• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 18:50

     

    Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer

    27.05.2004

    „Ich möchte mich der Welt annehmen“

    Nicholson Bakers entzündet 33 Morgengedanken mit Einer Schachtel Streichhölzer. Dreiunddreißigmal begrüßt ein Frühaufsteher in einem winterlich verschneiten Haus im amerikanischen Neu-England seine Leser, denen er Einblick in seine Gedanken, Träume, Obsessionen und Utopien gibt. Der jüngste Roman Nicholson Bakers ist eine federleichte, bodenlose Idylle in Begleitung eines unauffälligen Sonderlings.

     

    Der 46jährige amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker gehört zu den eigenwilligsten heute schreibenden Autoren. Im Kreis seiner literarischen Zeitgenossen in den USA ist er ein ebenso phänomenologischer wie phänomenaler „Minimalist“ des mikroskopischen Blicks. Er kommt mit einem Nichts an Stoff und Handlung aus und schlägt aus dem Banalen des modernen Alltags poetische Funken, wie z.B. in seinem Erstling Rolltreppe oder die Herkunft der Dinge (1991) oder jetzt in seinem jüngsten Buch Eine Schachtel Streichhölzer.

    Morgengedanken

    Diese Schachtel Streichhölzer enthält 33 Stück und das Buch 33 Kapitel. Jedes beginnt mit einem „Guten Morgen“ und einer Zeitangabe zwischen knapp vor 4 und einmal 6.30 – frühmorgens, versteht sich, im tiefsten Januarwinter Neuenglands, in einem Kleinstädtchen namens Oldfield. Dort, in seinem alleinstehenden Haus, entzündet mehr als einen Monat lang der 44jährige Emmett – Lektor für medizinische Fachbücher, Jahreseinkommen 70.000 $, verheiratet mit Claire, Vater der 14jährigen Phoebe und des 8jährigen Henry – ganz allein, an & für sich, jedesmal den Kamin (mit den Kacheln, die seine längst getrennten Eltern aus dem ebenfalls längst dahingegangenen Bahnhof gerettet haben. Das Anzünden der verschiedenen Papiersorten, das jeweilige Beginnen des Feuers findet – bis auf einmal – im Dunkeln statt. Denn die „Morgengedanken“, die sich der Einsame am häuslichen Lagerfeuer macht, wobei er einen Apfel (& einmal eine Birne) verspeist und sich einen Kaffee macht (was einmal misslingt – wie auch das morgendliche Pinkeln), stellen sich am besten noch im Halbschlaf ein, vor Beginn der Morgendämmerung, manchmal begleitet von der „Zugsirene, die durch die Nacht heult“ und ihn „mitten ins Herz trifft“.

    Einen höchst eigenartigen, um nicht zu sagen exzentrischen Rahmen hat sich Baker da für seine 33, meist nicht länger als 3 ½ Seiten langen „Takes“ geschaffen. Warum – offenbar von der schlafenden Ehefrau ohne Murren oder Erstaunen hingenommen – dieser Mann in der Mitte seines Lebens diesen Seancen nachgeht, wieso er immer etwa zur gleichen nachschlafenden Zeit aufwacht (und wachbleibt, weil er morgens die Kinder zur Schule fährt): – das teilt er uns, die er Morgen für Morgen wie seine Zuhörergemeinde begrüßt (und einmal, beim 31. Mal mit „liebe Jungen und Mädchen“ anspricht), jedoch nicht mit. Ist das denn so wichtig? Wie man´s nimmt, alltäglich ist es ja nicht, dass einer nachts im Dunkel rituell den Kamin anzündet und metaphernreich sich die unterschiedliche Ausbreitung der Flammen vor Augen führt, während seine kleine Familie selig schläft.

    Komischer Kauz

    Nicholson Baker, gleichaltrig wie sein Selbererzähler Emmett samt dessen Familienanhang und Wohnhaus auf dem Lande, spielt wohl auch ein wenig mit unserer Mutmaßung, er zündele hier literarisch im autobiografischen Unterfutter seiner „Schachtel Streichhölzer“. Nun ist Emmett kein Schriftsteller (er wollte nur einmal einen Kriminalroman schreiben), aber Lektor ist ja ganz soweit davon nicht entfernt, wenn auch „nur“ für medizinische Fachbücher. Hätte es Baker bei dieser abstrakten Angabe gelassen, könnten wir in seinen merkwürdigen Helden einen Herrn Jedermann sehen. Aber dass er an diesen seltsamen Job durch seinen Großvater gekommen ist und dieser Autor von Büchern über „Pilzerkrankungen der Nase und des Gehirn“ oder eines „Obduktionshandbuchs“ ist – also schon eine „Original“ war, das macht den Enkel originell – und zu jenem komischen Kauz, der da 33 Morgende vor uns sitzt und uns etwa mit der Theorie überrascht, er könne mit Hilfe von Albträumen sich zum Aufwachen bringen oder uns z.B. darüber informiert, dass „die Scheren zu den zahlreichen Produkten gehören, die im Laufe meines Lebens besser geworden sind“ oder dass „eine bedeutende Veränderungen bei den Papiertüchern seit dem Auftauchen der Großmärkte (...) der Wandel bei der Blattgröße“ sei. Auch erklärt er uns, wie man eine Unterhose mit dem Zeh aufhebt und elegant in den Wäschekorb wirft, wie man Duschwasser von den Beinen streift oder und wie die gestörte Weltharmonie wieder herzustellen sei, wenn der Wannenablauf verstopft ist, nämlich durch den (bildreich beschriebenen) „Doppelspülsauger“. Wenn dann ganz am Ende der Rohreinigung „noch ein kleiner Strudel“ entsteht, dann ist das für Emmett „ wie ein Regenbogen nach dem Sturm“.

    Nicht zuletzt diese pathetische Naturmetapher für eine von Hand vorgenommene Badewannenabflussregelung setzt den bescheidenen Freuden dieses seltsamen Heiligen von Neuengland die humoristische Krone auf – und offenbart für misstrauische Skeptiker der Bakerschen Poesie und ihrer gewagten Metaphorik („Goldfischflamme“, “Feuerfleisch“) eine zärtliche, sympathetische Komik, die einen von ferne an die satirisch noch nicht zugeschärften Idyllen Jean Pauls erinnert – an das Arme Schulmeisterlein Wuz oder den lebensängstlichen Quintus Fixlein.

    Humoristische Poesie

    Denn die Idylle des Lektors in Oldfield, dessen nächtliche Kaminsitzungen nicht durch das leiseste Nachglimmen der in Bakers früheren Romanen Vox und Die Fermate hoch aufgeflammten Sprach- & Gedankenerotik erhellt wird, ist eine Art kleine Lebensphilosophie eines unauffälligen, ein wenig eigenbrötlerischen Mannes, der in seinem „Nest“ sitzt, wo er sich um die Ente in der Hundehütte in der nächtlichen Kälte ebenso Gedanken macht, wie über seine gar nicht so harmlosen Albträume, die ihn bis „zur Unterwelt“ führen. „Ich möchte mich der Welt annehmen“ meint er einerseits, wenn er sich fragt: „Warum sind Dinge schön?“ oder zum Schluss kommt: „Wir als Familie existieren, um nett zu der Ente zu sein, und die Ente existiert, um uns Rätsel aufzugeben“. Andererseits holt den ganz & gar problemlos in Haus, Familie und Beruf „niedergelassenen“ Morgenlandfahrer der Schmerz ein: „Geht an mir vorbei. Geht an mir vorbei. Das Leben“. In diesen drei Sätzen tritt fast – für Bakersche Verhältnisse – zu unmittelbar hervor, was an einer anderen Stelle verschwiegener angedeutet wird, wenn Emmett sich erinnert, dass er im Schlafwagen von Washington nach Bosten in seiner „Koje aufwachte“ und sah, „daß wir im Bahnhof von New York waren, und mir bewußt wurde, daß ich durch ein sehr bedeutendes Handelszentrum fuhr, ohne eine einzige Straße zu sehen, und daß etwas sehr Ähnliches in meinem Leben geschah“.

    Nicholson Bakers Kamin-Solituden kommen so lakonisch zu einem Ende (wie sie begonnen haben). Sie werden vom Verbrauch der 33 Streichhölzer gesetzt. Die Zeit von Emmetts frühmorgendlichen Kamin-Sinnereien ist vorüber, nachdem er das letzte Streichholz samt der Schachtel und dem letzten verzehrten Apfelkernhaus ins Feuer geworfen hat und er dessen Aschenwerdung zugeschaut hat. „Ich war fertig“, heißt der letzte Satz, und sollte er im Englischen „ I was finished“ gelautet haben, so bleibt, mehr als in Eike Schönfelds Übersetzung, im Original ein dissonanter Orgelpunkt übrig. Nicht nur zu einem Ende war er gekommen, sondern auch aufgebraucht – vielleicht bis zur Erschöpfung der Reflexion oder gar dem Tod nahe? „Wissen Sie“, sprach er kurz zuvor ein letztes Mal seine Lesebegleiter an, was ich, glaube ich, jetzt mache? Ich glaube, ich krieche ins Bett zurück, sehr vorsichtig, damit ich nicht zu sehr wackele, ziehe die Decke über mich, entspanne alle Muskeln und schlafe noch ein Weilchen neben ihr und stehe dann zu einer normalen Zeit auf“. Finis comedia. Die Normalität hat den Lektor aus Oldfield (gleich dem armen Schulmeisterlein Wutz aus Auenthal, das die Bettdecke über die Ohren zog, wenn es gar zu sehr in Bedrängnis kam): - die „Normalität“ hat Emmett wieder. Und die humoristische Poesie Nicholson Bakers kann gleich mitentschlafen. Sie hat ihr fabelhaftes Frühtagewerk mit wunderbarer Leichtigkeit auf 150 Seiten getan.

    Wolfram Schütte


    Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer. Roman. Deutsch von Eike Schönfeld. Rowohlt-Verlag, Reinbeck 2004, 151 Seiten, 16.90 ¤. ISBN: 3-498-00627-4

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter