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Paul Lafargue: Die Religion des Kapitals

14.01.2010

Unser Neger ohne Schamgefühl

“Die kapitalistische Entwicklung hat die Menschheit auf ein so niedriges Niveau hinuntergedrückt, dass sie nur noch ein Motiv kennt und kennen kann: das Geld. Das Geld ist der große Motor, das Alpha und Omega aller menschlichen Handlungen geworden.” Ausgehend von dieser Erkenntnis verfasst Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, die grimmig-heitere Entlarvungsschrift Die Religion des Kapitals. Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Von Marx Schriften sagt Lafargue: „Es war, als zerrisse ein Schleier vor meinen Augen; zum ersten Male empfand ich klar die Logik der Weltgeschichte und konnte die dem Anscheine nach so widerspruchsvollen Erscheinungen der Entwicklung der Gesellschaft und der Ideen auf ihre materiellen Ursachen zurückführen. Ich war davon wie geblendet.“ Aber auch Laura Marx muss einigen Eindruck auf ihn gemacht haben, sie heirateten bald und Friedrich Engels machte dann sogar den Trauzeugen.

 

Lafargue war ein Mischling, seine Vorfahren Kolonisten aus Frankreich, Ureinwohner der Karibik, Mulatten und Juden. Und so gab es denn auch rassistische Angriffe auf ihn, der so ganz und gar nicht dem Bild eines weißen Partei-Funktionärs entsprechen wollte. Dieses Bewusstsein (der Abstammung von einer unterdrückten Rasse) hat sicher schon früh sein Denken beeinflusst. Und so hoffte er im Kommunismus letztlich auch einen aufgeklärten Internationalismus zu finden. „Radikale in Amerika, macht Mulatte zu eurem Sammelruf!“ proklamierte er. Zu Anfang scheint er auch nicht ganz den Vorstellungen von Jenny und Karl Marx zu entsprechen: “unser[en] Neger” nennen sie ihn und meinen, er habe “kein Gefühl der Scham”. Interessanterweise nannten Marx´ Töchter ihren Vater „Mohr“, wegen seiner dunklen Haut und seiner Haare, die schwarz wie Steinkohle waren.

 

Faulheit und Zyankali

1882 gründete der tatendrängende Exot auf europäischer Bühne gemeinsam mit Jules Guesde die erste marxistische Partei Frankreichs, zog als Agitator durch die Lande und wurde so zum geistig bedeutendsten Führer des Sozialismus in Frankreich. Er schrieb viel für Zeitungen, doch sein berühmtester Text ist wohl Das Recht auf Faulheit von 1883, worin er den konservativen Arbeitsethos an den Pranger stellt. "Wenn die Arbeit etwas Schönes und Erfreuliches wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen.", lautet ein bekanntes Zitat von ihm.

 

Nun ist ein weiterer Schlüsseltext dieses so originellen wie selbstständigen Denkers neu erschienen: In Die Religion des Kapitals stellt Lafargue die Macht des Kapitals als ein quasireligiöses System dar. Er geht mit diesem Pamphlet ganz andere Wege als sein Schwiegervater Karl Marx. Diese Satire ist todernst und ihrer Zeit weit voraus. Lafargue war kein Nachbeter und auch kein billiger Epigone. Es gilt, ihn wiederzuentdecken, als das, was er wirklich war: ein souveräner und überaus gewitzter Geist.

 

1911 beging das Ehepaar Lafargue Selbstmord. Mit Zyankali. Vorher hatten Laura und Paul noch die Oper besucht und gut gegessen. 15.000 Menschen folgten dem Trauerzug zum Friedhof Père Lachaise. Und diesmal war es kein geringerer als Lenin, der die Grabrede hielt.

 

Laura Marx schrieb zuvor: „Gesund an Körper und Geist ergebe ich mich dem Tod vor dem unerbittlichen Alter, das alle meine Freuden am Leben nacheinander gestohlen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat. Es lähmt meine Energie und endet mit meiner Willenskraft und macht mich für mich und andere zur Last. Seit Jahren habe ich mir versprochen, das Alter von siebzig Jahren nicht zu übertreffen; ich habe die Zeit für mein Scheiden aus diesem Leben gewählt und die Mittel zur Ausführung dieser Entscheidung vorbereitet: eine Unterhautinjektion von Blausäure. Ich sterbe mit dem größten Glück die Gewissheit zu haben, dass sehr bald der Triumph kommen wird, den ich seit 45 Jahren angestrebt habe. Lang lebe der Kommunismus! Lang lebe die Internationale!“

 

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