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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:18

    Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand

    28.01.2011

    Pamphlet im besten Sinne

    Seit einigen Monaten rauscht es gewaltig im deutschen Blätterwald. Die Schrift Der kommende Aufstand eines namenlosen französischen Autorenkollektivs kritisiert ungeschminkt die Zivilisation westlicher Prägung, ausgehend von den Aufständen französischer Jugendlicher aus den Pariser Vorstädten. Seit seiner Veröffentlichung unterliegt das Werk einem heftigen Kampf um die ideologische Deutungshoheit: Linkes Politmanifest? Rechtes Ideologiekonzept? Terroristenhandbuch? Es ist an der Zeit, die weltanschauliche Voreingenommenheit über Bord zu werfen und den Blick auf die Inhalte zu lenken. Handelt es sich bei dieser Streitschrift tatsächlich um revolutionäre Gebrauchslyrik? Ist der Text eine Bestandsaufnahme westlicher Gesellschaften am Vorabend des Umsturzes? Oder reine Poesie? Fragt JÖRG FUCHS.

     

    »Die Gegenwart ist ohne Ausweg« - bereits einer der ersten Sätze gibt die Marschrichtung der Schrift vor, die sie über rund 60 Seiten in stakkatoartigem Tempo und mit revolutionärem Furor einschlägt. Es wird abgerechnet! Mit unserer westlichen Zivilisation, dem kapitalistischen System, den politischen Repräsentanten und dem hemmungslosen Konsumverhalten. Ideologische Ausgangspunkte sind die Aufstände von Jugendlichen in Athen und in den Banlieues rund um Paris. Nach dem Unfalltod zweier Jugendlicher während einer Verfolgung durch die Polizei brachen dort im Jahr 2005 mehrtägige Unruhen aus, die bis heute immer wieder aufflammen.

     

    Statt in Kapiteln wird die moderne Gesellschaftshölle, in Anlehnung an Dantes La Divinia Commedia, in sieben Kreisen beschrieben. Die Autoren verdammen die »Diktatur der Angepassten«, die Verräter an der Freiheit, die Gleichgültigen und Opportunisten, die Karrieristen, diejenigen, die sich aus Schwäche und Bequemlichkeit dem politischen System unterordnen und die, die sich dem Kommerz und den Betörungen des Konsums hingeben.

     

    Suburbia
(Foto: Jörg Fuchs) Suburbia
    (Foto: Jörg Fuchs)

    Mene, Mene, Tekel, u-parsin

    Das Autorenkollektiv unterzieht unsere zivilisatorischen Errungenschaften harten Prüfungen: Die Gesellschaft? Ein Volk von Fremden, in deren Mitte wir isoliert dahinvegetieren! Die Familie? Ein Ort des kindlichen ›Sich-gehen-lassens‹ in flauschiger Abhängigkeit! Partnerschaft? Eine Täuschung, künstlich am Leben erhalten von Frauenzeitschriften und Psychologen! Selbst das eigene Ich bietet keinen Rückzugsraum für das gequälte Individuum: »I AM WHAT I AM«, schreit es in selbstverliebter Einsamkeit. Ansonsten dient es, verrottet, degeneriert und ausgebeutet von Unternehmen, lediglich als Spielball sich stetig ändernder sozialer Normen, die durch den technischen Fortschritt festgelegt werden. Unsere Lebensumstände werden gewogen, gemessen und durchweg für zu leicht befunden.

     

    Nach der Beschreibung der sozialen Verwerfungen nehmen die Autoren unseren Alltag ins Visier, unsere durch tradierte Ordnungen, Werte und eine festgefügte Arbeitswelt strukturierte Lebenswirklichkeit. Mit ihren Ausführungen stehen sie in der Nachfolge der Denktraditionen von Marx und Engels über Foucault und Agamben bis hin zu zeitgenössischen Gesellschaftskritiken der Popkultur, die sich in Literatur, Filmen, Straßenkunst und Musik niederschlagen. Soziale Proteste fanden zu allen Zeiten ihren Widerhall in populären Verbreitungsformen: 1986 formulierte die englische Popgruppe Pet Shop Boys in ihrem Song Suburbia den Abgesang auf das von Gewalt, Ausschreitungen und Hoffnungslosigkeit geprägte Leben in den Vorstadthöllen. Die Krawalle im Londoner Stadtteil Brixton aus dem Jahr 1981 thematisierte die Band Carter USM in ihrem Titel And God created Brixton und Billy Idol brachte in Shock to the System wortgewaltig die Rassenkrawalle des Jahres 1992 in Los Angeles zur Sprache.

     

    Das unsichtbare Komitee schreibt stellenweise, als habe es die grandiosen popkulturellen Gesellschaftsschmähungen der letzen 25 Jahre neu aufgelegt: »Sag Ja zum Leben!«, hieß es im 1993 erschienenen Buch Trainspotting von Irvine Welsh. »Sag Ja zum Job! Sag Ja zur Karriere! Sag Ja zur Familie! Sag Ja zu einem pervers großen Fernseher! Sag Ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern!« – mehr Zeilen brauchte es nicht, um uns Lesern bereits auf dem Einband die Abscheu über das ungezügelte Konsumverhalten, die Vorbehalte gegen staatliche Institutionen und die Ausweglosigkeit aus der Vorstadthölle ins Gesicht zu speien. Bei Welsh galt es, den Einbruch der geregelten Ordnung mit Job, Heim und Karriere in die Drogenszene Edinburghs abzuwenden und den gesellschaftlichen Teufel mithilfe des Beelzebubs in Form des weißen Pulvers auszutreiben. Kreisten die sozialen Konflikte in Trainspotting noch um das Milieu der schottischen Junkies, deren einzige Berührungspunkte zur Gesellschaft in Außenseitern, gelangweilten Hausfrauen und der Ordnungsmacht bestanden, trug Chuck Palahniuk 1996 in seinem Buch Fight Club den Kampf um die Zivilisation in die Mitte der Gesellschaft: Zornige junge Männer schließen sich dort, nach Aufnahme durch archaische Kämpfe, in einer Untergrundarmee zusammen, welche das Chaos aus der Mitte der Gesellschaft in die Welt trägt. Hier versucht man gar nicht erst, sich innerhalb der gesellschaftlichen Konstellationen zu arrangieren; es geht um die Abschaffung der Zivilisation, den Neustart, den ›Ground Zero‹ der westlichen Wertegemeinschaft: »Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun!«

     

    Was kommt nach dem Staat? Lesen Sie weiter auf Seite 2!

     

    Was kommt nach dem Staat?

    Der kommende Aufstand rückt die Krawalle französischer Jugendlicher und die spezifischen Probleme der französischen Gesellschaft in den Mittelpunkt und überträgt sie in allgemeingültige klassenkämpferische Formulierungen. Denn nicht nur in den Pariser Vorstädten lodern seit den wochenlangen Aufständen vor sechs Jahren regelmäßig Autos. In Berlin und Hamburg verbrannten im letzten Jahr mehr als 500 Kraftfahrzeuge. In Tunesien gibt ein selbstherrlicher Diktator dem Druck der Straße nach, der in Studentenunruhen seinen Ausgangspunkt fand. Weltweit begehren diejenigen, die sich benachteiligt fühlen auf – das letzte Jahrzehnt hat mehr zivile Unruhen erlebt, als die »wilden 1960er« Jahre.

     

    Der Staat hat in den Augen vieler seine Integrationskraft und Partizipationsmöglichkeiten eingebüßt. Die Protestierenden argwöhnen, von politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen zu sein. Ausdruck findet dieses Gefühl im Protest, der auf die Straße getragen wird; sei es leidlich friedlich, wie im Falle der schwäbischen ›Wutbürger‹, die gegen einen neuen Bahnhof protestieren, bis hin zu den bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen infolge von Finanzkrise und Sparmaßnahmen des letzten Jahres in Athen.

     

    Doch was kommt nach der Überwindung der politischen Feindbilder und des »Systems«? Welche Form des Zusammenlebens ist erwünscht, praktikabel und wirksam? Dieses sind offene Fragen, die jegliche Zivilisationskritik hinterlässt. Dass die Zivilisation praktisch tot sei, konstatiert das französische Autorenkollektiv. Aber das Vakuum, das hinterlassen wird, können auch sie nicht plausibel füllen. Zwar warnen sie vor einer politischen Vereinnahmung durch neue Dogmen, haben selbst jedoch lediglich eine diffuse Vorstellung über das Aussehen eines neuen Gesellschaftsmodells. Dieses besteht hauptsächlich aus der spontanen Bildung von Kommunen, die die bisherigen Institutionen des Zusammenlebens, wie Familie, Arbeitsstelle und Sportverein obsolet machen. Die Organisationsform ›Kommune‹ soll das Individuum gleichzeitig von Arbeitsdruck, Zeitmangel und Bildungsnotstand befreien; konkrete Überlegungen hierzu bleiben jedoch in Ansätzen stecken. Darin liegt eine der Schwächen der Schrift: der starken Analyse folgen unausgereifte Handlungskonzepte, deren ideologische Tendenz mitunter zweifelhaft ist. Wir sollten das Buch nach der Lektüre des beeindruckenden ersten Teils aus der Hand legen, um eigene Lehren zu ziehen! Es taugt nicht als Bedienungsanleitung zur Revolution. Dafür zwingt es uns, Stellung zu beziehen!

     

    Symbol des Protestes
(Foto: Francois Schnell) Symbol des Protestes
    (Foto: Francois Schnell)

    »Die Kluft in der Gesellschaft zum Schützengraben machen!«

    Natürlich wird auch in Der kommende Aufstand der gesellschaftliche Umbruch nur unter Schmerzen geboren. Die Revolution ist in den Augen der Verfasser ein Gefecht der (kampf-) starken Jugend, die, desillusioniert und ausgeschlossen von regulären politischen Prozessen, aus eigener Kraft die Straßen von der Polizei und – in einem zweiten Schritt – die Repräsentationsinstanzen von den Politikern und Wirtschaftsbossen reinigen wird. Über die neue Rolle aller anderen, der Zufriedenen, der Uninteressierten, der Unmotivierten – der »schweigenden Mehrheit« – hört man wenig. Die Autoren spitzen den Konflikt de facto auf eine generationelle Auseinandersetzung zu. Dennoch lehnen sie den Begriff »Generation« strikt ab. Denn die Zukunft einer Generation sei es, die vorangegangene zu sein -  auf dem Weg, der unweigerlich zum Friedhof führe.

     

    Welche Durchschlagskraft haben die revolutionären Ideen der Verfasser? Wird der Aufstand kommen? Kann das Wutpotential die verhasste, verbürgerlichte westliche Gesellschaft umkrempeln, die sich in den Augen der Verfasser unter anderem aus Soldaten, Event-Touristen, Konsumenten, Managern, Ego-Hedonisten, Religionsanhängern und Wissenschaftsgläubigen zusammensetzt? Wo vermuten die Autoren innerhalb dieser heterogenen und pluralistischen westlichen Gesellschaften Hebelpunkte eines möglichen Aufstands? Je mehr sich ein Staat in seine Institutionen zurückzieht, je mehr er die Interessen seines Volkes vernachlässigt, seine Entscheidungsprozesse verschleiert und die Symbolik seiner Machtausübung an (privat-) wirtschaftliche Institutionen abgibt, desto größer werden die Räume des Machtvakuums. In diese Nischen stoßen individuelle Ideen, Interessengruppen und Aktionsbündnisse, die, sobald sie wachsen, unmittelbar mit den Machtbereichen und Organen des Staates kollidieren. Proteste, Aufstände und Revolten sind folglich die Indikatoren von Schwachstellen innerhalb der politischen Systeme.

     

    »Auf den Nullpunkt kommen, ist kein Wochenendurlaub«

    Der »Wutbürger«, 2010 moralisch geadelt mit der Auszeichnung »Wort des Jahres«, ist hierzulande mittlerweile fester Bestandteil der Meinungsbildung innerhalb politischer und gesellschaftlicher Diskurse. Aber er beherrscht sie nicht: Zu vielfältig sind seine Interessen, zu polyvalent seine Meinungen, zu fokussiert sein Wutpotential, zu fest seine Verankerung in der Gesellschaft. Daher muss die revolutionäre Gebrauchsmöglichkeit der Schrift an ihm vorbei zielen. Dennoch rüttelt der Text auf – und genau hier liegt seine Stärke. Dieses Pamphlet, im besten Sinne einer politischen Streitschrift, polarisiert: Mit seinen radikalen Thesen, seiner unverstellten klaren Ästhetik und mit leidenschaftlicher Argumentation, zwingt uns Leser dazu, Position zu beziehen. Die Wortgewalt und die kompromisslose Zuspitzung der Gesellschaftskritik nehmen uns gefangen. Die Bilanz, die das Autorenkollektiv zieht, lautet: »Die Zivilisation ist tot – alle Macht den Kommunen!« Man kann diese Botschaft für ihre Schonungslosigkeit lieben oder ablehnen, aber eine Auseinandersetzung mit ihr bleibt uns als Leser nicht erspart. Ganz im Sinne Palahniuks, der die Qualen des zivilisatorischen Umbruchs prophezeit hat: »Auf den Nullpunkt kommen, ist kein Wochenendurlaub!«



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    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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