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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 05:07

    Bernd Rill: Von Vergil bis Berlusconi

    06.05.2011

    Italien auf dem Prüfstand

    Zum 150-jährigen Bestehen der Einheit Italiens legt der Münchner Jurist und Historiker Bernd Rill Von Vergil bis Berlusconi vor und behandelt die Geschichte von der Antike bis in die Gegenwart. Dabei untersucht er, ob und wann Italien seine nationalstaatliche Einheit tatsächlich umgesetzt hat. Von JULIA MÜLLER 

     

    Als Untersuchungsansatz wählt der Autor eine Perspektive, die nicht nur das politische Subsystem in Italien beleuchtet, sondern auch historisch-kulturelle Aspekte des sozialen Gesamtsystems. Exemplarisch hierfür stehen Kapitel wie »Italia Barocca«, »Opera Italiana« oder das Kapitel »Kavalierstouren«, in dem er die Italienreisenden seit 1580 von Montaigne bis Goethe vorstellt. Vor einer streng empirischen Darstellung scheut sich Rill, wie er freimütig einräumt: »Der Versuch zur Enzyklopädie hingegen wäre im Falle Italiens schon fast ein untauglicher«, warnt er. Der Titel Von Vergil bis Berlusconi zeigt auf, dass das Buch dennoch nichts weniger will, als sich der enormen Spannbreite zwischen geistiger Höchstleistung und einem, wie Rill es formuliert, »nicht besonders kulturnahen Milliardär« anzunehmen. Dem Phänomen Italien und seinen häufig beklagten Anomalien will der Autor auf diese Weise in seiner Gesamtheit auf die Spur kommen. Reizvoll ist bei dieser Betrachtung von der Antike bis zur Neuzeit die wechselnde politische, kulturelle und gesellschaftliche Ausgestaltung Italiens.

     

    Mythen für den Nationalstaat

    Die Auswahl von Kapiteln mit eher politisch-geschichtlichen sowie kulturellen Themen gestaltet Rill geschickt: Auf diese Weise gelingt es ihm zu zeigen, dass das Errichten eines Nationalstaates oder auch einer bestimmten Ideologie oftmals mit Mythenbildung einhergeht, um breite Bevölkerungsschichten zu gewinnen. Schließlich gehe es nicht an, »die Idee des Nationalstaats dadurch zu diskreditieren, dass sie in den Zirkeln einer Minderheit erdacht, formuliert und mit politischer Realität erfüllt worden ist«. Das deutlichste Beispiel, das Rill in diesem Zusammenhang anführt, ist das des Dichters Gabriele d’Annunzio, der Benito Mussolini und dem Faschismus intellektuelle Schützenhilfe leistete. Das erste Kapitel ist dem antiken Dichter Vergil gewidmet, der mit seiner Aeneis das Nationalepos des Römischen Reichs vorlegte. Nicht zuletzt deshalb bewertet ihn Rill als den Begründer einer italienischen Einheit, die in ihrer politischen Form in der Neuzeit besonders durch die Fremdherrschaft der Habsburger hinausgezögert wurde.

     

    Die Stärke des Buchs liegt in der Belesenheit seines Autors. Diese versetzt ihn in die Lage, die kulturelle und politische Geschichte Italiens anhand zahlreicher Exempel und Episoden zu beschreiben. Mit Zitaten von Zeitgenossen der jeweiligen Epochen erreicht Rill eine erfreuliche Anschaulichkeit, der freilich Rills barocker Schreibstil entgegensteht: In komplizierten, teils abschnittslangen Schachtelsätzen sieht sich der geneigte Leser in seiner Verständnis- und Konzentrationsfähigkeit auf die Probe gestellt. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, wird freilich belohnt: Denn der gesamtgeschichtliche Ansatz, den Rill verfolgt, bietet die Chance zur Aufdeckung von Pfadabhängigkeiten der politischen Prozesse in Italien zwischen den verschiedenen Epochen.

     

    Fülle an Information

    Leider schöpft der Autor dieses Potenzial selbst nicht vollständig aus. Nützlich wäre hierzu eine stärkere Verzahnung der einzelnen Kapitel gewesen. Da dies ausbleibt, betrachtet der Autor die einzelnen Epochen oder kulturellen Strömungen zu stark als singuläres Phänomen ohne Auswirkungen auf spätere Zeiten. Dadurch erschwert sich der Autor die Beantwortung seiner eigenen Fragestellung, und als Leser fragt man sich bald, worauf diese Fülle an Information der Teilkapitel eigentlich zuläuft. Hilfreich und wünschenswert wäre eine ausführlichere Einleitung gewesen, in der der Autor die Intention des Buches erläutert. Ein abschließendes Fazit wäre überdies geeignet gewesen, dem Leser den Mehrwert des Buches sowie die Fülle an Informationen noch einmal abschließend zu ordnen.

     

    Rill möchte eben nicht ein nur populärwissenschaftliches Buch über den »Berlusconismo« und das heutige Italien mit seinem Mediensystem verfassen – Themen, die sonst in deutsch-, als auch englischsprachigen Veröffentlichungen über Italien dominieren. Insofern sticht Rills Buch der Menge an Veröffentlichungen zu Italien und seinen Anomalien hervor – auch wenn der Autor letztendlich über seinen eigenen unbestritten großen Erfahrungsschatz über Italien stolpert. Dem zum Trotz: Wer sich für die unterschiedlichen Epochen und geistigen Strömungen in Italien interessiert, wird mit diesem gelehrten Buch nicht enttäuscht.

     

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