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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:14

    Robert Spaemann: Nach uns die Kernschmelze

    29.07.2011

    Gegen Atomkraft.
    Für das Leben.

    Seit Jahrzehnten wendet sich der Philosoph Robert Spaemann gegen die Nutzung der Kernenergie, aus Gründen des Lebensschutzes. Die ökologische Position des katholischen Philosophen steht dabei nur scheinbar im Widerspruch zu seiner konservativen Haltung in Fragen der Abtreibung. Es sind zwei Seiten einer lebensfreundlichen Ethik. In dem jüngst bei Klett-Cotta erschienen Buch Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter kann man anhand hochaktueller Aufsätze aus den 1970er und 80er Jahren sowie einiger thematisch einschlägiger Interviews aus dieser Zeit nebst der Erstveröffentlichung eines kurzen Gesprächs mit Dominik Klenk einen Eindruck von der biophilen Grundposition des bekannten Moralphilosophen gewinnen. Von JOSEF BORDAT

     

    Auf der Höhe des technik- und umweltethischen Diskurses, immer wieder auf Carl Friedrich von Weizsäcker rekurrierend, begründet Spaemann, warum er die Kernenergie für prinzipiell lebensfeindlich hält: Ihr Funktionieren basiert auf Zerstörung, ihr wohnt gleichsam der Tod bereits konstitutiv inne. »Es ist nicht von ungefähr, dass die erste Nutzung der Kernenergie ein Massenmord war, der Massenmord an den Bewohnern von Hiroshima und Nagasaki.« Die Entfesselung der Kernenergie in der Atombombe ist der »Anfang des Unfriedlichen« dieser Energie überhaupt, so dass die Rede von der »friedlichen Nutzung« nur Augenwischerei ist, um an der Lebensfeindlichkeit vorbeisehen zu können.

     

    Spaemann hält die Kernspaltung für ein Phänomen, dessen Kraft wir in erster Linie deswegen ungenutzt lassen sollten, weil wir sie nicht beherrschen. Auch wenn die Technologie das Risiko einer unkontrollierten Entfaltung von Atomenergie minimieren kann, wird es nie gleich Null. Und erst dann wäre eine Nutzung zu verantworten, denn man verwette nicht das Leben seiner Kinder, so Spaemann, auch nicht wenn die Gewinnchance bei 99:1 läge.

     

    Nebenwirkungen unzumutbar

    Seine früheren Aufsätze zum Thema – »Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik« (1979) und »Ethische Aspekte der Energiepolitik« (1980) –, die fast zwei Drittel des 100-Seiten-Bändchens ausmachen, entstehen in einem geistigen Ambiente wachsender Sensibilität für Fragen des Natur- und Umweltschutzes: 1979 erscheint Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung, im gleichen Jahr gründet sich in Deutschland eine neue Partei – Die Grünen. In dieser Zeit werden die Folgen der Endlichkeit fossiler Brennstoffe diskutiert, und das Atom schien eine günstige, saubere und praktisch endlos verfügbare Quelle für Licht und Wärme zu sein. Spaemann gehört von Beginn an zu den Bedenkenträgern – mit einer bestechend klaren Argumentation, die philosophische und theologische Ideen in »ihrer abstraktesten und allgemeinsten Form« aufnimmt und überzeugend anwendet.

     

    Ein wichtiges Anwendungsgebiet dieser Ideen im Kontext der Kernenergie ist der Diskurs um die »Zumutbarkeit der Nebenwirkungen«. Dazu gehören die Risiken eines GAUs ebenso wie das (nach wie vor ungelöste) Problem der Lagerung des Atommülls. Hier argumentiert Spaemann mit dem moraltheoretischen Begriff Zweck (der eben die Mittel nicht heiligt) und dem handlungstheoretischen Begriff Verantwortung (die hier generationenübergreifend zum Tragen kommt). Er betont, dass jeder Mensch nur insoweit handeln kann, »als andere zuvor ihm nicht seinen Handlungsspielraum durch exzessive Ausdehnung des ihren genommen haben« und wir, die wir heute leben, nicht das Recht haben, »unsere augenblicklichen Wertschätzungen, also das, was uns wichtig erscheint, zum Maßstab dafür zu machen, was wir künftigen Generationen als natürliches Erbe hinterlassen«. Was das im Fall der Kernenergie bedeutet, liegt auf der Hand: Billiger Strom heute ist angesichts der Hypothek für die Zukunft nicht gerechtfertigt.

     

    Öko, aber kein Grüner

    Einige Passagen mögen dem, der sich für einen Kenner des konservativen katholischen Philosophen hielt, die Sprache verschlagen, etwa die Ausdehnung des ethischen Relevanzfelds auf die nichthumane Natur, die man sonst in dieser expliziten Form nur von Denkern am weltanschaulich anderen Ende der Skala kennt. Das hört sich dann so an: »Nur wenn der Mensch heute die anthropozentrische Perspektive überschreitet und den Reichtum des Lebendigen als einen Wert an sich zu respektieren lernt, nur in einem wie immer begründeten religiösen Verhältnis zur Natur wird er imstande sein, auf lange Sicht die Basis für eine menschenwürdige Existenz des Menschen zu sichern. Der anthropozentrische Funktionalismus zerstört am Ende den Menschen selbst.«

     

    Spaemann als »Öko«, doch wie er bereits 1988 in einem Interview mit Die Welt zu Protokoll gab, kann er mit den Grünen wenig anfangen. Das liegt an deren stark verengtem Lebensschutzkonzept. Spaemann führt aus, dass es der Umweltpartei zwar einerseits um einen »verantwortungsvollen und sparsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur« gehe, sie jedoch andererseits »das Emanzipationsprogramm der letzten zweihundert Jahre«, mit dem sich der Mensch von der Natur zu befreien sucht, »ungerührt fortsetzt« und damit keine grundlegende Änderung des Mensch-Natur-Verhältnisses anstrebt. Vielmehr steigert sie nach Ansicht Spaemanns die Hybris wissenschaftlich-technischer Beherrschung noch weiter, etwa durch ihre »Forderung nach einer wie auch immer konditionierten Freigabe der Abtreibung bis zum neunten Monat«, die »in einem grotesken Missverhältnis zum Programm der Versöhnung mit der Natur« stehe. Wer diese will, muss gegen jene entschieden Einspruch erheben. Auch das menschliche Leben zu schützen, ist für Spaemann »öko«.

     

    Komplexer Lebensschutz

    Robert Spaemann steht damit für komplexen Lebensschutz. Es zeigt sich, dass unter diesem Paradigma kein Keil zwischen der umwelt- und der bioethischen Haltung des Philosophen getrieben werden kann. Anders gesagt: Ökologisches Gespür und der konsequente Einsatz für den Schutz des menschlichen Lebens gehören im wertkonservativen Denken zusammen. Der Philosoph gibt diesem Denken eine wichtige Stimme, die in den aktuellen moraltheoretischen Debatten um Energieversorgung und Klimawandel, um PID und Sterbehilfe gehört werden sollte.

     

    Er wird indes zufrieden sein mit dem Ausstiegsbeschluss des Bundestages. Noch im März dieses Jahres hatte er dazu aufgerufen, die Reaktoren abzuschalten. Nicht wegen Tschernobyl, nicht wegen Fukushima, nicht aus ideologischen Gründen, nicht um Wähler zu gewinnen, sondern allein aus einem einzigen Grund, den er seit über 50 Jahren vorträgt: »Weil wir die Technologie nicht beherrschen.« Punkt.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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