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John Jeremiah Sullivan: Pulp Head

27.10.2012

»Vom Ende Amerikas«

Dieser Tage tourt J. J. Sullivan mit seiner hochgelobten, in den USA mehrfach mit Preisen ausgestatteten Textsammlung Pulp Head. Vom Ende Amerikas – »Essays« im amerikanischen Titel – durch Deutschland. Sind es Essays, sind es Reportagen? Handelt es sich um Literatur? Nein, wir erfahren es nicht. Gut, man kann sich damit zufriedengeben, dass die amerikanischen Feuilletons das unter Essay subsumieren. Etwas bemüht wird uns vom Klappentext nahegelegt, der Autor »verwischt die Grenze zwischen Literatur und Journalismus, Erzählung und Reportage«. Es handelt sich um eine Sammlung von zumeist autobiographischen Episoden – um Döntjes, würde der Norddeutsche despektierlich sagen. Von WOLF SENFF

 

Bei der Geschichte von Herrn Lytle handelt es sich um eine frühe Erinnerung Sullivans, der sich ein knappes Jahr lang von einem zweiundneunzigjährigen, schwulen Misanthropen aushalten ließ. Der gemeinsame Alltag war geregelt, und er ging davon aus, dass »wir uns einig wären. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich wie ein Zimmermädchen begrapschen würde«. Unverhofft kommt oft. Er verließ Herrn Lytle und nahm sein Studium wieder auf.

 

Der nicht recht originelle Erzählkern ist überhöht durch den für den europäischen Leser mittlerweile abgestandenen, kitschigen Topos vom weisen Alten – »Das Leben ist ein Melodrama. Nur Kunst ist echt.« – und als Zugabe gibt es die Initiation des Adepten, d. h. seine Einführung in Theorie und Praxis literarischen Schaffens. 

 

Die ach so »bildmächtige« Sprache

Zum Marketing gehört immer auch das Lob der »bildmächtigen« Sprache des jeweils in Rede stehenden Autors, bei Sullivan ist das nicht anders. Wollen wir mal sehen. Über Herrn Lytle schreibt der Autor, dass »im defensiven Zittern seines Kiefers eine gewisse Beschämung« lag. Wenige Seiten zuvor »hing« der alte Herr »so kraftlos in seinem Sofa, als hätten Diebe ihm seine Knochen gestohlen«. Nein, so etwas kann man nicht den Übersetzern anlasten. Noch: »In beigen Plüschpantoffeln umkreiste er sein Gebiet und markierte die Grenzen vorsichtig mit seinem Gehstock«. Das Markieren von Territorien findet eher selten unter Zuhilfenahme von Gehstöcken statt.

 

In einem anderen Text beschäftigt sich der Autor mit dem Konzert, das die neu formierten Guns n' Roses nach langer Pause im Mai 2006 in Bilbao gaben. Dort »neben dem Guggenheim gibt es einen Springbrunnen, der alle vier oder fünf Sekunden Wasserfontänen in die Luft schießt«. Ach ja? Komm, lass mal Wasserfontänen in die Luft schießen gehen. Und über Axl Rose: »Mit der Kampfeslust einer Comicfigur stakste er auf uns zu.« Gut, Sprache hatten wir schon, es ist genug. 

 

Heavy-Metal-Niveau

Axl Rose ist das einzige aus den neunziger Jahren übrig gebliebene Mitglied der Gruppe, nach der Tournee veröffentlichten Guns n' Roses im November 2008 die CD Chinese Democracy; Diederich Diederichsen nennt Chinese Democracy seinerzeit in der Süddeutschen einen »Trümmerhaufen der Ambitionen«, Friedrich Pohl schreibt in der Welt, es handle sich um »das schlimmste aller Guns-n’-Roses-Alben und die jämmerlichste CD des Jahres«. Die Kritiken im angloamerikanischen Raum fallen ausgewogen aus. Rolling Stone lobt.

 

Es ist mutig, den Auftritt in Bilbao als »das finale Comeback des Axl Rose« zu bezeichnen. Sollte es sich um Ironie handeln? Möchte man eigentlich erwarten. Aber Ironie will Sullivan nicht. Bilbao bedeutete keineswegs das Comeback für diese Gruppe, falsch, der Autor pflegt seine eigenen sentimentalen Gefühle. »Sie waren die letzte große Rockband, die es nicht irgendwie auch ein bisschen peinlich fand, eine Rockband zu sein«, und er ist »dieses Konzert betreffend nicht einer Meinung mit meinen tintenfleckigen Halunkenkollegen aus der Alten Welt«. Oh, oh, das Heavy-Metal-Niveau drängt mit Macht auch in den sprachlichen Ausdruck, der Autor tritt prätentiös auf, in der »Neuen Welt« saßen sie immer schon auf den höheren Rössern. 

 

Ich, Ich, Ich

In »In unserem Amerika« (»American grotesque«) beschreibt Sullivan seine Teilnahme am »Tea Party Express«, dem Marsch der radikalen Rechten auf das Kapitol im Washington. Dem folgte bekanntlich ein Jahr später, bei Sullivan nicht der Rede wert, Jon Stewart mit der »Rally to restore sanity«. Nein, Sullivan beteiligte sich nicht an der Demonstration der Tea Party, weil er mit deren politischen Zielen übereinstimmen würde. Er ist um strikte Neutralität bemüht, er erwähnt einige Gewerkschafter, er selbst gibt seine Meinung nicht kund, er nimmt jedoch Anstoß an der »konventionellen Hässlichkeit der Menge«. Was er damit meint? Nein, erklärt er nicht.

 

Sullivan nimmt, wie wir im späteren Verlauf des Textes erfahren, teil, weil sein Cousin teilnimmt, der »vor drei Monaten mit einem wichtigen republikanischen Senator gefrühstückt« hat. Dieser Cousin hat die einst »typische Mittelklassefamilie« zu höheren Weihen geführt und der Autor, nun wissen wir’s, nimmt aus familiärer Verbundenheit an der Demonstration der radikalen Rechten teil. Ein bisschen viel Ich, Ich, Ich. Er greift dann das Thema Gesundheitsreform auf, widmet sich in epischer Breite den Bemühungen Benjamin Franklins um staatliche Gesundheitsversorgung, und letztlich lässt Sullivan alle Türen offen: »Ist Amerika ein Land, in dem man das macht? In dem man sich um alle kümmert? Oder ist das nicht unser Weg?«

 

Mangelnde Distanz

Ein Artikel – »Der wahre Kern der Wirklichkeit« – handelt von »The Real World«, einer Reality-TV-Show, überaus populär und so schauderhaft, dass man sie hierzulande nicht einmal in den sattsam bekannten Privatfernsehanstalten zeigen würde. Was an Sullivans Text vor allem stört, ist die Tatsache, dass ein analytischer Ansatz nicht zu erkennen ist. Der Autor macht sich gleich mit jenen verkommenen Gestalten – »The Wiz« –, über die er schreiben wird, wir lesen eine launige Schilderung seines Besuchs. Da verpasst Sullivan eine Gelegenheit, sich an ironischem Feinschliff zu üben und die eigene Distanz gegenüber den dargestellten Ereignissen auszudrücken.

 

Im Gegensatz dazu ist »Nach Katrina« eine angenehme kleine Reportage. Der Autor besucht Gulfport bei New Orleans wenige Tage nach der Katastrophe, beobachtet die Menschen und spricht mit einigen von ihnen. Viel Raum gibt er leider einem Streit, in den er sich mit einem anderen Autofahrer verwickelt. Aus Sicht der Reportage ist das der bereits erwähnte Mangel an sachlich beobachtender Distanz. 

 

Geschwätzige familiäre Beziehungen

Und noch einmal die Geschwätzigkeit, mit der die Texte in familiäre Kontexte eingebettet werden. »Hey, Mickey« schildert einen Besuch der eigenen und einer befreundeten Familie im Disney Resort Orlando, Florida. Die Familienväter gehen eigene Wege und nutzen stille Ecken zum gemeinsamen Rauschgift-Konsum: »Nichts«, bekennt der Autor selbst, »ist so langweilig wie Kiffergeschichten«. Erstaunlicherweise ist der Text dann über weite Teile differenziert; der Autor informiert über steuerliche Tricksereien bei der Ansiedlung des Disney-Konzerns, effektive journalistische Recherche klingt durch, und endlich einmal bleibt der Standpunkt des Autors nicht nebulös.

 

In »LA-HWI-NE-SKI« treffen wir erneut auf den verschrobenen älterer Herrn, diesmal in Person des Naturforschers Rafinesque, Zeitgenosse des berühmten Ornithologen Audubon und offenbar ein etwas exzentrisches, sprunghaftes Genie; man fragt sich beim Lesen recht lange, aus welchem Grund diese Figur in einem ordentlich recherchierten Text gewürdigt wird, und fühlt sich dann sehr aufs Glatteis geschickt, als erneut Sullivans Familie hineinspielt: seine Urur…großeltern boten einst dem Studenten Rafinesque Unterkunft. Ein Text, der ernstgenommen werden will, liefert die Begründung für seine Existenz aus sich selbst. Es ist eine bestenfalls missverständliche, in jedem Fall aber schädliche Hilfskonstruktion, familiäre Beziehungen einzuflechten, um dem Text diese Begründung zu geben.

 

Zeugnis vom Ende Amerikas

Dass die Texte formal verschieden angelegt sind – »crossover« –, ist kein Qualitätsmaßstab. »Michael« etwa ist ein sorgfältig recherchierter journalistischer Text, in diesem Fall mal ohne Sullivans familiäre Grundierung, es geht um Michael Jackson. Der Titel »Michael« suggeriert in diesem Falle nicht etwa Vertrautheit, sondern Verehrung wie für einen Heiligen: »Ein Gott bewegt sich durch ihn [d.i. Michael Jackson] hindurch. Der Gott tritt ein, der Gott tritt aus.« Sprache hatten wir schon.

 

Man versteht, dass Suhrkamp sein Pulp Head professionell promotet. Aber der hohe Ton klingt schräg, der Verlag preist das Produkt an wie sauer Bier. Dieses von Grund auf misslungene Lesebuch ist selbst ein beredtes Zeugnis, wie es im Untertitel heißt, vom Ende Amerikas. Ein glaubwürdiger Schritt in Richtung auf Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit und Genauigkeit wäre übrigens gewesen, nicht gleich pathetisch von »Amerika« zu reden, wenn lediglich die USA gemeint sind. 

 

Termine der Lesereise

29.10.2012 Heidelberg

30.10.2012 Frankfurt am Main

31.10.2012 Köln

01.11.2012 Hamburg

02.11.2012 Leipzig

04.11.2012 Berlin

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