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Wyss: Nach den großen Erzählungen

11.02.2010

Kleine, fiese Theoriegiftpfeile

In seinem neuen Essay „Nach den großen Erzählungen“ steigt der Schweizer Beat Wyss vom Olymp der Theorie herab, um seinen erstaunten Lesern zuzurufen: Wendet euch wieder den Dingen zu! Ein sehr angriffslustiges Stück feinster Wissenschaftsprosa. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg des globalen Kapitalismus hat unweigerlich zur Erosion der großen Erzählungen geführt. Kant, Hegel, Marx, Husserl – alle konnten sie dem paradoxen Bedürfnis nach Orientierung und gleichzeitiger intellektueller Wendigkeit nichts entgegensetzen. Die 68er-Generation hat schlussendlich den Sargdeckel über den großen Erzählungen geschlossen, indem sie Marx von seiner historischen Wirklichkeit abkoppelte, ihn zum Kult erhob und sich gleichzeitig neue Meisterdenker erschuf, die mit einiger Beharrlichkeit in großen epischen Erzählungen versicherten, die Zeit der großen Erzählungen sei endgültig vorüber.

 

So könnte man die Kernthesen des neuen Essays des großen Schweizer Kunsttheoretikers Beat Wyss etwas gerafft zusammenfassen – irgendwo zwischen Poststrukturalisten- und 68er-Bashing angesiedelt, streitlustig und streitbar, aber immer auf der Höhe des zeitgenössischen Wissenschaftsdiskurses. Wyss ist ein Querdenker im besten Sinne, meinungssicher und hochgradig theorieaffin. Das Ergebnis seines Querdenkens unterscheidet sich wohltuend von der grauen Masse an akademischer Bildtheorie, wie sie an etlichen deutschen Kunstinstituten triste Wirklichkeit geworden ist.

 

Dem immer mehr in den pseudo-naturwissenschaftlichen Positivismus abgleitenden Bilddiskurs setzt er beispielsweise eine einfache und höchst funktionale methodologische Ahnenreihe entgegen: Erwin Panofskys Ikonologie und in dessen Vermittlung Pierre Bourdieus Habitus-Konzept – eine Ahnenreihe, die Wyss dann allerdings selbst wieder gebührend dekonstruieren wird.

 

Alliiertes Levitenlesen

Dabei sitzt Beat Wyss jedoch gerade nicht im Abseits, außerhalb der erlauchten Kreise der mit Drittmitteln geförderten Worthülsenjongleure, sondern im modernen Epizentrum der visuellen Kulturgeschichte – an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Von dort schießt er kleine fiese Giftpfeile auf seine modischen Kollegen ab, die – in diesem Fall dank der „edition suhrkamp“ – ihr Ziel selten verfehlen. 

 

Wyss hat es sich auf seinem an Derrida geschulten Denkolymp nicht bequem gemacht. Ganz im Gegenteil: Mit diabolischer Lust an beißendem Spott eifert er gegen die verqueren Foucault-Jünger, gegen den Marx-Lesekreis seiner Studentenzeit, gegen die Idotie der bedingungslosen Beuys-Jünger und und und. Altersmild jedenfalls ist der 1947 geborene Wyss noch kein Stück geworden.

 

In einer – unheiligen? – Allianz mit Götz Aly liest er seiner eigenen Generation die Leviten: Den Meisterdenker Foucault jedenfalls denkt Wyss solange weiter, bis Foucault – ganz dialektisch – bei einem archaisch-mythischen Antimodernismus angekommen ist, der seine Zivilisationskritik als Selbstzweck entlarvt. Und als ob derartige, geist- und zündstoffreiche Bonmots nicht schon genug wären, packt er dies alles wie nebenbei in eine stupende, fast poetisch anmutende Form: Sein kleiner großer Essay spiegelt nebenbei nicht nur die intellektuelle Biographie der anderen, sondern auch die eigene.

 

Die Befreiung der Dinge

Der „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ (Bazon Brock) als verdeckte Autobiographie – im Zeichen des Dekonstruktivismus ließe sich kaum eine bessere Form für eine kategorische Kollegenschelte finden. Der Autor ist eben doch nicht totzukriegen und deshalb sagt Beat Wyss ganz offen Ich, um dieses Ich dann vertrauensvoll seinen Lesern zu überlassen.

 

„Nach den großen Erzählungen“ ist hoffnungslos subjektiv und objektiv zugleich, Text und Metatext in einem – ein großer Spaß, den man besser ernst nehmen sollte. Dass ausgerechnet ein Theoriebändchen der „edition suhrkamp“ die Rückkehr zum Gegenstand, zum Sachverhalt, zum Artefakt fordert, unterstreicht diese These noch einmal augenzwinkernd:

 

"Es geht darum, die Gewalt zu beschreiben, welche die Diskurse den Sachverhalten zufügen, damit diesen ein Gewicht gegeben werde, das die Methode, wenn nötig, aus ihrem eingependelten Gleichgewicht bringen kann. Diskurskritik strebt nach einer Dekolonialisierung des Denkens und träumt, wie meine kleine Tochter nach einem Zoobesuch, von der Befreiung der Dinge."


Mit der Befreiung der Dinge sollten wir wohl in der Tat bald beginnen. Aber davor lohnt es sich, noch einmal kurz einen Blick ins Theoriegehölz zu werfen. Einen besseren Führer als Beat Wyss kann man sich jedenfalls kaum wünschen.

 

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