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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 12:32

    A. Soboczynski: Die schonende Abwehr verliebter Frauen

    12.02.2009

    Oder: Die Kunst der Verstellung

    Ein Buch, das (so frau nicht dem eigenen Geschlecht zugewandt ist) qua Titel über die Hälfte der Menschheit ausschließt – wer braucht denn sowas? Ich. Der Titel klingt so vielversprechend, dass meine Abwehr vor der Neugier die Waffen streckt. Und ich bin eine Frau. Von ANETTE CHRISTINE HOCH

     

    Die Covergestaltung verdeutlicht, worum es in dem Werk geht: um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Neben dem Autorennamen, in schwarz, lehnt lässig die Silhouette eines gutgekleideten Mannes. Die Titelzeilen, von der Figur einer attraktiven, langhaarigen und stöckelbeschuhten Eva geziert, glitzern in silber. Sehr ansprechend, das Design. Für Archetypisches bin ich gerade sehr zu haben. Ich bin nämlich eine verliebte Frau.

    Beim Blick auf Seite drei folgt Absolution: Es gibt einen Untertitel, der die andere Hälfte der Menschheit wieder einschließt. Also auch mich. Nicht nur „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“ heißt es da, sondern auch „Die Kunst der Verstellung“. Und in der Vorrede wendet sich Adam Soboczynski ausdrücklich nicht nur an den „geschätzten Leser“, sondern auch an die „geschätzte Leserin“. Glück gehabt. Denn es wäre schade, wenn frau das Buch nicht lesen würde.

    "Schrecklich die Qual zu lieben..."

    Mit seinem vermeintlichen Liebesratgeber besetzt Soboczynski nämlich eine Nische, die seit mehr als zwei Jahrhunderten, genauer: seit 1788, unbesetzt ist. Damals postulierte es Adolph Freiherr von Knigge in seinem Werk Über den Umgang mit Menschen so: „Groß ist die Verlegenheit für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden und Liebe nicht erwidern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage dessen, der für grenzenlose, treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. - Wer gegen dies alles sichere Mittel weiß, der hat den Stein der Weisen gefunden.“

    Ob er den Stein der Weisen gefunden hat, vermag ich nicht zu sagen. (Schließlich hat Herr Soboczynski seine schonende Abwehr nicht an mir ausprobiert, und so kann ich weder von Erfolg noch von Misserfolg berichten.) Aber ein hinreißendes Buch hat er geschrieben: raffiniert konzipiert, elegant, überraschend und gleichzeitig unendlich tiefsinnig. Soboczynski zückt die Feder und skizziert in der Sprache der Literaten des 18. Jahrhunderts die Kaste der postmodernen Mittdreißiger des 21. Jahrhunderts, die in deutschen Großstädten ihrer emotionalen Wallungen Herr und Herrin zu werden suchen. Und genau hier liegt die Stärke des Buchs: Geht es doch nicht einzig um die Wallungen, die Amors Pfeil auslöst. Nein, Situationen wie Lästern in der Chefetage, Unsicherheit beim Einstellungsgespräch oder versehentliches Auskippen von Riesling auf der Bluse der Verlagsleitergattin werden ebenso thematisiert wie der jäh ausgebrochene Verliebtheitsrausch auf der Party und das nicht minder jäh unterbrochene Schäferstündchen auf der Professorencouch.

    Subtile Verwebung

    Dabei ist auch die Konzeption des Buchs bestechend. Mag man zuerst davon ausgehen, dass die 33 Kapitel nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, stellt man im Laufe der (linearen!) Lektüre fest, dass die einzelnen Abschnitte mit so farbigen Überschriften wie „Moralische Entrüstung bekunden“ oder „Mit der eigenen Kompliziertheit kokettieren“ subtil miteinander verwoben sind. Vom wilden Durcheinanderlesen sei dringend abgeraten: das Lesevergnügen würde deutlich geschmälert. Obwohl immer noch eine ganze Menge davon übrig bliebe.
    So etwa Adam Soboczynskis wunderbar poetische, hintersinnige Sprache mit den leuchtenden Bildern. Ihre Ausdruckskraft trifft über den kleinen Umweg durchs Hirn mitten ins Herz. Jedenfalls in meins. Würde der Autor die Gelben Seiten umschreiben, ich wäre die erste, die das Oeuvre für den Pulitzer-Preis vorschlagen würde.

    Die Beobachtungen des Herrn Soboczynski zeugen von Weltwissen. Soboscynski, der Axel-Springer-preisgekrönte ZEITmagazin-Redakteur, hat viel gesehen, viel gehört – und aufmerksam wahrgenommen. Vielleicht aus der Position des Außenseiters? Sicher aus der Position des Außenseiters. Nur Außenseiter haben den klaren, unverstellten Blick. Von Anfang an führt er ihnen unerbittlich vor Augen, dass sie anders sind und niemals dazugehören werden. Dass ihnen aber, wenn sie diese Position als Chance begreifen, den Aufstieg vom Außenseiter zum Tonangeber gelingen kann.

    Soboscynski, Jahrgang 1975, stammt aus Polen, als Sechsjähriger kam er nach Deutschland. Als vor zwei Jahren sein Buchdebut „Polski Tango“ erschien, in dem er sich mit seiner Herkunft auseinandersetzte, beschrieb er in einem Interview seine Identität in Deutschland so: „Auch wenn du vor 25 Jahren hier angekommen bist, bleibst du der Pole. Und irgendwann habe ich mir gesagt: Vertritt diese Position mal offensiv.“

    Das hat er mit seiner schonenden Abwehr erneut getan. Den explizit polnischen Blick hat er zwar diesmal weggelassen, doch die Außenposition ist geblieben, wenn auch weniger offensiv als elegant. Das Werk in die Kategorie „Lebenshilfe“ oder gar „Ratgeber“ einzusortieren, wäre angesichts des subtil-machiavellistischen Untertons („Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist.“) ein stilistischer Affront. Doch ist es ein lebenshelfendes, ratgebendes, wunderbar weises Buch für alle Situationen.


    Pardon: für fast alle. In meinem Fall würde Herrn Soboczynskis schonende Abwehr vermutlich nicht allzu weit reichen. Im Gegenteil: je mehr er abwehrte, desto mehr würde ich fordern. Nämlich einen zweiten Band. Schließlich ist Verliebtsein ein so herrlicher Zustand – selbst im Stadium schonenden Abgelehntwerdens!

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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