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    Leonard Mlodinow: Wenn Gott würfelt

    16.04.2009

    Die wunderbare Welt des Zufalls

    Nicht viele Phänomen beschäftigen die Menschen so ausdauernd wie Zufall und Wahrscheinlichkeit, wahrscheinlich weil beide in einem engen Beziehungsgeflecht zu einer unbestreitbaren Größe menschlicher Weltbewältigung stehen, dem Schicksal. Von BENJAMIN BORGERDING

     

    Die Beschäftigung mit dem Zufall wird in der modernen Welt zunehmend verzweifelt betrieben, da alte Sicherheiten – oder in postmoderner Diktion: die grand narratives – weggebrochen sind. Wenn Gott tot ist, wer besetzt dann die Vakanz: Zufall oder Schicksal? Chaos oder Vorsehung? Diese Beschäftigung spiegelt sich auch in der Popkultur wider, gerade dort, wo mehr oder weniger exzessiv Sinnsuche betrieben wird, wie etwa in den Filmen Die wunderbare Welt der Amelie und Magnolia, in deren Eingangsszenen das Faszinosum Zufall kaleidoskopartig abgehandelt wird.

    Eine etwas versiertere und doch erstaunlich anschauliche Auseinandersetzung mit Zufall und Wahrscheinlickeit ist jetzt im Buchhandel erhältlich: Das Buch des amerikanischen Physikers und Autors Leonard Mlodinow Wenn Gott würfelt. Der Titel ist der berühmten Behauptung Einsteins entlehnt, Gott täte eben dies nicht. Mlodinow hingegen ist überzeugt, dass sich viele Prozesse dem menschlichen Einfluss und Verstehen entziehen, weil sie das Resultat einer unüberschaubaren Menge an Faktoren sind. Er ist der Meinung, die Realität sei ein „Bild, das durch die randomisierenden Auswirkungen unberechenbarer oder flukturierender äußerer Kräfte verschleiert wird.“ In seinem Buch möchte er diesen Schleier für den Leser lüften.

    Auf den Spuren des Zufalls


    Zunächst begibt er sich dazu auf eine historische Spurensuche. Er macht überall dort Halt, wo kluge Köpfe dem Zufall auf die Schliche gekommen sind. Dabei schreibt er so etwas wie eine Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung, in der berühmte Namen wie Cadano, Galilei, Pascal, Gauß und Einstein auftauchen. Dabei stellt sich heraus, dass viele große Entdeckungen und Fortschritte in der Mathematik wie die Infinitesimalrechnung oder auch die Statistik aus dem Wunsch entstanden, den Zufall berechenbarer zu machen.

    Mlodinow verschafft dem Leser einen unterhaltsamen Einblick in mathematische Paradigmen wie den Stichprobenraum und das Punkteproblem, zumeist verpackt in blumig formulierte Anekdoten aus dem Leben der genannten Mathematik-Pioniere. Immer wieder schlüsselt er dabei jüngere Geschehnisse im Lichte dieser Erkenntnisse auf.

    Vielen bereits hinlänglich bekannt dürfte das so genannte Ziegenproblem sein: Bei der amerikanischen Gameshow-Variante von „Geh auf's Ganze“ bekommt die Kandidatin drei Tore zur Auswahl. Hinter zwei Toren befindet sich eine Ziege, hinter dem dritten ein teurer Sportwagen. Die Kandidatin entscheidet sich für eines der Tore. Der Moderator nimmt nun seinerseits eines der Tore aus dem Spiel und fragt die Kandidatin, ob sie ihre Entscheidung noch einmal überdenken möchte. Die Frage lautet: Verbessert die Kandidatin ihre Gewinnchancen, wenn sie sich für ein anderes Tor entscheidet? Die verblüffende Antwort: Ja! Und wenn Mlodinow dem Leser dann erklärt warum, merkt der bei jeder Zeile, dass da jemand schreibt, der sich mit der Materie bestens auskennt. Und plötzlich liegt die Lösung zu dem Problem näher als gedacht.

    Vieles bleibt dem Zufall überlassen


    Zweifelsohne soll der bisweilen respektlose Umgang mit den Biographien der Großdenker diese Männer nicht ins Lächerliche ziehen, sondern das Menscheln soll das Interesse des Lesers wecken und steht so ganz im Dienst der Sache. Denn Mlodinow ist ein Aufklärer. Er ist der Überzeugung, dass Kenntnis der Wahrscheinlichkeitstheorie in der Lage ist, seinen Eigner vor manchen großen Dummheiten zu bewahren. Vor allem ist Mlodinows Buch der Versuch, Menschen auszureden, in rein zufälligen Ereignissen die Handschrift des Schicksals zu erkennen.

    Das Buch ist durchdrungen von einem im Grunde hyperrationalistischen Geist. Rational ist hier nicht, wer stets eine kausale Erklärung für bestimmte Ereignisse sucht, sondern wer die Macht des Zufalls anerkennt. Nach Mlodinow ist der Stellvertreter Gottes der Zufall, nicht das Schicksal. In den letzten zwei Kapiteln, deren Fokus auf dem Wirken des Zufalls in der heutigen Welt liegt, macht er immer wieder deutlich, dass Vieles, etwa der überwältigende Erfolg eines Geschäftsmannes wie Bill Gates, sehr viel stärker vom Zufall als von Talent und Fleiß abhängt.

    Am spannendsten sind Mlodinows Ausführungen immer dann, wenn er trockene Mathematik entstaubt, indem er sie auf die Alltagswelt anwendet, in bisweilen äußerst phantasievoller und überraschender Manier. So gibt er an einer Stelle das Beispiel von fünf CEOs, deren durchschnittliche Erfolgswahrscheinlichkeit, das heißt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Arbeit von Erfolg gekrönt wird, bei sechzig Prozent liegt. Er rechnet anschließend vor, dass selbst bei diesen fünf CEOs innerhalb einer Fünfjahresfrist die Wahrscheinlichkeit bei kümmerlichen 33 Prozent liegt, dass die tatsächliche Leistung eines dieser CEOs der erwarteten Rate entspricht.

    In einer Zeit, in der Erfolg vor allem zählbar sein muss, liest sich der von Mlodinow daraus abgeleitete Appell angenehm anachronistisch. Mit den Worten des Mathematikers Bernoulli rät er: „Man sollte menschliche Handlungen nicht nach ihren Resultaten beurteilen.“

     

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