung Schmidtscher Kryptographie versprach. Denn der Literaturwissenschaftler an sich forscht zwar gerne auf eigene Rechnung in Wortkonvoluten, bei Arno Schmidt benötigte man offenbar andere Mittel und Wege, hinter dessen Gedanken- und Quellenlage zu kommen.

Arno Schmidts Wohnort Bargfeld bei Celle gab der Zeitschrift, die als Forum des literarischen Dechiffrierungsclubs diente, ihren Namen: „Bargfelder Bote“. Inzwischen sind dreihundert Ausgaben erschienen, die nun auch auf einer CD-ROM Platz gefunden haben. Was war/ist das Besondere an dieser Zeitschrift? Sie beschäftigt sich ausführlichst und tiefdringends mit nur einem Autor, und zwar schon zu dessen Lebzeiten. Bereits nach relativ kurzer Zeitspanne begrüßte die Redaktion den eintausendsten Abonnenten – ein Kuriosum angesichts wiederholter Behauptungen über die Unlesbarkeit und folgerichtig Unverkäuflichkeit von Schmidts Werk.

Jörg Drews beschreibt im Booklet zur CD-ROM „Bargfelder Bote“, wie das Mitteilungsorgan zur Arno-Schmidt-Forschung „aus kuriosen und zaghaften und nur vereinzelt akademischen Anfängen“ allmählich-gemächlich dessen Chiffrierungssystem knackte. Dazu bedurfte es keiner Enigma-Entschlüsselungsmaschine sondern „nur“ einer umfassenden literarischen Bildung. Schmidts Bücher, so Drews weiter, wurden zwar schon „vor 1970“ auf Namen und Zitate hin gecheckt, richtig los ging das aber erst mit „Zettel’s Traum“, Arno Schmidts Hauptwerk. Dieses Buch beendete den Traum der „kleinen philologischen ‚Funde’“, „... die man in Schmidts Texten ja machen kann“ (Drews) und die bis dahin sorgsam im eigenen Entdeckerareal hütete. Der „kleine verschworene Zirkel“ benutzte halb im Jux die Bezeichnung „Dechiffriersyndikat“, denn das waren die Mitglieder: eine verschworene Gemeinschaft.

Dreihundert Ausgaben, die vom 1.9.1972 bis zum 3.6.2007 herausgegeben wurden, öffnen sich dem Programmbenutzer in chronologischer Reihenfolge. Kreuz und quer, hin und her – alles ist möglich im „Bargfelder Boten“, der in der digitalen Form auch eine komfortable und ausgiebige Suchfunktion anbietet. Wenn harte Kost wie etwa, und das sei hier als einziges Beispiel angeführt, "„KO BATE!“. KURD LASSWITZ’ ROMAN „AUF ZWEI PLANETEN“ IM WERK ARNO SCHMIDTS. NEBST EINIGEN ANMERKUNGEN ZUR SCHMIDTSCHEN ZITIERKUNST UND ZU SEINEM REALITÄTSVERSTÄNDNIS" (aus dem Boten No. 26), ein Beitrag, der Schmidts Lese- und Zitiergewohnheiten exemplarisch aufgreift, im Handumdrehen für Entwirrung, gleichzeitig aber für schwindelerregende Fußnotenverwirrspiele sorgt, kann sich der Leser ein treffliches Bild davon machen, was in den 299 anderen Ausgaben erwartet werden darf.

Druck- und gezielte Abbildungssuchfunktionen ergänzen diese (P)Fundgrube aus dem Werk (und dem Leben) eines Autors, der in abgeschlossenen Zirkeln wirklich gelesen, wahrscheinlich sogar – überwiegend – verstanden wird. Und der im übrigen durch seinen Namen ein gewisses Etwas vermittelt, was mithilfe der CD-ROM "Bargfelder Bote" vieler Geheimnisse beraubt werden kann.

Klaus Hübner


Jörg Drews (Hg.): Bargfelder Bote. CD-ROM. Verlag Zweitausendeins. Frankfurt am Main. ISBN 978-3-88377-906-5. 49,50 Euro.

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