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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 18:21

    Dorling / Newman / Barford: Atlas der wirklichen Welt

    21.01.2011

    Verzerrt und doch so klar

    Informationen pur, dargestellt durch grotesk entstellte Weltkarten. Das macht den Atlas der wirklichen Welt zu einem innovativen Nachschlagewerk. Nur das Alter so mancher Daten der Neuauflage lastet CHRISTOPHER FRANZ den Autoren Daniel Dorling, Mark Newman, Anna Barford an.

     

    Ein Atlas, möchte man ihn im klassischen, kartographischen Sinne definiert wissen, soll gemeinhin geographische Informationen einer Region, eines Landes, eines Kontinents oder gar der ganzen Welt auf bildliche und damit anschauliche Weise darstellen und somit ein Verständnis für Gegebenheiten und Zusammenhänge vermitteln. Dieses Prinzip stellt der Atlas der wirklichen Welt gehörig auf den Kopf, denn er vermittelt Informationen ganz anderer Natur. Wer schon immer wissen wollte, in welchen Ländern die Zahl der Traktoren zwischen 1980 und 2001 zugenommen hat oder welche Länder führend sind im Export von Medikamenten, und diese Information dann noch in Relation setzten möchte zu den Ländern mit den größten Medikamentenimporten, dem ist dieses Buch nur wärmstens an Herz zu legen.

     

    Klar, in Zeiten des Internet ist es durchaus möglich, dergleichen mehr oder weniger schnell und kostenlos im Netz zu finden. Der Verdienst der Autoren Daniel Dorling und Anna Barford, beides Geographen an der Universität Sheffield, liegt aber darin, dem Leser diesen oftmals reichlich abstrakten Datenberg in visuell ansprechender Form zugänglich und verständlich zu machen.

     

    An die Einführung, die im Schnelldurchlauf eine kurze Geschichte der Kartographie sowie Benutzungshinweise bietet und die Beweggründe der Autoren erläutert, schließen sich 382 Karten, gegliedert in 6 Kapitel mit Überschriften wie »Welt des Handels«, »Welt der Gefahren« oder »Die soziale Welt« an. Diese sind wiederum in Unterkategorien aufgeteilt. So finden sich unter dem Oberbegriff »Krieg und Kriminalität« 16 Karten, die beispielsweise die Rüstungsausgaben 1990 und 2002, die Kriegsopfer 2002, die Zahl der Selbstmorde oder die der Häftlinge weltweit darstellen.

     

    Karte der Flüge im zivilen Luftverkehr. Gemessen in Starts und zugerechnet den Staaten in denen die Flugzeuge registriert sind. © WBG Karte der Flüge im zivilen Luftverkehr. Gemessen in Starts und zugerechnet den Staaten in denen die Flugzeuge registriert sind. © WBG

    »Viele Karten in unserem Atlas zeichnen ein besorgniserregendes Bild der Welt«

    Die gängige Methode, derartige Informationen auf einem Kartenbild zu vermitteln, ist die der unterschiedlichen Einfärbung einzelner Länder. Das Ergebnis wird im Deutschen meist als Kartogramm bezeichnet. An dieser Stelle sei, da die Übersetzung hier ungenau ist, angemerkt, dass das englische Wort »cartogram« nicht gleichbedeutend mit dem Deutschen »Kartogramm« ist. Wenn in der Einleitung von Kartogrammen gesprochen wird, meinen die Autoren nicht die oben beschriebene Erscheinungsform, sondern explizit die von ihnen angewendete Methode der Darstellung mit variablem Maßstab unter Beibehaltung topologischer Beziehungen. Der deutsche Begriff dafür ist isodemographische Karte.

     

    Der Atlas der wirklichen Welt nutzt also die Methode der Verzerrung. Um es in den Worten der Verfasser auszudrücken: »Wenn schon Kartenprojektionen Flächen und Formen zwangsläufig verzerren – warum nicht das Beste daraus machen? Hat ein Land halb so viele Einwohner wie ein anderes, sieht es auf einer Bevölkerungskarte auch nur halb so groß aus.« Dadurch werden die vermittelten Informationen anschaulicher, klarer und besser vergleichbar.

    Damit diese Karten trotz der oftmals krassen Unterschiede benachbarter Länder lesbar bleiben, wurden die einzelnen Länder farbig codiert. Die Länderumrisse der Karten verändern sich mit der von Mark Newman, einem Co-Autor des Buches, entwickelten Berechnungsmethode, die auf den Gesetzten der Strömungsdynamik beruht, in den meisten Fällen nur wenig.

     

    Karte der Bahnreisen. Gemessen in Schienenkilometer pro Person und Jahr. © WBG Karte der Bahnreisen. Gemessen in Schienenkilometer pro Person und Jahr. © WBG

    Atlas der vergangenen Welt

    Das Spektrum der Karten ist weit gefasst. Sie erteilen Auskünfte zu praktisch jedem Lebensbereich. Seien es nun die Im- und Exporte von einzelnen Rohstoffen, Konsumgütern und Bodenschätzen, die Verbreitung von Krankheiten, von Müll und Religionen bis hin zur Darstellung der »Teilnehmer an Demonstrationen gegen den Irakkrieg 2003« oder der »Häufigkeit von Störungen im Telefonnetz«. Die Kartenbilder werden angereichert durch einen kurzen erläuternden Text sowie einer Top-10- und einer Worst-10-Liste der jeweiligen Staaten. Zusammen bilden sie einen Informationspool mit dem man sicherlich im Freundeskreis oder bei einem Empfang glänzen kann.

     

    Das einzige Manko dieser, im Vergleich zur deutschen Erstausgabe aus dem Jahr 2008, geringfügig erweiterten Auflage ist das Alter der Daten auf deren Grundlage die Karten entstanden sind. Ungeachtet der Tatsache, welch enormer Aufwand von Nöten ist, die unterschiedlichen Quellen zu konsultieren, die Daten zu extrahieren und die Karten zu produzieren und dem Umstand, dass gewisse Verhältnisse, wie z.B. der Anteil von Hindus an der Gesamtbevölkerung eines Landes über längere Zeit fast unverändert bleiben wird, wäre in einigen Fällen mehr Aktualität wünschenswert gewesen. Dass die aktuellste Karte, die über die »Internetnutzer weltweit« informiert, auf Daten aus dem Jahr 2002 basiert, ist mehr als ein Versäumnis.

     

    Dennoch, dem Atlas der wirklichen Welt ist eine weite Verbreitung und vielfache Nutzung zu wünschen, auch jenseits von Bibliotheken und Fachleuten. Er verzerrt zwar die Staaten, manchmal fast bis zur Unkenntlichkeit, und lässt faszinierende Ländergebilde, die Assoziationen an einen Rorschachtest hervorrufen, entstehen, sorgt damit aber für Aufklärung und ein besseres Verständnis für die Welt in der wir leben. Inklusive einer erneuten Relativierung unseres eurozentrisch geprägten Weltbildes. Der Satz: »So haben Sie die Erde noch nicht gesehen« verspricht also nicht zu viel.


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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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