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Jack Black: Gesetzbuch und Ganovenehre

13.05.2011

Jack Black und sein Leben in einer parallelen Legislative

Wer über Ostern zeitweise das Bett hüten und aufgrund von Kopfschmerzen auf ein gutes Buch verzichten musste, konnte sich von der aufgebotenen Feiertags-Fernsehkultur unterhalten bzw. sedieren lassen. Nicht wenige Fernsehanstalten griffen dabei neben dem Monumentalfilmklassiker Die zehn Gebote mit Yul Brynner als Pharao auf die generationsübergreifende Faszination des Westerns zurück. Western hier, Western da – aber nach Winnetou II, das sich STEFAN HEUER wegen Kinski angeschaut hat, hatte er dann doch genug.

 

Ostern ist vorbei, die Kopfschmerzen sind weg, und das Erste, wonach ich nach der Zwangspause greife, ist Gesetzbuch und Ganovenehre, die deutsche Übersetzung des 1930 im amerikanischen Harper’s Monthly Magazine erschienenen Essays A Burglar looks at Laws and Codes des legendären Einbrechers Jack Black (übersetzt von Axel Monte und Florian Vetsch). Jener Jack Black riss nach dem frühen Tod seiner Mutter von zuhause aus und verdingte sich als Wanderarbeiter, bevor er in eine Ganovenbruderschaft aufgenommen wurde. Es folgten zahlreiche Gefängnisstrafen, Isolationshaft und Folterungen, Ausbrüche und Opiumsucht, bevor es Black gelang, aus der Unterwelt auszusteigen und mit seiner Autobiografie You Can’t Win Weltruhm zu erlangen.

 

Um an dieser Stelle die Brücke zu den Fernseh-Western und Klaus Kinski zu schlagen: Ein guter Western lebt natürlich von den Banditen; Indianer gegen Cowboys, das reichte aus, um es als Kind lautstark auf dem Spielplatz zu zelebrieren, aber für mich als erwachsenen Zuschauer sind die Banditen das Salz in der Suppe. Während sich Kinder mit der Bezeichnung »Bandit« vollkommen zufrieden geben, mussten für die Erwachsenenwelt Synonyme geschaffen werden: Ganoven, Gauner, Halunken, Gesetzlose – um nur einige zu nennen.

 

In der Welt der Verbrecher

Eben diese Titulierung als »Gesetzlose« ist es, der Black in Gesetzbuch und Ganovenehre vehement widerspricht. Vielmehr schildert er jenen Kodex, der den zwischenmenschlichen Umgang innerhalb der Unterwelt bis ins kleinste Detail reglementiert und organisiert. Wenn einer von uns strauchelt, stürzen wir alle – auf diese ebenso simple wie programmatische Formel lässt sich der Ehrenkodex der Ganovenschaft herunterbrechen. Wer einmal mit der Gesellschaft in Konflikt geraten ist, lebt fortan nach anderen Regeln. Sämtliche Kodizes relativieren sich als Verbrecher, da man in der Welt der Verbrecher quasi ständig am Rande einer Katastrophe lebt und Gefahr zur Normalität verkommt. Leben und Freiheit hängen fortan von einer einzigen Sache ab: von Loyalität.

 

In der Gesellschaft der Räuber und Diebe, in der Unterwelt also, herrschen genauso strikte, wenn nicht bei Weitem striktere Regeln als in der »Oberwelt«: Ehre und Möglichkeiten werden ausschließlich danach verteilt, wie strikt sich der Einzelne an den Kodex hält (sich an den Kodex zu halten ist unabdingbar und mit der Kreditwürdigkeit eines Geschäftsmannes vergleichbar). Die wichtigsten Eckpunkte, neben der Anerkennung fester Hierarchien: Miete bezahlen und keine Zeche prellen (um nicht aufzufallen), Schulden pünktlich bezahlen, das Leben und die Freiheit seiner eigenen Leute nicht aufs Spiel setzen, Respekt vor dem Eigentum anderer (anderer Verbrecher, wohlgemerkt...), Verschwiegenheit: Das härteste Jahr, das ich je im Gefängnis ausstand, war das, in dem ich mit ansah, wie ein unschuldiger Mann langsam aber sicher dem Galgen näher kam, wobei ein einziges Wort von mir genügt hätte, um ihn zu retten. Es war das eine Wort, das mir der Kodex nicht auszusprechen erlaubte.

 

Auf 34 in vier Kapitel unterteilten Seiten garniert Black die Theorie mit kleinen Geschichten aus der Praxis. Mal erzählt er ganz allgemein, mal von sich, von seinen Erlebnissen, ehemaligen Konkurrenten und Komplizen. Geschichten um kleinere und größere Aufträge, das interkriminelle Miteinander, Gerichts- und Knastepisoden.

 

Erstaunlich, wie zeitlos bzw. aktuell dieser Essay daherkommt. Und nicht nur das: Die 80 Jahre seit seiner Niederschrift haben ihm nicht nur nichts anhaben können, vielmehr hat Black bereits 1930 den Abgesang auf den »alten Räuber mit Pistole« geliefert und eine neue Art von Gesetzlosen vorausgesagt; Solche, die im Gewand ehrbarer Geschäftsleute auftreten, schienen ihm bereits damals eine weitaus »größere Bedrohung für die etablierte Gesellschaftsordnung darzustellen als die Einbrecher und Straßenräuber alter Schule, die mit ihren großkalibrigen Knarren durch die Gegend ziehen« – wer möchte dem in einer Zeit der Korruption und Spekulation widersprechen?!

 

Der Essay beschreibt die bis in die Unmöglichkeit reichende Schwierigkeit, das kriminelle Leben hinter sich zu lassen und fortan ein (nach gesellschaftlicher Ansicht) seriöses Leben zu beginnen: Könnte ein Mann die Verpflichtung gegenüber dem Kodex zusammen mit seiner Gefängnisuniform ablegen, wäre sein Weg zurück in die Gesellschaft nicht so steinig. Mein größtes Problem war es, in der Oberwelt zu überleben und die Schulden der Unterwelt, die sich in fünfundzwanzig Jahren angehäuft hatten, abzuzahlen, ohne mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Die Polizei hält einen ehemaligen Sträfling niemals für geläutert, ehe er nicht dazu bereit ist, all seine Informationen über die Unterwelt preiszugeben – auch hier beweist der Text Zeitlosigkeit bzw. eine erstaunliche Parallelität, beispielsweise mit der Diskussion um die Freilassung von RAF-Terroristen in der jüngeren Vergangenheit, die manche in diesem Rechtsstaat von vornherein ausschlossen, da die Terroristen weder an der Aufklärung der eigenen Straftaten mitwirken noch öffentlich Reue zeigen/äußern wollten ...

 

Zeitlos, eindrucksvoll, schön!

»Fünfzig Jahre später habe ich Jack Black aus dem Gedächtnis zitiert, manchmal Wort für Wort, und wenn du dich nach fünfzig Jahren noch daran erinnern kannst, dann muss es gut sein.« Diese Äußerung von William S. Burroughs ziert die Rückseite des Heftcovers, und sie tut dies nicht ohne Grund, denn Burroughs war bekennender Black-Aficionado und hatte dessen Texte als Teenager verschlungen. Nur schlüssig und konsequent also, dass für das Nachwort einer deutschen Übersetzung kein anderer als Jürgen Ploog in Frage kam, seines Zeichens Pionier und (neben Fauser) wichtigster Vertreter der (deutschen) CutUp-Literatur, der W.S.B. so viele Jahre in Freundschaft verbunden war; ein ebenso fachkundig-empathisches wie poetisches Nachwort eines Schriftstellers, von dem nach einiger Funkstille (oder ist mir was entgangen?!) nun endlich auch wieder ein neuer Einzelband vorliegt (Unterwegssein ist alles – Tagebuch Berlin-New York, druckfrisch beim SIC-Literaturverlag).

 

Ein eindrucksvoller, zeitloser Text, erschienen in der für die Titel des Verlags Books Ex Oriente typischen schönen Aufmachung. Ein dicker Wälzer ist das Heft mit seinen 48 Seiten Umfang nicht, aber wer im Thema bleiben möchte, dem gibt Serientäter Monte ausführlich Gelegenheit, denn in seiner Bibliografie finden sich mit Du kommst nicht durch (gemeinsam mit Thomas Stemmer) und Der große Ausbruch aus Folsom Prison (gemeinsam mit Jerk Götterwind) zwei weitere Übersetzungen von Textenaus der Feder von Jack Black. Schade, dass Kinski die nicht mehr auf Platte sprechen konnte!


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