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    Donnerstag, 17. August 2017 | 03:58

    Behl/Gerberding: Literarische Grandhotels der Schweiz

    27.11.2008

    Auf dem Zauberberg

    Silke Behl und Eva Gerberding führen in die Kultur des Schweizer Grandhotels ein: Amüsant und hochliterarisch, zuweilen aber auch etwas bieder. Von SEBASTIAN KARNATZ    

     

    Das Europa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: jene Kultur, die über nationalstaatliche Grenzen hinweg Geist und Kapital verband, Politiker, Industrielle, Dichter, Musiker und Maler aus Deutschland, Russland, Großbritannien, Italien – aus allen Teilen des Kontinents und noch weit darüber hinaus. Eine Kultur, die längst untergegangen ist, die durch die Verheerungen zweier Weltkriege buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht wurde. Entdeckungsreisen in diese Vergangenheit wie Thomas Manns Zauberberg oder Stefan Zweigs durchaus programmatisch betitelte autobiographische Erinnerungsschrift Die Welt von Gestern machen immer wieder an diesem Ort Halt, der wie kein anderer die Früchte jener hoch zivilisierten Kulturwelt verkörperte: Das Hotel war der Kulminationspunkt jener wahrhaft europäischen Gesellschaft. Das Grandhotel versprach Luxus und Dekadenz, war Sammelbecken für Geistes- und Genussmenschen verschiedenster Prägungen und Schauplatz von Verschwörungen, Verbrüderungen, Verliebtheiten und Verbrechen.

    Kein Land des alten Europas kann dabei auf traditionsreichere und imposantere Grandhotels zurückschauen als die kleine Alpenrepublik Schweiz. Richard Wagner, Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Leo Tolstoj, Mark Twain – die Liste prominenter Hotelgänger ließe sich nahezu unbegrenzt fortsetzen. Eine Geschichte des Grandhotels in der unabhängigen Schweiz ist somit gleichzeitig auch immer eine Geschichte des europäischen Geistes in seiner Vorkriegs- und kurzen Zwischenkriegsblüte.

    Mehr Klatsch!

    Dass sich die beiden Journalistinnen Silke Behl und Eva Gerberding nun aufgemacht haben, jener alten Hotelkultur nachzuspüren und ihre Fährte bis in die Gegenwart – also bis zu Autoren wie Martin Suter oder John le Carré zu verfolgen – zu verfolgen, ist sicherlich ein mehr als verdienstvolles Unterfangen. Sie besuchen Hotels in Zürich, Bern, Basel, Montreux, Davos und vielen anderen Schweizer Städten und erzählen die untrennbar mit ihnen verbundenen Geschichten.

    Naturgemäß wimmelt es da vor seltsamen Gestalten, vor auf hohem Niveau Gescheiterten, den Rastlosen und Unsteten. So wird Literarische Grandhotels in der Schweiz auch zu einem mit vielen Abbildungen visuell anregend gestalteten Klatschblatt für Kunstinteressierte. Dabei bleiben die beiden Autorinnen jedoch oft überraschend diskret. Literarischer Voyeurismus ist ihre Sache eher nicht. Ein wenig enttäuscht dies den nach Klatsch und Tratsch dürstenden Leser schon – etwas weniger Schweizer Noblesse hätte dem Lesevergnügen durchaus gut getan. Dass Thomas Mann – zumindest gefühlt – in nahezu jedem Grandhotel der Schweiz schon einmal residiert hat und Sils-Maria bis heute ein Wallfahrtsort für Nietzsche-Jünger ist, dürfte den meisten schließlich schon vorher bewusst gewesen sein.

    Mit Tolstoj in die Schweiz

    Was den Band jedoch zu einer durchaus anregenden Lektüre macht, ist der reiche Fundus an literarischen Zitaten. Behl und Gerberding halten sich hier angenehm zurück und überlassen die Schilderung des Mikrokosmos „Hotel“, wo es möglich ist, lieber ihren Protagonisten selbst. Und wer könnte die eigenartige Grandhotel-Stimmung besser einfangen als ein Meister der subtil-bösartigen Beobachtung wie Leo Tolstoj?

    „Überall schimmerten schneeweiße Spitzen, schneeweiße Kragen, schneeweiße echte und falsche Zähne und schneeweiße Gesichter und Hände. Doch die Gesichter, von denen viele auffallend schön sind, drücken nur das Bewußtsein des eigenen Wohlbehagens aus und einen vollständigen Mangel an Interesse für alles, was sie umgibt und sie nicht unmittelbar berührt.“

    Doch nicht nur über große Literatur aus dem kleinen Hotel gibt uns dieser literarische Führer Auskunft, sondern auch über die geradewegs utopischen Versuche cleverer Hoteliers die wilde Natur der Schweiz zu zähmen. Staunend lesen wir von Hotels auf einsamen Inseln, in schroffen Berglandschaften und in bäuerlichen Vorzeigeidyllen. So schaffen es die beiden Autorinnen ganz nebenbei, den Lesern einen ersten Einblick in die jüngere Kulturgeschichte der Schweiz zu geben.

    Die umfangreiche Liste der eingearbeiteten Literatur gibt den Neugieriggewordenen einige literarische Kostbarkeiten zur Vertiefung mit auf den Weg. Warum allerdings Cordula Segers literaturwissenschaftliche Standardarbeit zum Hotel als Schauplatz der Literatur (Cordula Seger: Grand Hotel. Schauplatz der Literatur, Böhlau Verlag, Köln, Weimar 2005) mit keinem Wort erwähnt wird, bleibt das Geheimnis der Autorinnen. Ein überwiegend gelungene Einführung in die faszinierende Hotelkultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist „Grandhotels der Schweiz“ jedoch trotz allem geworden.

     

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