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    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 18:24

    Marc Augé: Nicht-Orte

    24.12.2010

    Hier sind wir daheim

    Dass die Globalisierung ein Bösewicht ist, hat inzwischen wohl jeder verstanden. Und warum das so ist wahrscheinlich auch. Marc Augé fügt in Nicht-Orte, von dem nun endlich die längst überfällige Neuauflage erschienen ist, diesem »warum« eine weitere Facette zu. Von CHRISTIAN NEUBERT

     

    Der Softwaregigant Microsoft hat, was seine Werbekampagnen betrifft, in letzter Zeit ordentlich den Fettnapf frequentiert. Dabei hat er die Endverbraucher Ende ´94 noch verheißungsvoll gefragt: »Where do you want to go today?« Freiheit und Aufbruchstimmung waren seinerzeit die Stichworte. Doch was sich damals schon nicht mehr anzukündigen brauchte, ist heute aktueller – und akuter – denn je: Wer die Möglichkeit zum Aufbruch wahrnimmt, kommt sich, obwohl er eigentlich ein Ziel ansteuert, immer öfter so vor, als ob er an allem lediglich vorbeirauscht. Auch wenn er sein Ziel erreicht haben sollte, wird er trotzdem den Eindruck immer seltener los, innerhalb der Peripherie steckengeblieben zu sein.

     

    Ein anderer Konzern, AOL, scheint die Zeichen der Zeit ein wenig später erkannt zu haben, als er in seiner Werbekampagne keine Fragen, die auf die beschriebene Weise verstören könnten, aufwirft, sondern (wie zur Beruhigung) gleich feststellt: »Ich bin drin.« Glück gehabt, vorbei die Zeiten des Aufbruchs ins immer seltener werdende, tatsächlich Heimische oder, auch beliebt, Exotische. Erfreulicherweise haben wir jetzt das Internet, in dessen unendlichen Weiten wir uns heimisch fühlen können oder mit Fremdartigem anbandeln können. Denn die Welt, genau genommen jene Teile davon, die uns heimisch oder aufgrund seiner Exotik verlockend vorkommen, werden immer seltener: Man ist stets neben irgend etwas Bedeutsamen und bewegt sich in die Nähe von etwas anderem von Belang. Aber gewahr wird man diesen Dingen, die sich in der Historie als wichtig erwiesen haben, kaum noch.

     

    Marc Augé Marc Augé

    When you don´t know where you are ...

    Woraus folgt dieser Eindruck? Marc Augé meint, die Ursache dafür erkannt zu haben: Es ist das sich im Entstehen befindliche und dabei längst vorhandene globale Dorf. Man kann bestimmt nicht verleugnen (und kann es erst recht nicht ignorieren), dass Modernisierung und Globalisierung einen Brückenschlag zwischen diejenigen, die sich noch vor nicht allzu langer Zeit, wenn überhaupt, als Fremde und vielleicht mit Argwohn begegnen konnten, geschaffen hat. Denn mittlerweile spricht jeder die Sprache des Dollars (und neuerdings des Euros), was die Verständigung viel leichter gestaltet und das Zusammenwachsen ermöglicht hat. Was dieses Zusammenwachsen aber darüber hinaus – sicher neben vielem anderen – stiftet, so der Ethnologe Augé, ist ein rapides Wachsen von sinnentleerten Orten – den Nicht-Orten.

     

    Nicht-Orte, das sind z.B. Autobahnen, Flughäfen, Wartehallen, Hotelketten, Flüchtlingslager oder U-Bahnschächte. Es mutet vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig an, genau diese zweckorientierten Orte als sinnentleert zu betrachten. Doch sie sind, so Augé, im Gegensatz zu »richtigen«, nämlich anthropologischen – was hier soviel bedeutet wie: natürlich gewachsenen – Orten diesbezüglich sinnentleert, da sie sich nicht aus einem bestimmten historischen Kontext ableiten, keine individuelle Identität stiften und keine sozialen Relationen erzeugen. Sie sind, so der Ethnologe, »Orte des Ortlosen«, die einem keine Zugehörigkeit vermitteln können und wollen, sondern lediglich das Gefühl, ständig auf der Durchreise zu sein.

     

    ... you can´t know where you want to go today

    Was sich in der Zusammenfassung bereits plausibel anhört, wird von Augé auf rund 130 Seiten ausführlich und eindringlich ausgebreitet. Dabei stellt er durch zahlreiche Verweise – auch, wenn er keine Fußnoten ausführt – sein umfangreiches Fachwissen nicht nur zur Schau, sondern gekonnt zur Verfügung. Das Ergebnis kann sich, darüber war man sich schon 1994 einig, als das Buch in Deutschland erschienen ist, mehr als sehen lassen. Dafür sorgen, neben der fachlichen Dichte und den scharfsinnigen Beobachtungen des Essays, nicht zuletzt Augés fast schon prosaisch zu nennende Beschreibungen. Leicht geht die Lektüre von Nicht-Orte, zumal als Laie, allerdings trotzdem nicht von der Hand – die vollgepackten Satzkonstruktionen verlangen einem nicht selten ein wiederholtes Lesen ab, damit man den Zusammenhang nicht aus den Augen verliert.

     

    Die lange herbeigesehnte Neuauflage von Nicht-Orte wurde von Augé mit einem neuen Nachwort ergänzt, in dem der Ethnologe ausführt, inwiefern gegenwärtig immer mehr Raum den Einsamkeit und Gleichförmigkeit stiftenden Nicht-Orten anheimfällt. Und auch, dass diesbezüglich kein Ende in Sicht ist – wer sich dessen gewiss sein möchte, der soll darauf achten, ob sich bei ihm, auf den Anschlussflieger im Duty-Free-Shop des Flughafens von Boca Tel Toro wartend, folgendes Gefühl einstellt: Oh, wie schön ist Panama!

     

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    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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