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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:14

    Annie Leonard: The Story of Stuff

    03.06.2010

    Ex und hopp - all das Zeug!

    Die amerikanische Umweltaktivistin Annie Leonard erklärt die Geschichte unserer Konsumgüter. Sie verfolgt den Lebensweg unserer T-Shirts, Bücher und Computer und zeigt die erschreckenden Folgen eines Umwelt und Ressourcen zerstörenden Lebensstils. Von MONIKA THEES

     

    Wir erhöhen das Bruttoinlandsprodukt und sichern die Rente, da bleibt nicht viel Zeit. Fastfood am Mittag, zwischendurch ein coffee to go, die Abwrackprämie kassiert, neue Klamotten gekauft, die alten ab in den Container. Konsumieren ist erste Bürgerpflicht, das erhält Arbeitsplätze, stärkt die Wirtschaft und zeigt: Wir sind wer! Mehr Wachstum, mehr Sachen, immer größer, schneller, JIT (just in time). Geiz ist geil, wenn’s um Niedrigstpreise geht, sonst gilt der Überfluss. Wir mögen es üppig und nicht zu knapp. Verschwendung ist Zeichen einer prosperierenden Gesellschaft, die glitzernde Warenwelt verheißt Glück, Wohlstand und Gewinn. Wer will schon ein Loser sein? Auf Hartz-IV-Niveau gar? Wir rackern uns ab für das Salär, hetzen in den Supermarkt, schöpfen das Dispo aus – und dann? Die Beine hoch, Laptop an.

     

    War da was?

    Ach ja, ein Clip auf YouTube, 20-minütig und animiert. Krakelige Strichmännchen, schwarzweiß mit Bleistift gezeichnet, huschen übers Bild, werkeln im Wald und auf Abraumhalden. Sie schuften in Fabriken, schleppen jede Menge verpacktes Zeug in den Supermarkt. Andere Männchen karren die Sachen nach Hause, konsumieren ruck, zuck auf „ex und hopp“ und müllen danach den Planeten voll. Dazu ein paar Beschriftungen: Es geht um „supply chain”, „natural ressources”, „externalized costs” und „planned obsolescence”, der deutsche Oberbegriff dazu lautet dröge, akademisch: Stoffwirtschaft. Eine Frau mit Pferdeschwanz, in Jeans und blauem Hemd, erklärt den Clip. Sie hat eine Message, die ist nicht neu – aber witzig präsentiert. Das macht Spaß. Seit 2007, als das Video im Internet veröffentlicht wurde, wurde es über 10 Millionen Mal angeklickt, in Deutschland sahen über 200 000 den Spot. Seine Botschaft stieß auf breite Resonanz, inzwischen wird der Streifen „The Story of Stuff“ im Unterricht eingesetzt – und nun durch ein Buch zum Film ergänzt. Die „Take-Make-Waste-Machine“ rattert derweilen munter weiter.

     

    Annie Leonard veranschaulicht die Folgen dieser hochtourigen Geschäftigkeit, und diese sind nicht gerade rosig. Sie sind vernichtend. Noch nie hat die Menschheit so viele Ressourcen verbraucht und solche Mengen Müll produziert wie heute. Und noch nie waren wir den Grenzen unseres Planeten so gefährlich nah. Klimawandel, Bevölkerungsexplosion, ungezähmte Gier nach Rohstoffen und Ressourcen. Shoppen um jeden Preis. Arbeit, Konsum, Zerstörung. Und wenn die kritische Linie erreicht ist, heißt es dann: Game over? Oder rechtzeitig: Gefahr erkannt, Risiken gebannt? Mit Fair Trade, Bio und erneuerbarer Energie? Mit der Verpflichtung zu Nachhaltigkeit, umweltverträglich, neu designten biomaterials und geschlossener Kreislaufwirtschaft? Zero waste? Ja, mit alledem, so Annie Leonard, und mit einem Umdenken auf breiter Ebene, Paradigmenwechsel genannt. Am besten jetzt, sofort. Uns bleibt nicht viel Zeit.

     

    Trübe Aussichten, fürwahr.

    Sie habe eine vision of change, verspricht die US-amerikanische Öko-Aktivistin aus Seattle, das Time Magazine hat sie bereits vollmundig zur „Umweltheldin“ gekürt. „Marx mit Pferdeschwanz“ nennen sie ihre verbiesterten Gegner, schimpfen sie „konsum- und technikfeindlich“, „Spinner“, „anti-amerikanisch“ gar. Im Land des exzessiven Konsumierens kann dies eine Ehre sein, erst recht für die taffe Expertin für Umwelt und nachhaltige Produktion. Sie reiste für Greenpeace und GAIA (Global Alliance for Incineration Alternatives) um die Welt, fragte nach dem Wieso, Weshalb, Warum und deckte auf, wie das so läuft in der globalisierten world economy: mit dem Wasser, den Wäldern, den Bodenschätzen und den Lebens- und Arbeitsbedingungen, in Haiti, Indonesien, Südafrika oder Indien. Mit den wuchernden Megastores auf der grünen Wiese (always low prices, always), all dem Chemie-Gift in den Sachen und der Entsorgung des toxischen Schrotts in den ärmsten Ländern der Welt. Vieles wissen wir, manches ist uns eine News wert, wie die Suizide beim iPhone-Monteur Foxconn (produziert für Apple, Dell, Sony und Nokia) im südchinesischen Shenzen. „Apple steht für Selbstverwirklichung“ tönt ein Marketingmensch des Multis wenig später in den Nachrichten zum Hype um ein brandneues Spielzeug namens iPad („Wovon Männer träumen“). Zynisch? Ach wo, Business.

     

    Alles hängt mit allem zusammen, nicht metaphysisch, sondern ganz real: Umwelt und Wirtschaft, unser way of life mit besinnungslosem Konsum und das Artensterben, die Vernichtung des Regenwaldes (2 000 Bäume pro Minute) und der schwimmende Müllteppich aus Plastik (3 Mio. Tonnen), der zwischen Hawaii, Japan und Nordamerika treibt. Das ist sehr komplex, ja klar, doch Annie Leonard dröselt es auf: 400 Seiten umfasst ihr Buch „The Story of Stuff“, ohne Anmerkungen, die gibt’s exklusiv und aus Umweltgründen auf der gleichnamigen Website. Fakten und Zusammenhänge sind (in der deutschen Fassung unter Mitarbeit von Ariane Conrad) verständlich, anschaulich in Worte gefasst und auf den Punkt gebracht: genügend (Lese-)Stoff, um nachzudenken und genauer hinzusehen. Das T-Shirt, der Laptop, die Dose Cola light. Was machen wir mit dem ganzen Zeug? Wie entsteht das, was steckt da eigentlich drin und wo landet es am Ende? Läuft das „Take-Make-Waste“ immer schneller, höher, weiter? Stopp. Mann, komm runter von diesem Trip, slow down und überleg mal. Wir leben mit einem Planeten. Würde unser Konsummuster weltweit imitiert, bräuchten wir (in Deutschland) 2,5 Erden, die USA bereits 5,4.

     

    Düster - oder bunt?

    Annie Leonard konzentriert sich vor allem auf die Vereinigten Staaten, „das Land mit der am weitesten entwickelten und destruktivsten Konsumkultur“. Diese habe sich zum gefährlichsten und eifrigst nachgeahmten Exportgut entwickelt, so die Autorin. Wir ziehen da tapfer mit. Gleichwohl, Annie entlässt uns mit einer guten Nachricht: Veränderung ist möglich. Doch wie? Am Ende eines jeden Kapitels hält ein Strichmännchen ein Schild mit der Aufschrift „Hoffnung“ in die Höhe, das heißt, es gibt Fortschritte, seien es wachsendes Bewusstsein, ermutigende Initiativen (Verbraucherverbände, NGOs) oder Gesetzesvorlagen. Ein Verkehrsschild mit abbiegendem Pfeil bedeutet: Hallo, es gibt Alternativen zum problematischen Status quo. Das macht Mut und stärkt die Entschlossenheit: zum Handeln als Konsument, zum Engagement als Bürger, zum Weiterfragen. Die Zukunft wird düster – oder bunt. Im Videospot wandelt sich die lineare Wertschöpfungskette zum geschlossenen grünen Kreis. Das ist simpel, aber einprägsam. Annie Leonards Buch verschreckt nicht dogmatisch-agitierend, es stimmt hoffnungsfroh. Wir bringen kurz mal den Müll runter, kommen ins Grübeln: oje, all that stuff. Es macht kurz „klick“ im Hirn. Das ist gut, das ist erst der Anfang.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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