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    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 18:27

    Matthias Matussek: Das katholische Abenteuer

    17.06.2011

    »Krawall-Katholizismus« vom Feinsten

    Matthias Matussek schreibt in Das katholische Abenteuer über seinen Glauben, seine Kirche und den ganzen Rest. Von JOSEF BORDAT

     

    Wer heute ein Buch über die katholische Kirche schreibt, ist gut beraten, kritisch zu sein, wenn er denn will, dass es sich gut verkauft. Die typischen Klischees von der streng hierarchisch organisierten, frauenverachtenden Gängelungsinstanz, die sich der aufgeklärten Vernunft so hartnäckig entzieht, dürfen dabei nicht fehlen. Und irgendwas mit »mittelalterlich«, denn das klingt schlecht (also: gut!) – immer in der berechtigten Hoffnung, dass die ideenhistorische Bedeutung dieser Epoche den meisten Käuferinnen und Käufern kirchenkritischer Bücher ohnehin unbekannt ist. Wer dann noch an geeigneten (oder auch ungeeigneten) Stellen »Kreuzzüge« erwähnt, hat gute Chancen, die erste Auflage schon bald verkauft zu bekommen. Matthias Matussek hat dieses Kalkül nicht nötig. Zum Glück, zu seinem und zu dem der offenen Leserschaft. Denn zum einen entsteht so ein Buch, das erfrischend anders ist, zum anderen wird es gerade dadurch erfolgreich sein.

     

    Mattusek, streitbares katholisches U-Boot im religionskritischen Spiegel, hat zugeschlagen. Und zwar richtig! Sein »katholisches Abenteuer« rechtfertigt in Inhalt und Stil den Untertitel: »Eine Provokation«. In der Tat mag die eine oder andere polemische Zuspitzung über das Ziel, ein persönliches und doch fundiertes Bekenntnis zum katholischen Glauben vorzulegen, hinausschießen, doch angesichts der Grobschlächtigkeit und Unsachlichkeit mancher Kirchenanalyse seitens nicht-konfessioneller Kollegen sind das geradezu chirurgische Feinschnitte, die der Bestseller-Autor vornimmt. Matussek formuliert in kraftvoller und zugleich spielerisch leichter Diktion das, was viele Katholiken kaum zu denken und längst nicht mehr zu sagen wagen, müssen sie doch fürchten, weit hinter ihre »modernen« Zeitgenossen zurückzufallen: Wie gut ist es, katholisch zu sein!

     

    Foto: Melanie Feuerbacher Foto: Melanie Feuerbacher

    Kompetent und unterhaltsam

    Im ersten Teil, dem überzeugendsten, weil zugleich persönlichsten, bekennt er seinen Glauben mit einem Esprit, dass man nur staunen kann – so oder so. Er brennt gekonnt ein Feuerwerk an gelungenen und kenntnisreichen Einsprüchen wider den Zeitgeist ab, mit treffenden Spitzen gegen die kirchenfeindliche, antiklerikale Grundstimmung hierzulande und klugen Anspielungen gegen jene, die Katholiken für rückständige Sonderlinge halten. Dass Matussek als ehemaliger Chef der Spiegel-Feuilletonredaktion, in der »katholisch« ein Synonym für »Kakerlaken im Müsli« zu sein scheint, einige dieser Zeitgenossen persönlich kennenlernen durfte, rundet die Glaubwürdigkeit seines Statements ab, das in diesen Tagen als einsames nicht-klerikales Zeugnis pro ecclesia gelten darf.

     

    Matussek plädiert für eine offene Perspektive Richtung Rom, ohne dumpfen Kadavergehorsam einzufordern (was ohnehin nicht verfing), sondern durchaus auch mit kritischen Tönen, etwa zu den Missbrauchsfällen innerhalb kirchlicher Einrichtungen. Aber eben mit Augenmaß, will heißen: »Katholische Kirche ist so unendlich viel mehr als Missbrauch«. Ausgehend von einer Kritik der allgemeinen Glaubens- und Religionskritik, die über eine Kritik der Kirchenkritik fortgesetzt wird und – da Katholizismus keine Negation, sondern eine Position ist – sehr persönlich-autobiographischen Passagen mit Bildern aus Kinder- und Jugendtagen, in denen die Beschreibung des Glaubenslebens sichtbar wird, entwickelt Matussek sein starkes Bekenntnis, das er zu den »Ausgangslagen« rechnet. In der Tat: Der Glaube ist die Folie, vor dem alles weitere reflektiert und bewertet wird: der Kulturkampf, die Institution Kirche, die Globalgesellschaft – all dies verhandelt Matussek kompetent und unterhaltsam. Das Eingeständnis der Parteinahme, welches der katholische Journalist macht, fehlt oft bei Ungläubigen, die sich als »neutral« in ihrem Urteil verstehen, obgleich sie weltanschaulich ebenso prädisponiert sind.

     

    »Krawallkatholik« ein Ehrentitel

    Mit atemberaubender Sicherheit zerlegt er die wohlfeilen Attacken von außen und steigert sich regelmäßig in eine allgemeine Kultur- und Zeitkritik hinein. Dass Matussek über eine gute Portion Humor verfügt, wird dabei sehr schnell klar, etwa an herrlichen Formulierungen wie dieser: »[D]ie Kirche [ist] kein Pumpwerk für das Gute, wie es sich die Sozialingenieure so gern einbuchen in ihren Masterplänen für eine ethisch ausgelaugte Gesellschaft, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Durchaus mit Werten, unter denen übrigens die Nächstenliebe und die Wahrheitsliebe weit oben stehen, aber auch so unbequeme Sachen wie Achtung vor dem Leben schon dem ungeborenen gegenüber und die Achtung vor Liebe und Treue, die durchaus Keuschheit bedeuten kann. Das sind lauter Verstörungen des gehobenen bürgerlichen Gourmet-Gewissens, lauter antibürgerliche Tumulte im behaglichen Alltag.« Oder wie dieser: »Im Grunde sind Wissenschaftler Theologen des Schreckens. Auf alle Fälle aber auf ihre Weise Glaubende.« Oder auch wie dieser: »Wir haben uns an den Schwachsinn gewöhnt, an eine Situation, in der es völlig irrelevant geworden ist, was wir sagen und ob es die Wahrheit ist oder nicht, geschweige denn, dass wir sie erkennen.« Man könnte die Reihe treffender Zitate fortsetzen und irgendwann stünde hier das ganze Buch, ist es doch voller Bonmots, die das Zeug zum Aphorismus haben.

     

    Matusseks Humor erkennt man auch an der Aufnahme diverser Karikaturen des Stern-Zeichners Till Mette, die auch nicht immer nett zu Kirche und Kirchenvolk sind, doch stets tief- und hintergründig. Aufschlussreich sind auch die eingestreuten Interviews und Gespräche mit den Schriftstellern und Philosophen Safranski, Walser und Flasch, störend allenfalls kleinere Ungenauigkeiten wie die wiederholte Zuschreibung von Strafrechtsnormen zum BGB. Und ob Jesus auf die Pilatus-Frage nach seiner Funktion (»Bist du der König der Juden?«) nun ausgerechnet aus »Stolz« eine Antwort verweigerte, ist höchst spekulativ. Aber das sei Jemandem, der heute so ein Buch schreibt, zugestanden.

     

    Katholiken werden mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass man auch Sachbücher über die Kirche schreiben kann, die einen positiven Tenor mitführen. Kirchenkritiker, -skeptiker und -feinde werden, wenn sie das Buch überhaupt zur Hand nehmen, feststellen können, dass einem Katholiken Anno 2011 zumindest eine gute Portion Humor zuzubilligen ist. Matthias Matussek wurde unlängst in der Süddeutschen Zeitung als »Krawallkatholik« bezeichnet. Ich kann nach der Lektüre seiner Bekenntnisschrift nur sagen: In seinem Fall ist das ein Ehrentitel.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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