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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 15:24

    Edition Elke Heidenreich

    04.01.2010

    Musikalisches Literarisieren

    HANS-KLAUS JUNGHEINRICH  über die Edition Elke Heidenreich bei Bertelsmann, die sich mit musikalischen Sujets beschäftigt und deren erste vier Bände ein erfreulich breites Spektrum der Musikkennerschaft (von Hans Neuenfels über Verdi bis zum West-Eastern Divan Orchestra) aufscheinen lassen.

     

    Musik ist mit Sprache verwandter als mit den anderen Künsten, denn sie verwendet wie jene (und noch strikter) elaboriertes, „künstlich“ zugerichtetes Material anstatt „natürlicher“ Farben oder Steine – in der Natur kommt das Phänomen „Ton“ im strengen Sinne ja nicht vor, sondern nur das Geräusch, das aber mitunter, wie der Vogelgesang oder die orgelnde Frequenz eines Windkontinuums, mit den entsprechend geschulten Ohren als Tonverbindung oder Akkord gehört werden kann; das tiefe (und tiefsymbolische) Es am „Rheingold“-Beginn wäre demnach eine realistische akustische Naturprotokollierung. Vogelstimmen haben sicher eine proto-sprachliche Funktion, sind ein einfaches Signal- und Verständigungssystem, dessen ästhetische Überhöhung zu Musik, gar einer göttlich beseelten, menschlichen Enthusiasten und Hymnikern wie Olivier Messiaen vorbehalten ist. Die Allianz schwatzender Dichtervögel und „tondichtender“ Musikerfinder ist zuzeiten jedoch schwärmerisch und eng; an der Sprache nährt sich manche Musikart, und umgekehrt ringt Sprache immer wieder damit, dem Unsagbaren der Musik dennoch sprechend beizukommen. Musikalisches Literarisieren versucht dabei auch, das der Musik Eigene mimetisch nachzubilden, etwa, indem es thematisch-motivische Verarbeitungstechniken musikalischen Formen annähert (Kundera, Thomas Mann).

     

    Sing- und Ausschreivogel

    Elke Heidenreich ist unbedingt ein munterer Sing- und Ausschreivogel im Gehege des aktuellen Literaturbetriebs, und ihr gleichsam ornithologisches Naturell erlegt ihr wohl die Verantwortung auf, sich um die mit Tönen und Geräuschen umgehende Nachbarkunst auch noch zu kümmern. Eine Editionsreihe, die es mit – erzählerischen oder essayistischen – Texten über Musik zu tun hat, ist dabei nicht von vornherein ein Erfolgsschlager. Unter den Konsumenten von Literatur sind die auch noch musikalisch Enflammierten (und gar „klassisch“ Gebildeten) zweifellos eine kleine Minderheit. Und notorische Musikfexe betrachten das schöngeistig-reflektierende Illuminieren ihrer Passion oft als überflüssig; dergestalt, dass ein Autor, der seinem Verleger eine Philosophie oder Soziologie des Chorsingens anbietet, damit beschieden wird, er solle es doch besser mit einem Chorliederbuch versuchen.

     

    Mit dem imponierenden Flügelschlag ihrer Medienprominenz hat es Elke Heidenreich indes vermocht, derlei Hindernisse zu überwinden und bei C. Bertelsmann eine Buchreihe zu etablieren, die sich mit musikalischen Sujets beschäftigt. Vier Bände unterschiedlichen Umfangs sind erschienen, gediegen aufgemacht, wenn auch ein wenig bieder. Sie lassen ein erfreulich breites Spektrum der Musikfreundschaft und -kennerschaft vermuten und wecken Neugier auf eine Fortsetzung.

     

    Auf eindringliche Art gelungen

    Da es um Verzwicktes und Allzufachliches nicht geht, durfte der Musikroman nicht fehlen: Franz Werfels Verdi – Roman der Oper bot sich als merkwürdigerweise fast vergessenes, bewundernswertes Exempel an. Mit großer Empathie fokussiert Werfel die Verdische Schaffenskrise zwischen Aida und Othello, in der er sich vergeblich mit einem König-Lear-Projekt abquälte, dessen er, vom imaginären Schatten des „großen Bruders“ Richard Wagner verfolgt, nicht mächtig wurde. Werfel rekonstruiert eine aberwitzige, aber wohl nicht allzu seltene psychologische Situation: dass von zwei gleichermaßen bedeutenden Menschen der eine die Obsession des anderen ist, dieser (Verdi) jenem (Wagner) aber rein gar nichts bedeutet, nämlich kaum auch nur die äußerste Peripherie seiner Aufmerksamkeit berührt. Wenn Biografie in einiger Übertreibung immer als Herstellung einer Fiktion gelten kann, so darf man dem gelungenen biografischen Roman gewissermaßen eine Authentizität höherer Ordnung zuweisen. Gelungen ist Werfels Verdi auf eine ähnlich eindringliche Art wie seine Vierzig Tage des Musa Dagh. An Kompetenz des spezifisch musikalischen Literarisierens erreicht Werfel beinahe Thomas Mann und übertrifft – um bei derselben Generation zu bleiben – bei weitem Jakob Wassermann oder Lion Feuchtwanger.

     

    Als romaneskes Pendant von heute figuriert Brendels Fantasie, ein schmales Erzählwerk des Vorarlbergers Günther Freitag (Jahrgang 1952). Leider kann dieses Buch dem Werfelschen das Wasser nicht reichen. Es kommt mir eher als Ladenhüter einer Schriftstellerwerkstatt vor, der sich in die Edition Elke Heidenreich verirrte, um dort ein Beweisstück für die Lebendigkeit des Musikromans darzustellen – eine glatte Fehlbesetzung. Eine klischeehafte Lebenswende (reicher älterer Mann mit tödlicher Diagnose fängt an, über die Stränge zu schlagen) wird mit Beziehungsklischees (Karriere-Ehefrau, zu weltgeiler oder zu weltfremder Nachwuchs) und jeder Menge von Toscana-Gemeinplätzen verrührt. Eine Handvoll lustlos erzählter skurriler Begebenheiten. Ein Timbre, das sich zwischen dünner Humorigkeit und beflissenem Lebensernst nicht recht entschließen kann. Schade, dass Freitag, ein studierter Musiker, auch über Musik selbst nicht viel Luzides von sich gibt.

     

    Der etwas unscharfe Titel – er meint Schuberts Wandererfantasie, gespielt von dem Pianisten Alfred Brendel – ließ erwarten, dass dieses phänomenale Klavierwerk in vielen Ansätzen, Brechungen, leitmotivischen Facettierungen und Abspaltungen womöglich die Essenz der Erzählung bilden könnte. Einem Vorhaben von solch Thomas Mannschem (oder auch Thomas Bernhardschem) Ehrgeiz kommt Freitag nicht nahe.

     

    Das Glück als Synthese von Musik und Sprache

    Elke Heidenreich tutet gerne da und dort ins Horn der „Regietheater“-Feinde, aber sie schmückt ihre Edition ungeniert mit einer profunden Sammlung von Hans-Neuenfels-Texten (Wie viel Musik braucht der Mensch? Über Oper und Komponisten), ja mehr noch, sie annonciert den Band mit besonderer Warmherzigkeit: „Wenn Hans Neuenfels über Musik schreibt, halte ich den Atem an. (...) Wir hören anders, wenn wir seine rauschhaften Texte gelesen haben.“ In der Tat: Bei Neuenfels scheint das Glück einer Synthese von Musik und Sprache, von Verrücktheit und Poesie, pfingstlichem Überschwang und analytischer Klarheit erreicht. Nicht immer – niemand ist pausenlos genial –, aber manchmal und dann stark.

     

    Bezaubernd ist dabei vor allem so etwas wie eine kindliche Naivität, die Neuenfels immer wieder mit den geliebten, bewunderten oder auch misstrauisch gesehenen Opernautoren zu imaginierten „wirklichen“ Begegnungen kommen lässt (wobei etwa Wagner oder Mozart so pfiffig-genau porträtiert werden, wie es nur bei geträumten Figuren möglich ist). Auch durch Neuenfels’ Verdi-Beschwörungen geistert bedeutsam der Re Lear. Die Lektüre macht ferner deutlich, dass Neuenfels zu denen gehört, denen Lyrik ein tägliches Brot ist. Besonderen dokumentarischen Wert hat der Band durch zahlreiche Fotos von Neuenfels-Operninszenierungen sowie deren Auflistung bis 2008.

     

    Der wichtigste Band

    Vielleicht der wichtigste Band der Edition ist Die Kraft der Musik, eine Geschichte des West-Eastern Divan Orchestra, das sich, gegründet von dem Juden Daniel Barenboim und dem (verstorbenen) Palästinenser Edward Said, durchweg aus jungen Musikern aus Israel und den islamischen Ländern zusammensetzt. Autorin ist die Amerikanerin Elena Cheah, eines der wenigen sozusagen „neutralen“ Orchestermitglieder. Es entsteht gleichwohl eine Geschichte des Klangkollektivs „von innen“, da sich fast der gesamte Inhalt des Buches aus Erlebnisberichten und Bekenntnissen einzelner Musiker (manchmal auch in der ersten Person erzählt) zusammensetzt. Der Eindruck der alle Feindseligkeiten überspannenden künstlerischen Harmonie, der bei Konzertauftritten dominieren mag, zeigt sich im Buch nicht nur differenzierter, sondern auch brüchiger.

     

    Dass die Rolle des charismatischen dirigentischen Mentors Barenboim weithin eine autoritäre ist – gewissermaßen die eines völkerverbindend Gelobtes Land avisierenden gestrengen Moses –, wird in vielen Musikerbekundungen evident. Etwa bei dem Geiger Daniel Cohen, der Angst hatte, zu dem später berühmt gewordenen Konzert nach Ramallah mitzufahren. In einem Einzelgespräch brüllte Barenboim den Widerstrebenden dermaßen an, dass dieser schließlich mehr Angst vor ihm als vor Ramallah bekam und mitfuhr. Gut, wenn die Wahrheit einer Bestrebung so groß ist, dass sie auch so scharfe Dissonanzen verträgt.

     

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    Schon um diese Bücher, auf denen sowas draufstand wie "Elke Heidenreich empfiehlt..." habe ich nicht angefasst, sondern, wenn tatsächlich Interesse meinerseits bestand, habe ich eine andere Ausgabe gekauft. Und dass sie ausgerechnet dem Schwafler Neuenfels ein Podium bietet, macht sie mir als Kennerin nicht sympathischer, eher suspekt.
    | von Jeeves, 08.01.2010

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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