Sylvia Ballhause: Filmtheater
31.08.2006
Plüsch und Samt und Filme
Mach' Dir ein paar schöne Stunden - geh' ins Kino. Ein erfolgreicher Werbespruch, der nicht nur das Filmerlebnis ankurbelte sondern auch das Drumherum aus Einrichtung und dem Verkauf von Eiskonfekt huldigte. Angesichts moderner, stromlinienförmiger Kino-Architektur in Cinemaxxqualität ist es manchmal wohltuend, einen nostalgischen Blick zurück auf eine frühere Ästhetik der Kinos zu werfen.
Die Ära ansehnlicher Kinopaläste in Deutschland ereignete sich, glaubt man dem Wandkalender "Filmtheater – Kinos in Deutschland 2007" des Schüren Verlages, besonders in den fünfziger Jahren. In der Tat: acht der zwölf Kalenderblätter zeigen Kinos zwischen 1950 und 1957, die restlichen vier wurden 1929, 1934, 1938 und 1949 eröffnet.
Dass ein nostalgischer Rückblick darauf wehmütige Erinnerungen auslöst, liegt auch daran, dass diese wunderbaren Häuser heutzutage Bekleidungsfilialen – wie das "Burgtheater" in des Rezensenten Heimatstadt – oder den Cinemaxx-Komplexen zum Opfer fiel. Klar strukturierte Architektur, Polstersessel, Wandverkleidung in gleicher Farbe oder Kontraste dazu in goldfarbenem Interieur – die schönen Stunden in diesen Etablissements waren oft ein Hochgenus. Egal ob Provinz oder Metropole, diese Kinos, die zurecht Filmtheater hießen, versprühten Charme und zeigten sich als ästhetisch wertvolle Perlen.
Die zwölf großformatigen Fotografien (48 x 48 cm) von Sylvia Ballhause, die auch schon für das Jahr 2006 einen derartigen Kalender herausbrachte, zeigen den Kino-Glamour in ganzer Pracht und Herrlichkeit. Das 1938 in Backnang eröffnete "Neue Filmtheater" mit 220 Plätzen oder das 1954 in Kassel eröffnete "Gloria" mit 342 Plätzen – ein Kinosaal ist schöner als der andere. Wer sich noch erinnern kann, der weiß, wie das Eiskonfekt im gemütlichen, plüschigen Interieur jeden Film noch einmal verschönerte. Da konnte man es sehr gut aushalten und seiner Partnerin oder seinem Partner im Dunkeln die Hand streicheln. Was sich fast genauso angenehm anfühlte wie die Bespannung der Sitze.
Sylvia Ballhauses Bilder kommen ganz ohne Publikum aus. Sie zeigt nur die leeren Säle. Genau darin liegt der Reiz der Fotografien – im unverstellten, "kopflosen" Blick auf die Glanzzeiten von Inneneinrichtungen, als noch kaum das TV-Bild eine andere Sehweise vermittelte.
Klaus Hübner
Sylvia Ballhause: Filmtheater.
Kinos in Deutschland 2007. Wandkalender. Vierfarbig. 12 Monatsblätter und ein Titelblatt. ISBN: 3-89472-439-0.
Euro 24,90