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    Mittwoch, 26. April 2017 | 09:51

    Terry Eagleton: Das Böse

    24.06.2011

    Der tut nichts,
    der will nur spielen!

    Terry Eagleton hat es sich zur Aufgabe gemacht, komplexe literaturwissenschaftliche und philosophische Zusammenhänge in verständliche Form zu bringen. In seinem neuesten Werk mit dem knappen Titel Das Böse erfüllt er diesen Anspruch nicht ganz. Von SVENJA HOCH

     

    Gibt es das Böse eigentlich und wie ist es beschaffen? Terry Eagleton macht sich auf die Suche nach Antworten und kommt am Ende zu einem überraschenden Ergebnis: Das Böse ist eine hochkomplexe Angelegenheit und im alltäglichen Leben sehr selten anzutreffen. Das klingt verwirrend? Allerdings.

    Terry Eagleton ist ein berühmter Literaturwissenschaftler und genau das merkt man seiner Untersuchung auch an: Sie gleicht einem Parforce-Ritt durch die zumeist englischsprachige Literaturgeschichte. So überzeugend und fachkundig Eagletons Analysen der Bösewichter in Shakespeares Dramen sein mögen, so einleuchtend seine Interpretation von Doktor Faustus aus literaturwissenschaftlicher Sicht sein mag, fällt es ihm sehr schwer, seine Erkenntnisse auch außerhalb der Fiktion plausibel zu erklären.

     

    Hitler, Freud und der Alkohol

    Eagleton ist bekennender Marxist, dementsprechend ist sein Blick auf die Massenmorde des 20. Jahrhunderts durchaus vorhersehbar und wenig überraschend. Die Gräueltaten Maos und Stalins unterscheiden sich gemäß Eagleton von Hitlers rassisch motivierter Mordmaschinerie vor allem dadurch, dass erstere Urheber »einen Grund für ihre Massaker« hatten, bestehend in einer »brutalen Form von Rationalität«. Demgegenüber erscheint der Völkermord an den europäischen Juden als das Resultat einer »Vernichtungsorgie aus Spaß an der Freude«.

    Das Böse, so charakterisiert Eagleton, sei nie an ein konkretes Ziel oder einen Zweck gebunden. Hitler wird so zur Paradefigur des Bösen, seine Helfer und Helfershelfer dagegen seien »kaum als böse zu bezeichnen« und im selben Atemzug spricht Eagleton dem gesamten Holocaust jeglichen »praktischen Zweck« ab. Nicht nur an dieser Stelle dürften Historiker Grund zum Protest haben.

     

    Eagleton definiert das Böse als von aller Vernunft und Rationalität getrennte Wesenhaftigkeit und verwischt damit die Grenze zwischen Boshaftigkeit und Wahnsinn. Denn wer sich am Rande des Wahnsinns aufhalte, der sei moralisch nicht länger voll schuldfähig. Eagleton differenziert das zwecklose, urgründige Böse vom bloß Schlechten, er arbeitet die Schlechtigkeit als Gegenstück zur Boshaftigkeit heraus.

    Die Attentäter des 11. September werden auf diese Weise flugs zu Repräsentanten des bloß Schlechten, nicht aber des Bösen, schließlich gründeten ihre Taten auf erklärbaren Ursachen. In diesem Zusammenhang erklärt sich auch Eagletons vehemente Ablehnung des Begriffs der »Achse des Bösen«. Unklar aber bleibt der konkrete Nutzen dieses begrifflichen Differenzierungsversuchs, denn wie Eagleton selbst einräumt, dürfte es den Opfern von »Gräueltaten ziemlich egal« sein, »ob sie ohne Grund oder nach Maßgabe eines sorgfältigen Plans ihr Leben verlieren«.

     

    Spannende Entdeckungsreise

    Das Böse interessiert Eagleton also vor allem abseits der historischen Dimension, es wird zum metaphysischen Phänomen transzendiert. Getrieben von einem erzkatholischen Schuldverständnis modelliert Eagleton mit der Philosophie des westlichen Abendlandes im Rücken – Freuds Todestrieb, Schopenhauers diesseitiges Jammertal und nicht zuletzt Hannah Arendts viel zitierte Banalität des Bösen sind nur einige Beispiele – die Verknüpfung des Bösen mit dem Gewöhnlichen, Banal-Alltäglichen heraus.


    Das Böse entspringt dabei dem Freud’schen Todestrieb. Wer böse ist, der sei unfähig zu leben und trachte nach der Zerstörung alles Sinnlichen. Boshafte Taten werden aus dieser Sichtweise zu Sublimierungen einer inneren Leere. (Selbst-) zerstörerische Akte vollbringe auch der Alkoholiker jeden Tag und mache das Böse so zu einem gewöhnlichen und beinah langweiligen Phänomen, das »kein Anlass für schlaflose Nächte« sei.

     

    Eagletons Das Böse ist für alle Literaturinteressierten eine spannende Entdeckungsreise in die Welt der fiktiven Bösewichter. Ullstein liefert mit dem plakativen Cover außerdem ein Schmuckstück im Bücherregal aller Minimalisten. Für jene Leser aber, die eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Beschaffenheit des Bösen erwartet haben, wird es eher eine Enttäuschung sein. 

     

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