TITEL kulturmagazin
Montag, 27. Februar 2017 | 19:11

 

Jörg Adolph im Gespräch

01.07.2004

„...Ich weigere mich noch, nach einer bestimmten Methode oder gar einem Schema vorzugehen. Das heißt auch: Scheitern ist immer möglich.“

Interview mit Jörg Adolph, Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2001 in der Sparte Dokumentarfilm

 

(Archivbeitrag von 2001)

Jörg Adolph, Jahrgang 1967, ist der Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2001 in der Sparte Dokumentarfilm. In „Klein, schnell und außer Kontrolle“ verfilmt er den Werdegang zweier junger Tischtennisspieler, ihre Vorbereitung auf ein großes Turnier. Fingerübung für gelernte Techniken und Erweiterung des bisher zum Thema Tischtennis Gezeigten zugleich, ist der Abschlussfilm der HFF in München als Dokumentarfilm auch Dokument des eigenwilligen Stils von Jörg Adolph, der dem (Fernseh-)Publikum keine Meterware anbieten möchte. Er beharrt auf der Ausführlichkeit und der Ruhe der Darstellung, beschleunigt, wenn es nötig wird, meidet den erläuternden Off-Kommentar und lässt allein Bilder und Beteiligte sprechen.
Jörg Adolph hat zunächst ein Studium der Literatur- und Medienwissenschaft in Marburg absolviert, bevor er sich an der Hochschule in München beworben und dort sechs Jahre in der Abteilung IV „Fernsehpublizistik und Dokumentarfilm“ studiert hat.




















Wann hat Dein unaufhaltsamer Weg zum Dokumentarfilm eingesetzt? War das während des Studiums in Marburg, oder hast du immer schon Deine Modelleisenbahn gefilmt?

Kein Sorge: Ich bin kein Modelleisenbahner, ich habe nur vor drei Jahren einen Film über Modelleisenbahner gemacht. Filmemachen kam mir aber immer auch ein wenig vor wie Basteln an der Modelleisenbahn: man versucht eine eigene, möglichst komplexe Welt zu gestalten, und der eigene Stilwillen reibt sich an den handwerklichen Fähigkeiten und den Angeboten der Industrie. In Marburg habe ich auch Europäische Ethnologie studiert; da beschäftigt man sich recht intensiv mit der so genannten Alltagskultur und kommt dann z.B. darauf, dass die Modelleisenbahn mehr als nur Spielzeug ist - ein Denkbild im Kleinen...
Am Filmischen hatte ich zuerst ein eher schwammiges Interesse, wie das halt so ist, wenn man aus einer Kleinstadt wie Korbach in Nordhessen kommt, und im dortigen Kino zumeist mit drei Wochen Verspätung nur den neuen James Bond sehen kann. Also geht man oft in die Videothek und entwickelt dann vielleicht eine gewisse Fanhaltung, liest „Cinema“ oder Ähnliches und findet das dann irgendwann doof, kauft sich die „epd-Film“, begeistert sich für bestimmte Regisseure, Kameraleute...
Während des Literatur-Studiums in Marburg wurde ich dann aber sehr schnell über die Schiene "Filmgeschichte - Filmanalyse - Filmtheorie" für das begeistert, was man im Fernsehen der 80er Jahre unter dem Label „Der besondere Film“ gezeigt hat.

Da gibt es bestimmt ein paar wegweisende Namen.

Nachhaltig war sicher die Seherfahrung mit Filmen von Alexander Kluge. Professor Guntram Vogt (er hat gerade den epochalen Sammelband „Die Stadt im Kino. Deutsche Spielfilme 1900-2000“ veröffentlicht; O.S.) hat da in Marburg eine sehr gute Propaganda-Arbeit geleistet. Ungefähr ab dem dritten Semester wurde mir der so genannte Essay-Film wichtig, u.a. von Ioris Ivens, Chris Marker, Johan van der Keuken, Peter Krieg, Hartmut Bitomsky und insbesondere Harun Farocki.
Ich habe schnell gemerkt, dass es mich eher zu sog. intellektuelleren Filmformen hinzieht - auch wenn ich bei Godard-Filmen immer nur ganz wenig verstanden habe und verstehe. Dann kam eine heftige Videokunstphase und schließlich die Verbindung von alldem in trickreichen Fernsehformen. Meinen Magister habe ich mit einer Arbeit über den von mir hochgeschätzten Filmemacher Volker Anding gemacht und dessen Fernsehmagazin „Donnerstag“ (für Kanal 4). Andings Film „Der Fall des Elefanten“ und ein Seminar mit seinem damaligen Redakteur vom „Kleinen Fernsehspiel“ (ZDF) haben mich schließlich darauf gebracht, dass es eventuell die Möglichkeit gibt, selbst einen filmisch interessanten Blickwinkel auf das was um uns herum ist zu werfen.

Was ungefähr heißt…?

Luigi Falorni, Regisseur und Kameramann mit dem ich gerne zusammenarbeite, meint immer, mein Prinzip wäre, thematisch und formal „immer knapp daneben“ zu halten.

Was ja an einer Filmhochschule vielleicht nicht sofort so gut ankommt ... wie ist es da gelaufen?

Glücklich an der HFF angekommen, habe ich mich erst sehr beeindrucken lassen, von professionellem Gehabe, production value und anderen Eitelkeiten. Wir hatten für die erste Kameraübung 30 Minuten S/W-Filmmaterial zur Verfügung, so dass ich mich einfach nicht getraut habe, zu sagen: jetzt mache ich aber einen richtig, guten Dokumentarfilm. Ich habe mich also auf das zurückgezogen, was ich in Marburg schon mehrfach mit Super 8 ausprobiert hatte und einen kleinen Film mit befreundeten Schauspielern inszeniert. Damit habe ich mich aber so unwohl gefühlt, dass es danach irgendwie kein Zurück zum Spielfilm mehr gab. Und zusammen mit meinem Kommilitonen Stefan Landorf habe ich nach dem ersten Jahr ernsthaft an dem Projekt „speziellere Dokumentarfilme“ gearbeitet. Stefan hat jetzt auch gerade die HFF abgeschlossen und sein Film „Aufnahme“ wurde im November auf dem wichtigen Duisburger Dokumentarfilmtagen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Toller Film. Eine Zumutung, aber ganz groß!

“Zumutung“ ist vielleicht ein gar nicht so verkehrtes Stichwort, wenn man es mal positiv sieht: Auch Du mutest den Leuten mehr zu als eingängige Kost, und man ist geneigt, eine Theorie dahinter zu vermuten oder zu suchen.

Theoretische Überlegungen waren immer ‚nur’ als angewendete Praxis richtungweisend. Die gewisse Orientierung an Vorbildern und eine Ahnung davon, dass man etwas Eigenes hinbekommen könnte, sind bestimmt der Motor, der einem ein so seltsames Studium an der Filmhochschule überhaupt möglich macht. Dann gab es natürlich Seminare und Begegnungen mit den Film-Helden und das ist viel Wert, und sei es nur der Desillusionierung wegen. Wahrscheinlich komme ich wieder zu einer Theorie, wenn ich weiter die Möglichkeit bekomme, eigensinnige Filme zu machen.
Richtungleitend sind für mich heute immer Überlegungen wie: jetzt bloß keinen Kommentar oder diesmal eine seltsame Art von Text. Vermeide ich Interviews oder nicht, wie gehe ich mit Szenenlängen um? Was ist das Thema und was ist dafür die richtige Form? Der Einsatz von Musik, Umgang mit den Protagonisten...das ganze dokumentarische Handwerk eben. Jeder Film muss ja erst mal gefunden werden und ich weigere mich noch, nach einer bestimmten Methode oder gar einem Schema vorzugehen. Das heißt auch: Scheitern ist immer möglich. Also: es geht mir gerade eher um dokumentarische Haltung, als um Theorie - und so eine Haltung finde ich momentan eher in den Filmen von Thomas Schadt oder Thomas Imbach.

Wir sehen aktuell Deine Haltung zum Thema Tischtennis in Deinem Gewinnerfilm „Klein, schnell und außer Kontrolle“.

Tischtennis ist ein besonders eigenartiger Sport, den ich früher selbst leidenschaftlich gern ausgeübt habe, und seine unsichtbaren Abläufe waren für mich als Meta-Ebene ein großer Anreiz: ein Sport, der klein, schnell und außer Kontrolle ist. Eigentlich ist Tischtennis eher moderne Kunst als Sport. Und diesen Blick wollte ich im Film auf das Thema werfen. Ich wollte unbedingt etwas machen, was näher als bei meinen anderen Filmen an den Menschen ist: einen filmischen Sport-Essay mit Spieleralltag. Es war dann nicht ganz einfach, an die Spieler (die in einen sehr strengen Zeitplan eingebunden sind) „ranzukommen“ - und manches erscheint mir heute als Notlösung, als noch im Ansatz stecken geblieben. Aber gereizt hat mich auch gerade das wenig Mediengeschulte der Protagonisten, dieses Spröde an dem Sport. Ich finde es nämlich immer schrecklich, wenn ich in Dokumentarfilmen mediengerechten Selbstdarstellern zu sehe, so Doku-Soap-Futter.
Eigentlich ist der Film genau so geworden, wie es im Exposé stand, aber dass er am Ende doch noch ein richtiger Sportfilm wird, wo der "Außenseiter" eine Medaille gewinnt, das war natürlich nicht zu erwarten.

Und wie war die Arbeit am Film selbst?

Wir haben etwas mehr als ein Jahr daran gedreht, insgesamt wohl 80 Drehtage, bis zur EM im April 2000. Parallel dazu wurde geschnitten und im August mussten wir mit dem Film fertig sein, damit 3sat ihn im September senden konnte. 3sat ist zum Glück eingesprungen, als wir eine Finanzierungslücke hatten. Anja Pohl hat den Film geschnitten und manches Wunder bewirkt. Und die Musiker Matthias Rothe und Boris Müller-Bernhardt sowie der Kameramann Luigi Falorni haben viel, viel Gutes getan! Ohne einen Kameramann, der sich manchmal mehr auf der Höhe des Films befindet als der Regisseur, kann man einen Dokumentarfilm, so wie ich ihn mache, eh vergessen.

Wie war das Echo auf den Film ? Doch wohl nicht ‚außer Kontrolle’?

Teils teils. Es gab sehr nettes Echo aus Tischtenniskreisen - ich war „Mann des Monats“ im Fachorgan dts, im Internet gab es angeregte Diskussionsforen. Ein wirklich blöder Verriss stand in der taz, und in der epd-medien eine sehr genaue und treffende Beobachtung. Am besten hat mir dort der Satz gefallen: „Man merkt, dass es sich um einen Abschlussfilm handelt, bei dem der Autor zeigen muss, was er alles kann. Das ist manchmal auch etwas zuviel des Guten.“ So ähnlich sehe ich das jetzt auch.

Was war ausgerechnet mit der taz los? Einerseits: An der Erwartungshaltung der Rezensenten krankt ja so manche Kritik. Andererseits: Die Zuschauer müssen sich sehr auf Deine Sicht-Weise einlassen und sollten keine Darstellung wie früher etwa zu ZDF-Sport-Spiegel-Zeiten erwarten. Aber woher sollen sie das vorab wissen? Ein „Kommunikationsproblem“ im Massenmedium Fernsehen?

Die Zuschauer sind ja schlau genug, wenn sie sehen, dass da nicht „Sportreportage“ in der Programmzeitschrift davor steht. Und nach den ersten paar Minuten merkt wohl jeder, dass der Film in eine bestimmte Richtung geht und außerdem weiß man doch, dass es auch im Massenmedium Fernsehen speziellere und ausgewiesene Sendeplätze gibt, wo man nicht unbedingt den Mainstream erwarten sollte.
Die taz-Kritik an meinem Film mit dem vielversprechenden Titel „Krank, aber geil“ ist ganz typisch taz. Allein schon der herablassende Einstieg: „Was haben wir nicht schon alles für Sportarten bei den Olympischen Spielen gesehen...“ Ich halte eine derartige Kritik einfach für selbstgefällig. An dem Film geht sie zum Glück komplett vorbei, wenn es dort z.B. heißt, man erfahre nichts davon, was Tischtennis eigentlich ausmacht. Da wird wohl jemand einen anderen Film gesehen haben. Gerade eine Akribie im Umgang mit dem scheinbar Nebensächlichen ist mein Arbeitsmotto. Und hier sehe ich auch eine enorme Darstellungslücke im TV, wo alles immer schon in der Überschrift gesellschaftsrelevant und ganz schnell einzuordnen sein muss. Trotzdem - weil es die erste Reaktion auf den Film war - hat mich das mächtig getroffen und ich bin den ganzen Tag schäumend vor Wut herum gerannt. Für Fernsehredaktionen sind Kritiken auch nicht ganz unwichtig und man hat immer Sorge, dass von dem Blödsinn irgendwo irgendwas hängen bleiben könnte.

Fehlt zum Abschluss noch die Mutter aller Interviewfragen: Was hat sich für Dich geändert seit dem Erfolg, dem Gewinn des Deutschen Fernsehpreises?

Welcher „Erfolg“? Nein, ganz ernsthaft! Es gibt jetzt keine konkreten Angebote, schließlich bin ich ja auch Autorenfilmer und muss meine eigenen Sachen entwickeln. Ach doch: „Red Bull“ wollte ein Extrem-Sportler-Porträt von mir, aber das war noch vor der komischen TV-Preisgala. Mal sehen, ob der Deutsche Fernsehpreis was hilft bei der Finanzierung eines neuen Projekts, an dem ich gerade arbeite.
Mein Blick auf die Welt hat sich aber trotzdem etwas verändert. Ich bin immer noch total überrascht und irgendwie auch stolz über diesen Preis. Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich, dass ich vielleicht doch keine ganz unmögliche Berufswahl getroffen habe - ich habe meinen Brotjob als Autor und Cutter beim Privatfernsehen mächtig heruntergefahren und arbeite sehr konzentriert an einer Musik-Dokumentation. Das neue Gefühl zeigt sich aber vor allem daran, dass ich jetzt in die Künstlersozialkasse eintrete und bei Berufsbezeichnung tatsächlich "Dokumentarfilmer" eintrage.





















Das Gespräch führte Olaf Selg


Kurz-Filmografie:

synaesthesie, eine Gruppenproduktion mit Stefan Landorf. Ein bunter Film mit Menschen, die Farben hören und Töne sehen, BetaSP, 48 min., 1997.
menschen-modelle-module, ein Essay über die selbst gebastelten Weltentwürfe von Modelleisenbahnern, mit Burkhard Spinnen, BetaSp, 44min
Klein, schnell und außer Kontrolle, Diplomfilm am der HFF, eine Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk (Redaktion: Joachim Faulsitich und Georg M. Hafner) und 3sat (Redaktion: Inge Classen), gefördert durch den FilmFernsehFonds Bayern, 93 min., Digi Beta, 2000.

In Produktion: NO TWIST - ein Anti-Popstarfilm für 3sat, der voraussichtlich im Mai 2002 fertig wird.

In Vorbereitung: Mount Everest, horizontal

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Ein Geheimnis in einer Graskugel

Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter