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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 09:53

    Cora Stephan: Angela Merkel. Ein Irrtum

    22.02.2011

    Naturtrüb

    Sie waren alle da bei der Pressevorstellung von Stephans jüngstem Schlag mitten in die von ihr heraufbeschworene deutsche Gesellschaft, die keine Mitte mehr kenne. Eine beträchtliche Anzahl Berichterstatterinnen und Berichterstatter - der großzügig ausgestattete Büchertisch leerte sich schneller als die Saftflaschen - Verleger Wolfgang Ferchl, Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart, der die Leitfragen stellen durfte, Publizist und Zeithistoriker Arnulf Baring und der SPD-Politiker Egon Bahr, die fast ein größeres Blitzlichtgewitter auslösten als die Autorin. Doch auch die Blitze drangen nicht durch den geistigen Nebel, den Cora Stephan anschließend freundlich, eifrig und mit fester Überzeugung verbreitete. Der Text ihres Buchs Angela Merkel. Ein Irrtum unterscheidet sich nicht von dem, was sie vortrug. Von MAGALI HEISSLER

     

    Eine deutsche Publizistin hat sich geirrt. Das soll vorkommen im Leben, nicht nur im Leben von Publizistinnen. Unter Stephans Feder aber wird der persönliche Fehlgriff zu einem Ereignis von öffentlicher Bedeutung. Ist ihr Irrtum doch nichts geringeres als die derzeitige Bundeskanzlerin. Vor sechs Jahren hat diese Frau Hoffnungen geweckt in einer anderen Frau, auf frischen Wind, auf Änderungen, vielleicht sogar auf einen Neubeginn. Und nun, anderthalb Legislaturperioden später, steht die Hoffnungsvolle mit leeren Händen da. Nichts ist daraus geworden, aus den Versprechungen nicht und nichts aus den Ideen. Keine Steuerreform, keine glückliche Rente, kein Land, auf das man stolz sein kann, auch wenn es mal nicht Fußball spielt. Statt dessen: Reformstau, Stagnation, Bedrückung. Deutschland in die Ecke gedrängt vor allem von Frankreich, nicht handlungsfähig, im Innern ausgezehrt von Sozialausgaben, außen angenagt von gierigen EU-Mitgliedsstaaten, die Deutschland für einen Geldesel halten. Sagt Stephan. Und sie ist schuld daran! Ein Kreuzchen in einem Kästchen auf einem Stück Papier hat genügt, um das Land in apokalyptische Zustände zu versetzen.

     

    Und warum das alles? Weil Angela Merkel es nicht gemerkt hat. Nicht die Hoffnung, nicht die Liebe, mit der Stephan immer noch gern von ihr spricht. »Angie« nennt sie sie und würde sie gern weiterhin so herablassend-intim nennen. Aber »Angie« ist davongezogen, der Macht hinterher. Stephan weint ihrer Liebe nach, aber sie würde sie nie zurückrufen. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, ihr die Zunge herauszustrecken. Ob Merkel wenigstens das merkt?

     

    Phrasen, Leerformeln, Halbwahrheiten

    Tatsächlich handelt nur die Hälfte dieses Ergusses, der wohl nur hierzulande als politischer Essay durchgeht, von Merkel. Aus dem Blick der Autorin wird ihr Aufstieg seit dem Ende der DDR bis in ihre jetzige Position skizziert. Stephan nimmt Abschied von einem rosaroten Ideal eigener Erfindung. Sie schlägt sich dabei kräftig auf die Brust, man ist ja ehrlich und hält nichts zurück. Dabei vergißt sie aber auch nicht, auszuteilen. Schließlich hat sie sich nicht nur getäuscht, sie wurde getäuscht und verraten. »Angies« Versagen ist die Gelegenheit, Schritt für Schritt mit allem abzurechnen, was ihr nicht in den Kram passt. Das sind die Armen, die Grünen, die Linken und natürlich Moslems, das macht sich immer gut. Dabei gesellt sie sich ungeniert Thilo Sarrazin zu, ein anderer Unverstandener in diesem Land. Ihr Buch wird seitenweise zu einer Apologie von Sarrazins Buch, kann sie doch damit gleichzeitig der Kanzlerin Zensur und diktatorisches Verhalten vorwerfen. Ist Merkel nicht in der DDR aufgewachsen? Auf Einzelfragen geht sie allerdings nicht ein, wichtiger ist, die Bedeutung von Sarrazins Druckwerk via der hohen Verkaufszahlen zu belegen. Nach der dritten Nennung fragt man sich endgültig, ob nun eigentlich Sarrazins Thesen oder die Zahl der verkauften Exemplare Stephan veranlassen, sich zu seiner Jeanne d’Arc aufzuschwingen.

     

    Was Stephan zur Lage der Dinge zu sagen hat, ist ebenso hanebüchen wie vielfach widerlegt. Phrasen, Leerformeln, Halbwahrheiten prasseln herunter wie taube Nüsse von den mit der Walnussfruchtfliege befallenen Bäumen. Bedienmentalität der Hartz-IV-Empfänger, Integrationsunwilligkeit der Moslems, Beutegesellschaft für Einwanderer, mangelndes Nationalbewußtsein, ausgeplünderte Steuerzahlerinnen und ziemlich abenteuerliche Aussagen über die Funktionsweise der EU-Finanz- und Wirtschaftspolitik, es ist alles da.

     

    Schon Teile dieses unverdaulichen Konglomerats veranlaßten bei der Buchvorstellung Arnulf Baring, dem man viel vorwerfen kann, aber sicher nicht den Besitz eines analytischen Verstands, zu dem verzweifelten Versuch, zu strukturieren. Es war vergebliche Liebesmühe, und das ist es auch beim Lesen dieser über 200 Seiten.

     

    Für Stephan selbst sind ihre willkürlichen Beschreibungen der Sachlage der Beweis für das Vorhandensein einer intelligenten Elite der Mitte, die von einer unfähigen Kanzlerin »unter Niveau« regiert werde. Angesichts dessen, was von der empörten Autorin an als Argumente verkleidete populistische Parolen geliefert werden, ist das schwer vorstellbar.

     

    Von hier an wird`s gefährlich

    Fragt man, was Stephan mit ihrem Beitrag eigentlich will, erhält man einige Antworten. Sie haben eines gemeinsam, sie sind, um es milde auszudrücken, befremdlich. Da ist zum einen die Forderung nach einem starken Nationalstaat. Deutschland befindet sich, folgt man der Autorin, in einer Art Knechtschaft des Euro, die ihm durch Frankreich aufgenötigt wurde. Es geht stracks zurück ins späte 19. Jahrhundert, man hört Bülow regelrecht nach dem Platz an der Sonne rufen. Zur Forderung nach Wiedereinführung der D-Mark ist es nur ein kleiner Schritt. Nun gibt es EU-Mitgliedsstaaten, die ihre nationale Währung noch haben. Bewahrt sie das vor auch nur einem der Probleme, die eine moderne, hochausdifferenzierte und hochtechnologisierte Industriegesellschaft im internationalen Staatengeflecht hat? Das wäre nur die erste von vielen Fragen, die sich Stephan einmal stellen müßte. Aber das möchte sie eben nicht. Sie möchte ihre Ruhe, die Früchte genießen, die eben diese modernen Gesellschaften durchaus generieren. Dass auch die beste Medaille noch eine Kehrseite hat, möchte sie nicht hören.

     

    Durchsetzen soll diesen Standpunkt eine starke Führungspersönlichkeit. Die darf gewählt werden, man muss wirklich dankbar sein für ein solches Zugeständnis aus diesem düsteren Universum. Allerdings muss das Wahlrecht geändert werden. Das Mehrheitswahlrecht muss her. Das derzeitige Parteiengezänk - wir sind denkerisch zwischenzeitlich bei den Hochkonservativen der Weimarer Republik angelangt - schadet nur. Ähnlich wie mit den wirtschafts- und finanzpolitischen Forderungen geht Stephan auch mit dem Begriff »Mehrheitswahlrecht« undifferenziert um. Echten heißen Eisen unseres Wahlsystems, wie der Fünf-Prozent-Klausel, geht sie aus dem Weg. Das ist zu happig für diesen Stammtisch aus Edelholz.

     

    Sie nennt ihr undifferenziertes Denken: Die Dinge auf einen Punkt bringen. Und wenn es ganz schlimm kommt mit den Problemen, dann weiß sie es eben nicht. Sie ist ja nicht vom Fach (S. 188). Am Ende vergreift sie sich gar am Hegelschen Weltgeist, dem man die Rettung der Welt überlassen könne. Ihre heraufbeschworene denkende Elite der Mitte rettet mit den oben vorgeschlagenen Mitteln ja schon Deutschland, das reicht.

    Uns reicht’s auch.

     

    Frage an Radio Eriwan: Ist dieses Buch wichtig?

    Antwort: Im Prinzip »Nein«. Bedenkt man allerdings, in welchem aktuellen geistigen Klima und mit welchen schrecklichen Versatzstücken hier so vorgeblich naiv, ganz persönlich und angeblich nur gegen Merkel gearbeitet wird, ändert sich der Eindruck. Unterm Strich betrachtet, ist die Lage ernst.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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