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Roger de Weck: Nach der Krise

18.02.2010

Wachstumsbeschleunigung als Falle

Roger de Weck bietet kluge nützliche Reflexionen zu Status quo und nötigem Wandel des Kapitalismus. Von ANSELM BRAKHAGE

 

Der Erkenntnisgewinn, den vermeintliche Welterklärer Lesern zu bescheren vermögen, ist nun wahrlich oftmals von geradezu verschwindender Bedeutung. Fairerweise sollte man allerdings unterscheiden zwischen selbsternannten Welterklärern oder solchen, die durch verlegerisches Kalkül dazu gekürt werden. Roger de Wecks „Nach der Krise“ hebt sich meilenweit von der Masse unzähliger, oft überflüssiger Publikationen rund um die Finanzkrise ab. Schon der Untertitel „Gibt es einen anderen Kapitalismus?“, immerhin als Frage formuliert, nährt die Hoffnung, hier möge sich einer mit essentiellen Fragen beschäftigen ohne Schmalspur-Weisheiten zu servieren oder in Gemeinplätze à la „Die Menschheit muss lernen …“ zu verfallen. Die Hoffnung wird bestätigt, man kann dem schmalen Band des hochdekorierten kritischen weltoffenen Geistes Roger de Weck guten Gewissens das Prädikat „Lesenswert“ attestieren.

 

Alle Welt schreibt und schreit über die Finanzkrise, aber erstaunlich selten stellt sich wirklich jemand ernsthaft der Systemfrage. De Weck tut es, auf eine wohltuend entschiedene und gleichzeitig besonnene Weise, die sozusagen im Vorbeigehen die zynische Ignoranz und das dilettantische Wachstumsbeschleunigungsgeschwätz der amtierenden Regierung als das entblößt, was es ist: bar jeder Seriosität, Konzeption, und erst recht - Vision.

Auch wenn sich der gemeine Bürger in den finanzpolitischen Debatten dieser Zeit zunehmend schon scheinbar zuhause fühlt und es versteht, mit Begriffen wie Deregulierung und Derivaten, Hedgefonds und Bad Banks zu jonglieren, so gewährt der vorliegende Band doch manche, bisher unbekannte und verblüffende Einblicke, welche die Perversionen heutiger Wirtschaftsabläufe überdeutlich auf den Punkt bringen.

 

Rückbesinnung auf das Elementare

Eine Kostprobe: „Der Finanzinformationsdienst Thomson Reuters tüftelt an einer Software, die neue Quartals- und Jahreszahlen von Unternehmen einige Zehntelsekunden schneller versendet als die Wettbewerber … Reflex statt Reflexion … Inzwischen gibt es computergestützte Hochfrequenz-Händler, die in Zeitfenstern von Millisekunden eine Wertschrift kaufen und mit winziger Gewinnmarge wieder verkaufen.“

 

Was ist heute und was war einmal originärer Zweck eines Unternehmens? Allein die Auseinandersetzung mit dieser Frage mündet in eine Rückbesinnung auf das Elementare, führt einem drastisch vor Augen, wie weit sich ökonomisches Tun in vielem einer Sinnhaftigkeit entledigt hat, sowohl gesellschaftlich als auch individuell. Und das hat nichts mit Verteufelung von Profitstreben an sich zu tun. De Weck will mitnichten den Egoismus eliminieren. Als ehemaliger ZEIT-Chefredakteur lehnt er sich mit fundamentaler Marktkritik zwar erstaunlich weit aus dem Fenster, aber dennoch argumentiert er dabei immer aus dem System heraus, nicht von außen dagegen.

 

Er befasst sich mit dem dringend gebotenen und durchaus weitreichenden Umbau des Kapitalismus, aber nicht mit dessen Abschaffung. Dabei plädiert er nachdrücklich für ein Aufbrechen festgefahrener engstirniger Denkmuster herrschender Marktlogik. Was de Weck fordert, ist im Kern die Wiederherstellung der richtigen Priorität: Die Ökonomie hat dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. Aber er belässt es freilich nicht bei dieser universellen Forderung, sondern unterfüttert diese mit sehr realen Ratschlägen.

 

Klug, verständlich, konzentriert

Seine Grundhaltung drück sich in einer knappen Passage aus, in der er fordert, die ökonomische Wissenschaft (in der er zuhause ist) möge sich als Disziplin wieder so nennen, wie sie einst hieß, nämlich Politische Ökonomie. Politik als gestaltende Instanz und nicht als willfähriger Erfüllungsgehilfe mächtiger Interessen – wie weit sind wir von diesem Gebot, von dieser Selbstverständlichkeit entfernt?

 

Jedes einzelne Kapitel endet mit einem knappen Fazit, so allgemein gehalten, wie es die Weitsicht erfordert, konkret genug aber, um nicht unverbindlich zu bleiben. Gut hundert Seiten so klugen wie verständlichen, so fundierten wie konzentrierten Nachdenkens über die drängendsten gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit: Roger de Weck lädt ein zum Innehalten und über den Tellerrand tages- und parteipolitischer Kurzlebigkeit hinauszuschauen. Diese Einladung sollten wir nicht ausschlagen.

 

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