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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:28

    Klare: Was bin ich wert

    15.07.2010

    Die Rechnung, bitte!

    Und? Wie sieht’s bei Ihnen aus? Haben Sie schon alles? Auto, Haus, Flachbildfernseher? Und jetzt suchen Sie ein bisschen was Ausgefallenes und würden gern wissen, was ein indischer Haussklave kostet?, fragt FLORIAN HOFFMANN.

     

    Oder haben Sie sich an Ihrem alten ungarischen General-Feld-Marschall von 1741 sattgesehen und fragen sich, wie viel Kohle er wert ist oder wie viele preußische Obrist-Lieutenanten Sie im direkten Tauschhandel eventuell für ihn bekommen könnten? Oder Sie überlegen sich, wie Sie bei den aktuellen Benzinpreisen mit dem Verkauf Ihrer inneren Organe ein bisschen was dazuverdienen können und vor allen Dingen, welche Organe sich dafür anbieten? Wenn Sie all diese Fragen quälen sollten, kommen Sie an Jörn Klares Was bin ich wert? schlicht nicht vorbei.

     

    Alles eine Preisfrage

    Der Autor geht dabei nicht nur der Frage nach, was der Mensch in Euro wert ist, sondern auch, was der konkrete Mensch Jörn Klare wert ist. Falls Sie jetzt empört ausrufen: „Aber das darf man doch nicht, dem Menschen einfach ein Preisetikett ankleben!“, dann ehrt Sie das zwar ungemein, aber dann darf man vielleicht auch mal zurückfragen, ob Sie sich schon jemals bei Ihrem Bundestagsabgeordneten beschwert haben, wenn ein Fußballer für eine Millionenablöse den Verein wechselt. Hat das nicht längst was von einem Viehmarkt? Übrigens: Was sind schon Millionen? Pierre Cardin bietet gerade seinen Namen zum Verkauf an - und will dafür eine Milliarde Euro.

     

    Jetzt ist Jörn Klare, der als freier Journalist u.a. auch für die ZEIT arbeitet, natürlich nicht Pierre Cardin, sondern eher gutbürgerlicher Mittelstand – was zwar einerseits zu einer bestürzend weit unter der Milliarde liegenden Summe führt, es aber glücklicherweise Otto Normalleser dadurch sehr einfach macht, sich mit ihm bei der Suche nach seinem Selbst-Wert zu identifizieren. Und Klare macht dies dem Leser sogar noch einfacher: Er verzichtet auf den nüchternen, distanzierenden Ton eines Sachbuchs und schlägt stattdessen als Ich-Erzähler einen direkten und intimen Ton an, der den Leser regelrecht ankumpelt, ob er das nun mag oder nicht. Lange Dialogpassagen, Abschriften von Interviews, eingestreute Infopäckchen, persönliche Erinnerungen und Lebensweisheiten des Autors - die Grenzen zwischen Roman und Sachbuch verschwimmen hier komplett, daher wohl auch die eigens erfundene Gattungsbezeichnung „eine Preisermittlung“.

     

    Der Mensch als statistische Größe

    Klares deutschlandweite Odyssee führt ihn durch Ämter, Versicherungs-, Ärzte- und Abgeordnetenbüros, zu Interviews mit Ökonomen und Philosophen, seiner Mutter und Gunther von Hagens. Fast jedes der 47 Kapitel zeigt dabei die Sichtweise auf den menschlichen (bzw. Klares) Wert aus einer anderen Perspektive. Das macht das Buch zwar einerseits sehr bunt (von der Samenbank bis zum VWL-Professor lässt Klare kaum was aus), aber leider führt es wegen unterschiedlichster Berechungsmethoden schließlich zu einer gewissen Beliebigkeit und vor allem zu einer Übersättigung durch jede Menge Zahlen. In kleineren Dosen, als wöchentliche Kolumne in einer Zeitung oder im Radio, wäre Klares insgesamt bewundernswert vielseitige Recherchearbeit sicher besser zu verdauen.


    Oft versucht Klare mit seinem gewollt naiven und prätentiös unprätentiösen Ton komische Effekte zu erzielen, die oftmals von der eigentlichen Argumentationsführung ablenken und fast schon stören. Dabei ist er auf solche Effekte gar nicht angewiesen. Schließlich bietet er dem Leser inhaltlich unglaublich viel: Oder wussten Sie vielleicht, wie viel die BRD ausgab, um politische Gefangene aus der DDR freizukaufen? Oder wie nach 9/11 die Fluggesellschaften ihre Zahlungen an die Opfer ausarbeiteten? Obendrein zeigt Klare, wie Versicherungen, Autokonzerne und der deutsche Staat in seinen Ministerien den Menschen zu einer statistischen Größe eindampfen, um damit mehr oder weniger seriöse Politik zu betreiben.


    Über Klares Stil mag man mäkeln, soviel man will – doch was er inhaltlich und in seiner Faktenfülle abliefert, ist ein unterhaltendes, interessantes, ernüchterndes, erheiterndes, anregendes und teilweise auch emotional packendes Buch, das den Alltagsblick verändert. Uns auch wenn Ihnen Jörn Klare persönlich dann am Ende mit seinem Preis von über einer Million Euro vielleicht zu teuer sein wird – sein Buch kostet nur 14,90 Euro. Und das sollte es Ihnen wert sein ...

     


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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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