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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:47

    Patrick Bahners: Die Panikmacher

    17.03.2011

    Rhetorik der Einschüchterung

    Deutschland schafft sich ab, behauptete Thilo Sarrazin im letzten Jahr. Schafft sich Deutschland ab? Liest man Patrick Bahners’ Die Panikmacher, kann man einen durchaus anderen Eindruck gewinnen. Denn nicht irgendein imaginäres Sarrazin-Deutschland schafft sich mutwillig ab, sondern eher der zivilisierte liberal-demokratische Verfassungsstaat Deutschland. Von PETER BLASTENBREI

     

    Ausgehend von dem negativen Echo der Islam-Rede des Bundespräsidenten 2010 (»Der Islam gehört zu Deutschland.«) unternimmt Bahners, Feuilletonchef der FAZ, einen ausgedehnten Streifzug durch das, was sich in Deutschland Islamkritik nennt. In sieben Kapiteln, eher selbständigen Essays, analysiert er einige ihrer zentralen Aspekte.

     

    Der ehemalige Oberstudienrat und Abgeordnete Hans-Jürgen Irmer etwa ist ein Rechtsaußen der ohnehin nicht liberalen hessischen CDU und Adressat einer singulären einstimmigen Rüge des Landtags wegen seiner maßlosen und beleidigenden Polemiken. Als Verleger machte er den Wetzlarer Kurier zu einem internationalen Forum der Hetze gegen Muslime, aber auch gegen Homosexuelle und andere Minderheiten. Bekannter ist die »Soziologin« Necla Kelek, Galionsfigur und Kronzeugin der deutschen Islamkritik. Kelek hat in ihrer (erziehungswissenschaftlichen) Dissertation von 2002 den Islam noch keineswegs als Integrationshindernis beschrieben. Bis 2005, als das Buch Die fremde Braut ihre Karriere als vielgefragte Expertin begründete, machte sie einen erstaunlichen Sinneswandel durch und kommt jetzt zu genau entgegengesetzten Erkenntnissen. Nicht weniger seltsam sind die immanenten Widersprüche, die Bahners in ihren autobiografischen Äußerungen ausmacht.

     

    Ein zentrales Kapitel gilt dem Kopftuchstreit von 2003. In der Frage, ob eine baden-württembergische Lehrerin im Unterricht ein Kopftuch tragen dürfe, spielte unser oberstes Gericht eine ausgesprochen klägliche Rolle, indem es seinem Auftrag zur Verfassungsinterpretation auswich und den Ländern ein praktisch unbeschränktes, nicht mehr überprüfbares Gesetzgebungsrecht zusprach. Direkt aus dem Kopftuchurteil entwickelte sich der baden-württembergische Gesprächsleitfaden zur Einbürgerung von 2006 (»Muslim-Test«), der wegen seiner diskriminierenden Fragen heftig kritisiert und mittlerweile entschärft wurde. Der verantwortliche Ministerialrat Rainer Grell, heute als Pensionär hauptamtlicher Islamkritiker, hat sein Werk in einem Buch ausführlich verteidigt. Seitdem wissen wir, dass der Test tatsächlich auf der Basis grober Vorurteile gegenüber Muslimen, aber umso geringerer Sachkenntnis erstellt worden ist.

     

    Patrick Bahners Patrick Bahners

    Seltsame Allianzen

    Personell bilden die Islamkritiker eine abenteuerliche Sammlung von Politikern vom rechten Flügel der drei Alt-Parteien, Atheisten mit geistlichen Beratern (Grell), Esoterikern, dogmatischen Kemalisten (Kelek), Verschwörungstheoretikern, Zionisten, Hassbloggern, Skandaljournalisten, Elitefeministinnen bei Bild (Schwarzer), jüdischen Verfolgten (Giordano), dem Bischof von Limburg und freikirchlichen Evangelikalen.

     

    Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie auf einer extrem schmalen Quellenbasis argumentieren, dass ihre Quellen Verlautbarungen von Geistesverwandten, aus dem Kontext gerissen oder einfach nicht nachprüfbar sind und dass sie vereinzelte echte Missstände ins Gigantische verzerren, um daraus Massenphänomene zu konstruieren. So wurde aus einer missverständlichen Passage in der Urteilsbegründung einer Frankfurter Richterin im Jahr 2007 die heimliche Einführung der Scharia an deutschen Gerichten. Auf ähnliche Weise entstand aus Einzelfällen die epidemische Verweigerung des Sportunterrichts durch türkische Mädchen, Hunderte von Ehrenmorden, zahllose Zwangsheiraten oder auch das systematische Mobbing fast aller deutschen Schüler. Es versteht sich fast von selbst, dass die anstehende Verschwörung zur islamischen Machtübernahme in Europa (S. 242-245) nicht fehlt. Die Islamkritiker haben sich rhetorisch eine widerspruchsfreie Zone geschaffen, wo sie die Tabus der Political Correctness brechen und gegen den Meinungsterror der Gutmenschen als einzige die schmerzhafte Wahrheit verkünden. Politische und wissenschaftliche Gegner sind wechselweise naiv, bösartig, feig oder gekauft. Dialog ausgeschlossen. Alice Schwarzer musste ihren Anwurf »verdeckter Konvertit« gegen einen Erlanger Islamwissenschaftler allerdings zurücknehmen (S. 235). Nicht nur an dieser Stelle fallen strukturelle Parallelen zum Diskurs des Antisemitismus vor 1933 auf.

     

    Der von diesen Damen und Herren dargestellte und »kritisierte« Islam ist, wie nicht anders zu erwarten, ein unveränderliches monolithisches System von Zwang, Eroberung, Frauenerniedrigung und Gewalt, das mit dem Grundgesetz und »unseren« Werten unvereinbar ist. Was nun mit den derartig unter Generalverdacht gestellten Musliminnen und Muslimen in Deutschland geschehen soll, dafür gibt es keine Antwort. Vorerst noch.

     

    Was will die Islamkritik?

    Bahners Buch ist umfassend, äußerst materialreich und dicht geschrieben (und ungeeignet zum flüchtigen Lesen). Er formuliert pointenreich und lässt keine Zweifel darüber, was er von dieser Art Panikmache hält. Seine Gegenüberstellungen von Behauptungen und Fakten sind erfrischend zu lesen.

     

    Was ihm leider nicht gelingt, ist, die geschilderten Phänomene umfassend zu deuten und Motive und Ziele der Islamkritiker dingfest zu machen. Was ist hier Paranoia, was politisches Kalkül? Eines haben die Islamkritiker jedenfalls erreicht: Sie haben einer ideenlosen und unsicher agierenden offiziellen Politik erfolgreich ihre Themen aufgedrängt, nicht immer unwillkommen. Erste Folgen sind schon sichtbar. Das penetrante Gerede über Integrationsverweigerer (bei sinkenden Ausgaben für die Integration), zunehmend rechtsfreie Räume in der Verwaltung und gesetzliche Kopftuchverbote ohne Einzelfallprüfung in acht Bundesländern – von denen fünf unverhüllt die Dominanz christlicher Symbole einfordern. Deutschland hat damit ansatzweise wieder ein Sonderrecht für eine religiöse Minderheit, zum ersten Mal seit 1935, zum ersten Mal überhaupt unter demokratischen Rahmenbedingungen.

     

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