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    Montag, 21. August 2017 | 06:32

    Jens Schröter: Verdrahtet

    15.09.2012

    Vom Code der Zifferblätter und dem Verschwinden der Arbeit

    In Verdrahtet. The Wire und der Kampf um die Medien beschäftigt sich Jens Schröter mit der US-amerikanischen Krimiserie The Wire. Sie spiegelt Krise und Zerfall der kapitalistischen Gesellschaft. Von WOLF SENFF

     

    Immerhin outete sich Stephen King als Fan von The Wire. Für ihn ist Baltimore, Schauplatz der Handlung, eine Grabstätte, die Einwohner sind lebende Tote – und The Wire eine Version von Dantes Inferno. Snoop sei »möglicherweise der furchteinflößendste weibliche Bösewicht, der jemals in einer Fernsehserie auftrat« (Entertainment Weekly.com, 1.2.07). Laut Las Vegas Sun war The Wire die Lieblingsshow des US-Präsidenten Barack Obama.

     

    Jenseits der geläufigen Krimi-Serien-Standards

    Spiegel Online schwärmt (»ein gesellschaftskritisches Meisterwerk von epischer Komplexität«, 26.10.09), die FAZ jubiliert (»The Wire ist ein Roman. Einer der besten.«, 14.05.10), die Neue Zürcher Zeitung nennt die Serie »hochpolitisch, tragisch, kompromisslos, authentisch, einfühlsam und zutiefst beeindruckend« (3.10.08).

     

    Jens Schröter, Professor für Theorie und Praxis multimedialer Systeme, fasst diese Serie besonnen ins Auge. Sein »Kampf um die Medien« meint dieses: Wer die Kommunikationswege beherrscht, hat alles im Griff. Auf den ersten Blick ein verwegenes Thema für einen Krimi. Schröter geht Schritt für Schritt und sehr präzise ans Werk, er untersucht Vorspänne, Sequenzen und zeigt, wie entscheidend in The Wire für Polizei und Drogenszene die Kontrolle der eigenen Kommunikation ist. Wer diese Kontrolle verliert, hat schlechte Karten. Dabei geht es nicht nur um die jeweils neuesten und sichersten Technologien. In den letzten Episoden von Staffel 5 (Clarifications, 5.8, und Late Editions, 5.9) verweisen auf Zifferblättern eingestellte Uhrzeiten auf maßgebliche Informationen, und seitens der Polizei werden aufwendige Ressourcen mobilisiert, bevor dechiffriert werden kann. »The Wire setzt weniger auf die Psychologie der Figuren, sondern entwickelt seine Erzählmuster vielmehr aus dem unaufhörlich sich verschiebenden Gewebe aus Menschen, Zeichen und Technologien«. Das ist ein erheblicher Schritt heraus aus den hierzulande geläufigen Krimi-Serien-Standards.

     

    Zerrüttete Finanzmärkte lediglich Symptom

    Schröter verweist auf die Ähnlichkeit dieser Struktur, die er aus seiner Untersuchung ableitet, mit dem soziologischen Ansatz der Latourschen Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), derzufolge sich Geschehen aus Verkettungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren generiert; folglich tritt die Psychologie in den Hintergrund. Der Vorspann von The Wire spiele gleichsam programmatisch exakt dieses Thema, er zeigt »mal Hände, dann Leute, dann wieder Fotos oder nur Akten, dann Geräte, dann wieder Personen etc.« Die Serie portraitiere eine Gesellschaft, die aus Menschen und Medien in immer aufs Neue sich wandelnden Konfigurationen bestehe, und der Kampf um die Medien sei in Baltimore, wo es für weite Teile der Bevölkerung keine andere Möglichkeit als den Drogenhandel gebe, ein Symptom des Überlebenskampfes, denn andere Erwerbsmöglichkeiten seien erheblich reduziert.

     

    Die kapitalistische Gesellschaft befinde sich exakt in diesem Stadium von Krise und Zerfall. Auch die zerrütteten Finanzmärkte seien lediglich Symptom. Die Ursache für Krise und Zerfall sei in der technologiegetriebenen Verdrängung von Arbeit zu sehen; das Verschwinden von Arbeit zerstöre die Lebensgrundlage der Individuen, der sozialen Strukturen, des Staates. The Wire thematisiert dieses Eliminieren von Arbeit u. a. in einer der letzten Episoden von Staffel 2 (Backwash, 2.7), als der Hafenarbeiter und Gewerkschafter Sobotka eine Präsentation von Robotik-gestützten Verladesystemen für Häfen kommentiert.

     

    The Wire ist eine äußerst aktuelle Serie. Der kleine Essay von Jens Schröter ist eine gleichwertige, hilfreiche Vorbereitung für den, der Hintergründe verstehen möchte.

     

    Der US-amerikanische Serienkrimi lief seit Juni 2002 auf dem Pay-TV-Sender Home Box Office in den USA, zuletzt im März 2008. In Deutschland gab‘s die ersten beiden Staffeln ab September 2008 im Pay-TV; beim ZDF wurde angeblich 2010 überlegt, die Rechte zu erwerben. Einige Staffeln sind als DVD erhältlich. 

     

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