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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 09:57

    Trinkkulturen in Europa

    23.10.2008

    Die (vergehende) Lust am Geschlürf

    Den Anhang eines Buches kann man durchaus als Stiefkind des Lesers betrachten. Auch ich ignoriere sie, wo es nur geht. Bei der Lektüre von Trinkkulturen in Europa habe ich jedoch meine ganze Konzentration nur auf den Anhang gelegt. Warum? Ich wollte dem Buch quasi durch die Hintertüre ans Schlafittchen, ans Eingemachte. Außerdem verbreitete das Inhaltsverzeichnis so viel Langeweile...
    Eine (Herab-)Würdigung von CHRISTOPH POLLMANN

     

    Oder geht Ihnen etwa bei so etwas das Herz auf? Es zieht sich wohl eher der Magen zusammen: "Zur historischen Topographie des Trinkens". Können Sie sich das überhaupt vorstellen? So viele große Wörter. "Historisch" - wo fängt das an, wo hört sich das auf? Und wie sieht so eine Topographie des Trinkens wohl aus? Ja, was ist denn dieses numinose "Trinken" überhaupt? Ein Aufwurf von Fragen. Dabei wäre es so einfach gewesen: "Wie in Europa einst gebechert wurde" z.B.
    Der nächste Schock: Der Verfasser braucht für seinen enzyklopädisch klingenden Artikel gerade mal 22 Seiten. Ganz Europa, alle Jahrhunderte, die vielen Flaschen! In diesem Moment begann es in mir zu kriseln. Ich musste wissen, wer dieser Autor war, bevor ich seinen Artikel las. Und so grabbelte ich mich zu eben jenem Anhang durch, wo ich auf die Kurzvita traf.

    Fiat Hirn-Lux!


    Der Verfasser des Aufsatzes, Hasso Spode, so stand dort geschrieben, ist Herausgeber von "Social History of Alcohol and Drugs" UND von "Voyage. Jahrbuch für Reise und Tourismusforschung". Und hastenichgesehen! war mir klar, wie sich so eine "Topographie des Trinkens" zusammenbraut, wenn man ein reisefreudiger Suchtgeschichtler wie Hasso Spode ist. (Lesenswerter wurde der Artikel durch diese Einsicht jedoch nicht. Anm. d. Verf.)
    Dann blätterte ich in den nächsten Aufsatz: "Freue dich und trinke wohl". Das klang vernünftig. Doch die Überschrift zerrupfte den Vorschusslorbeer schnell: "Der 7000 Jahre lange Weg der Weinkultur vom Ararat bis in das Saale-Unstrut-Gebiet." Hier Ararat, da Saale-Unstut, hier die Arche Noah und sündige Fluten, da Autor Epperlein und saurer Wein. Nee, so wurde das nichts mit meiner Leselust.
    Okay, noch ein letzter Anlauf. Ein Aufsatz über Sauflieder. (Ein wenig jubiliert da schon mein lutheranisches Seelchen.) Die Argumentation für die Notwendigkeit eines solchen Beitrages fiel dann auch dementsprechend aus:

    "Jedermann bekannt ist die Tatsache, dass angetrunkene Menschen und Gruppen gerne singen. Und so darf ein Beitrag über Trink- und Sauflieder im Wandel der Zeiten natürlich nicht fehlen."

    Von naivster Schlüssigkeit! Der Beitrag wurde von Gerriet Schröder verfasst. Und dessen Kurzvita lässt zwischen den Zeilen wirklich noch einige Luft für Komik:

    "Geb. 1959, Studium der Sozialwissenschaften in Hannover, Mitglied im Forschungs- und Doktorandenkolloquium "Europäische Trinkkulturen" an der Hochschule Magdeburg-Stendal, bis 1996 wiss. Referent beim deutschen Bundestag, seit 1996 politischer Referent der AOK Sachsen-Anhalt."

    Überhaupt die einzelnen Biographien!

    Und spätestens da las ich mich im Anhang fest und ignorierte den Rest weitestgehend. Professor Lück beispielsweise ("Trinken als rechtliches Ritual") schrieb doch tatsächlich in seine Vita, welche Rufe an welche Universitäten er abgelehnt hat. Und das nur, um dann einen gähnertreibenden Beitrag zu verfassen, der überdies noch einer der längsten dieses Bandes ist. Das gilt übrigens auch für seine Vita: lang und eitel.
    Fernerhin erfahren wir, dass ein Autor (Karl Wassenberg) über "Tee in Ostfriesland" promovierte und Leiter des "Deutschen Archivs für Temperenz- und Abstinenzliteratur" war. Verliert man da nicht ein wenig die Achtung, also den kärglichen Rest von Achtung vor dem Akademischen? Aber zum Glück schreibt da ja noch ein Braumeister. Man freut sich auf ein wenig echtmenschliche Kernigkeit. Aber sein Beitrag über Bierkultur endet dann fußnoten- und kommentarlos in völliger braumeisterlicher Einfalt mit der Sentenz:

    "Wer für Bier sorgt, ist ein Arzt des Menschen, ein Erhalter des Menschen, ihr erster Wohltäter. Er erquickt den Müden, labet den Durstigen, erfreuet den Wanderer auf seiner langen Reise ins Leben."

    So geht´s nun aber wirklich nicht, Herr Wildhagen, bei allem bierdöseligen Verständnis!
    Der Nächste: ein Brauereigeschäftsführer. Schreibt ähnlich affirmativ wie unser Braumeister, nur mit noch schöneren Stilblüten, z.B.: "Wir beheimaten ca. 1.280 Brauereien die rund 5.000 Biere produzieren, wobei Bayern und Köln als Biermetropolen gelten."
    Dem schreibenden Herrn August widerfährt auch die Ehre, den Satz: "Den Römern galt Bier als barbarisches Getränk" zum insgesamt vierten Mal in diesem Buch wiederholen zu dürfen. Oder das hier: "Auch Frauen, die sich normalerweise nicht mit dem herben Biergeschmack anfreunden können, gehören zu den Hauptkonsumenten." Oder jenes: "Die trendbewusste Jugend fühlt sich der Traditionspflege nicht sehr verbunden."
    Der ganze Beitrag steht in seiner Broschürenhaftigkeit der schreiberischen (Fehl-)Leistung eines Michael Domsgen in nichts nach. Der schafft es nämlich unterhalb eines Facharbeit-Niveaus zu arbeiten, ein Schulaufsatz mit dünnem Professorenbärtchen.
    Es erscheinen noch Dieter Hanisch, ein Zahnarzt und Winzer, der in den Orden der europäischen Weinritter aufgenommen wurde, den ORDO EQUESTRIS VINI EUROPAE sowie Prof. Gussek. Dessen Vita kommt so daher:

    "Nach blühendem Aufwuchs in der freien ostpreußischen Natur 1945 ungewollt von Nazigrößen heim ins Reich nach Mecklenburg expediert. Nach handgreiflichen Tätigkeiten als Kuhhirte, Fischer, Waldarbeiter u.a. für 4 Jahre bis 1950 in Väterchen Stalins Pensionen gelandet."

    Was er dann in seinem Beitrag zu den "Trinkkulturen Europas" geschrieben hat, klingt ähnlich quasig.

    Der faule Apfel fällt nicht weit vom morschen Stamm

    Der beflissene Tonfall der Anthologie bei gleichzeitiger Produktion von unterem Mittelmaß hat etwas Ungenießbares an sich. Akademisch? Sicher! Langweilig? Klar! Mittelmaß? Gerne!
    Ich hätte es eigentlich früher wissen müssen, der Herausgeber Rüdiger Fiekentscher schließt das Vorwort des gerade mal 200 Seiten starken Buches nämlich bereits mit einer völlig verkork(s)ten Quintessenz:

    "Die Beiträge geben somit einen eindrucksvollen Überblick über die Vielfalt, mit der in Europa während vieler Jahrhunderte und über Ländergrenzen hinweg alkoholische Getränke genossen wurden."

    Hier sieht man es schon: das Wollen ohne das dazugehörende Können. Der Herausgeber bietet schon keine glorreiche Leistung in seiner Zusammensetzung der Autorenschaft, aber dass Lektor und Verleger das auch noch zugelassen haben!
    Statt also das kultivierte Trinkerhirn durch diesen Band historisch strukturiert zu bekommen, (man erhofft sich ja kenntnisreiche Alkohol-Exkurse quer durch den alten Kontinent) kommt man aus dem Sich-Wundern und Kopfschütteln nicht mehr heraus. Sagen wir es gerade heraus: Über dieses Buch wird einem der beste Wein schal. Es nimmt einem geradezu die Lust an jeglichem Geschlürf.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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