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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 02:39

    Andreas Kossert: Kalte Heimat

    14.08.2008

    Interne Revision eines beschönigenden Mythos

    Die Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen nach 1945 ist noch nie so detailliert und umfassend beschriebenen worden - wie jetzt in Andreas Kosserts Kalte Heimat. Der 37-jährige Historiker, der in Warschau am Deutschen Historischen Institut arbeitet, hat damit viele Legenden zerstört und eine peinliche deutsche Geschichtsepoche dokumentiert.

    Überlegungen zu Andreas Kosserts neuem Buch von WOLFRAM SCHÜTTE.

     

    Wer heute – wie der Rezensent – in einem Alter ist, das ihn die Nachkriegszeit des 2. Weltkriegs noch als Kind miterleben ließ, wird sich vielleicht erinnern (obwohl er es lange vergessen oder verdrängt hatte), dass er als „Einheimischer“ von den Eltern angehalten wurde, nicht mit den „Flüchtlingskindern“ zu spielen und die Anverwandten häufig abfällig, wenn nicht sogar hasserfüllt von den „Fremden“ sprachen und später erst recht auf sie schimpften, als die „Flüchtlinge“ in den „Genuss“ des „Lastenausgleichs“ kamen. Hatte man aber als Schüler Freundschaft mit Klassenkameraden geschlossen, die nicht „von hier stammten“, war man wiederum oft erstaunt, wenn man in deren Familie kam, sei´s über die „Devotheit“ dieser mit einem fremden Dialekteinschlag sprechenden Menschen, sei´s über die Strenge und Religiosität, die in diesen Familien noch herrschte. Später dann, als die „Landsmannschaften“ und deren Funktionäre in der bundesdeutschen Öffentlichkeit lautstark Akzente setzten, die allein schon durch die Trachtenaufzüge an „Blut & Boden der Nazis“ anknüpften und politische Forderungen nach „Rückgabe der deutschen Ostgebiete“ erhoben, die den bipolaren Statusquo des „Kalten Kriegs“ rhetorisch in Frage stellten, traten die „Vertriebenen-Verbände“ mit ihrem „folkloristischen Brimborium“ als Sammelbecken der „Ewig-Gestrigen“ auf – umso mehr, als ihre „revanchistischen“ Separatforderungen als Opfer der Vertreibung ein hartnäckiges Schweigen über die vorausgegangenen deutschen Verbrechen einschloss und viele ihrer Wortführer und politischen Sympathisanten eine unwiderrufene „braune Vergangenheit“ besaßen, die sprachlich und gedanklich bei ihnen immer wieder durchschlug.

    Zuletzt artikulierte sich deren harter Kern noch einmal bedrohlich-aggressiv (ähnlich wie heute die orthodoxen israelischen Siedler in den besetzten Gebieten) gegen die historisch längst überfällige „neue Ostpolitik“ der sozial-liberalen Regierung Brandt-Scheel, deren endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze aber von der mittlerweile überwältigenden Mehrheit der Westdeutschen, also auch der großen Mehrheit der hier heimisch gewordenen Heimatvertriebenen mit Zustimmung getragen wurde. Danach wurde es still um die Verbände.
    Erst der Zerfall des kommunistischen Ostblocks und die Vereinigung Deutschlands hat bei einer radikalen Minderheit von Heimatvertriebenen erneut juristisch zweifelhafte Restitutions- oder Wiedergutmachungsbegehren zur Folge gehabt („Preußische Treuhand“); und das von der Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach u.a. geforderte „Zentrum gegen Vertreibung“ steht dadurch wiederum im Verdacht, den deutschen Vertriebenen eine ahistorische Sonderstellung als „Opfer des 2. Weltkriegs“ zusprechen zu wollen.

    Wer also Zeitgenosse dieser historischen Entwicklung war, wird nun durch das Buch Kalte Heimat des 1970 geborenen, am Deutschen Historischen Institut in Warschau (!) arbeitenden Andreas Kossert auf das Vielfältigste & Erstaunlichste bewegt, ja sogar erschüttert werden. Denn die „Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ ist wohl noch nie so materialreich – in historischen Bild- & Schriftzeugnissen – dokumentiert und wohl auch nicht mit solcher sachlicher Empathie dargestellt worden wie hier. Kosserts Kalte Heimat entdeckt die (emotionale) Unterseite einer kollektiven Tragödie, die zwar mit Flucht und Vertreibung für die Betroffenen begann, sich aber unter den eigenen Landsleute aufs Beschämenste fortsetzte und entfaltete.

    Wahrscheinlich mussten wirklich 60 Jahre der gesamtdeutschen Geschichte vergehen und vielleicht bedurfte es eines Nachgeborenen wie dieses 37-jährigen Historikers, der in Warschau lebt, um diesen von den deutschen Nachkriegszeiten mehrfach verzerrten und zerklüfteten Teil der Nationalgeschichte so darzustellen, dass er dem Leid und der Trauer der 14 Millionen aus Ost-Mitteleuropa Vertriebenen gerecht wird, ohne weiterhin im Verdacht zu stehen, mit revanchistischem Öl das historisch lokalisierte Feuer durch die noch einmal detailliert erweckte Erinnerung zum Nachlodern zu bringen. Unmissverständlich benennt Andreas Kossert die Ursachen der Tragödie der Vertreibungen (& der Zwangsumsiedlungen in Finnland, Polen, Ungarn und Italien) im Angriffs-, Eroberungs- & Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands. Er weist aber am Ende seines Buches auch darauf hin, dass es heute die Nachkommen der einst Vertriebenen und Geflüchteten sind, die auf privater Ebene über nostalgische Reminiszenzen hinaus „millionenfach Kontakte unterhalten und für Versöhnung eintreten durch ihre Initiativen in der alten Heimat“, die dort willkommen sind. Die ehemaligen Heimatvertriebenen sind es, welche die einseitige Orientierung nach dem Westen & Süden Europas, die in Deutschland vorherrschend ist, durch den wahrnehmenden Blick nach dem Osten Europas ein wenig korrigieren. So wirkt alte Geschichte heute noch nach.

    Wenn man die mit deutschen Siedlungen und Siedlungsgebieten gesprenkelte Doppelseite Osteuropas bis zur russischen Wolga und der ukrainischen Krim betrachtet, die auf den ersten Innenseiten des Buches die verlorenen Heimaten der deutschen Flüchtlinge lokalisieren, entsteht unwillkürlich die Assoziation an die ähnlich weit in diesem geografischen Raum verstreuten Siedlungen des osteuropäischen Judentums: eine singuläre Parallele mit unheimlichen Konsequenzen. Wer von den der Vernichtung durch die Deutschen entgangenen osteuropäischen Juden nach Kriegsende in den Westen fliehen konnte, wurde von den Westalliierten „Displaced Person“ (DP) genannt. Auch die DPs hatten ihre zuerst von den Deutschen, dann von den Kriegshandlungen zerstörte Heimat auf immer verloren: mehr noch aber auch durch Mord die überwiegende Mehrzahl ihrer Angehörigen und Freunde. Die Entgangenen & Überlebenden mussten in der absoluten Fremde, sei´s unter ihren Mördern und deren Kollaborateuren in Europa oder in Palästina einen neuen Lebensort suchen. Die vor der Roten Armee geflohenen oder nach dem Kriegsende, aufgrund der Potsdamer Beschlüsse der Siegermächte, ohne Hab & Gut vertriebenen östlichen Auslandsdeutschen konnten wenigstens in dem verbliebenen Kernland Aufnahme finden: unter ihresgleichen Landsleuten.

    Ihresgleichen? Mitnichten.

    Überwiegend von den Alliierten in ländliche Gegenden zwangsverwiesen, als Gruppen bewusst (vor allem von den Amerikanern) auseinandergerissen – um ein aufstandsfähiges Zusammenballungspotential zu verhindern -, wurden sie als „Gesocks“, „Pollacken“ oder „Russenpack“ zu „Volkfremden“ von den einheimischen Deutschen stigmatisiert, die – wie aus Eingaben der Ansässigen vielfach belegt – „drohten, unseren angestammten nordischen Charakter auszulöschen“ und ob ihr „Blut rein“ sei, stehe doch sehr „in Frage“. Es waren für die Ortsansässigen „Fremde“ in jeglicher Hinsicht: kulturell, sprachlich und religiös, welche in das jeweils protestantisch oder katholisch homogen gebliebene Westdeutschland kamen – wie später die südeuropäischen „Gastarbeiter“ & jüngst die muslimischen Türken.

    Die außerhalb der zerbombten (Groß-) Städte weitgehend von der Kriegswalze Verschonten artikulierten das Selbstbewusstsein einer nazistisch verseuchten „Volksgemeinschaft“ der Ansässigen, die jetzt erst mit den Folgen des verlorenen Krieges konfrontiert wurden und sich durch eine brutale Volks-Gemeinheit gegen die aussätzigen „Flüchtlinge“ zur Wehr setzten, die überwiegend in Barackenlager gepfercht wurden. Nicht wenige der Bauern entzogen sich trickreich und verschlagen der Zwangseinweisung von Vertriebenen, welche oft erst von den „Besatzern“ mit Militärmacht erzwungen werden musste.

    Standen die heimatlos gewordenen DPs noch unter dem Schutz der Alliierten, so waren die deutschen Vertriebenen aber schutzlos dem Hass, der Verachtung und der Aggressivität ihrer deutschen Landsleute ausgesetzt. Mit kaum verhohlenem Abscheu blickten vor allem die Briten auf das „Herrenvolk“ und dessen „unfairen“, „unsolidarischem“ Umgang mit seinesgleichen. Dass die 14 Millionen Vertriebenen nicht allein den deutschen Krieg verloren, sondern mehr verloren hatten als alle anderen (sogar die Ausgebombten) – nämlich auch noch ihre seit Jahrhunderten „angestammte“ Heimat und deren landsmannschaftliche Traditionskultur –, wollten die Sesshaften verdrängen. Und mit ihnen gewissermaßen auch den verlorenen Zweiten (deutsch initiierten) Weltkrieg.

    Was Andreas Kossert an Zeugnissen der fortgesetzten Menschenverachtung, Ausbeutung und Diskriminierung aus den ersten Jahren der Nachkriegszeit zusammen getragen hat, ist auf der ganzen Linie empörend und noch heute beschämend für die Deutschen. Als die Amerikaner eine deutsche Delegation nach Finnland schickten, damit sie sich ein Beispiel daran nähme, wie die Finnen den Verlust Kareliens verarbeitet hatten, erfuhren die staunenden Deutschen, dass die Finnen im Augenblick der Not und der Heimatvertreibung spontan erklärt hatten, „nun seien sie alle Karelier“ und die Bewältigung der neue Situation eines Teils ihrer Landsleute damit zur Sache aller gemacht hatten. Davon konnte in Rest-Deutschland nicht die Rede sein. So hatte die französische Besatzungsmacht sich lange Zeit erfolgreich dagegen gewehrt, in ihrem Verwaltungsbereich Vertriebene aufzunehmen, so dass im späteren Rheinland-Pfalz die wenigsten unterkamen, im britischen Schleswig-Holstein machten hingegen 1950 die Vertriebenen 33% der Bevölkerung aus.

    Sowohl von den britischen als auch amerikanischen Besatzungsmächten wie auch von der Nachkriegs-SPD im „Trizonien“ der Westmächte favorisierte Ideen einer Bodenreform, um den überwiegend bäuerlichen Vertriebenen eine selbstständige Erwerbsquelle zu geben und einen grundsätzlichen Neuanfang zu initiieren, wurden sehr schnell ad acta gelegt. Im Gegensatz zur sowjetisch besetzten Zone (der späteren DDR), wo die 4 Millionen „Vertriebenen“, die ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten, kategorisch zu „Umsiedlern“ erklärt wurden und vom enteigneten Großgrundbesitz Ackerland zur Pacht bekamen – das ihnen jedoch wieder mit der Zwangseinführung der LPGs genommen wurde, so dass sie sich erneut enteignet fühlten. Deshalb waren unter den 2 ½ Millionen DDR-Flüchtlingen, die bis zum Mauerbau 1961 in die BRD gekommen sind, noch einmal annähernd 800.000 ehemalige Vertriebene.

    „Umsiedler“ wurden sie in der DDR genannt zum einen, um die „sozialistischen Brudervölker“, aus deren Mitte sie als Minderheiten vertrieben worden waren, zu salvieren, zum anderen aber, um ihre andersgeartete zwangsweise „Heimholung ins Reich“ (wie der Nazi-Expansions-Slogan lautete) für endgültig zu erklären und alle historischen und kulturellen Verbindungen zu ihren kollektiven Vergangenheiten radikal zu kappen und jeden Versuch einer landsmannschaftlichen Vereinigung zu verbieten.

    Im Westen dagegen wurde, nach der Gründung der Bundesrepublik (& der DDR), die „deutsche Frage“, d.h. die endgültige Akzeptanz der Nachkriegsordnung in Europa, „offen gehalten“. In der „Kalten Heimat“, wie sie die Vertriebenen unter ihren Landsleuten erfuhren, rückten die “Fremden“ jeweils landsmannschaftlich zusammen, um sich und ihre Interessen (& ihre Erinnerung) kollektiv artikulieren zu können, was die Alliierten noch verboten hatten.

    Keine westdeutsche Partei hatte aber den Mut (& wahrscheinlich auch nicht die Erkenntnis), ihnen die illusorische Hoffnung auf eine mögliche Rückkehr zu rauben – umso weniger, als der „Kalte Krieg“ selbst die Alliierten-Beschlüsse von Jalta und Potsdam fraglich machte.
    Zugleich wurde aber – um das brisante politische Potenzial, das die sich organisierenden Vertriebenen für die soziale Entwicklung in der BRD bedeutete, zu pazifizieren – ein heftig umstrittenes „Lastenausgleichsgesetz“ 1952 verabschiedet, das bis 1987 (!) 31 Änderungen erfuhr.

    Es wurde finanziert durch eine minimale „Sondervermögenssteuer“, die von den durch den Krieg nicht Geschädigten erhoben wurde: zugunsten der Kriegsgeschädigten und Vertriebenen. „Der Lastenausgleich hat weder zu einer Veränderung der Sozialstruktur der Bundesrepublik geführt, was manche gewünscht und andere befürchtet hatten, noch hat er die einheimischen Vermögen angetastet. Westdeutsche Großgrundbesitzer und Bauern, Hausbesitzer und Industrielle wahrten ihren Besitz in vollem Umfang“, resümiert Kossert, der aber auch der von Neid und Missgunst befeuerten Legende entgegentritt, die „Vertriebenen seien großzügig entschädigt worden: Im Durchschnitt wurden lediglich 22% der ohnehin unterbewerteten Vermögensverluste ausgeglichen“.

    Aber dieses Startkapital sorgte dafür, dass die in den altdeutschen Tugenden erzogenen „Habenichtse“ durch Fleiß, hohes Arbeits- & Bildungsethos, Sparsamkeit, unternehmerischen Elan und Anpassungsbereitschaft zu einem Motor des „Wirtschaftswunders“ wurden und zu Eigentum und Besitz kamen. Zuerst lebten viele Heimatvertriebene in Sozialbauten und Siedlungen am Rande oder in Neubauvierteln der Städte, wo man unter sich war; im Laufe der Zeit aber löst die wachsende Integration die „alten Bande“, die von der gemeinsamen Not & Vergangenheit gestiftet worden waren und das gespannte soziale, kulturelle und politische Verhältnis zwischen Einheimischen und Vertriebenen ebnete sich ein, das Differenzbewusstsein wurde weithin durch die gemeinsame Lebens- & Arbeitserfahrungen nivelliert, so dass heute – nach dem Ende der DDR – nur noch die jüngste lebensgeschichtliche Differenzerfahrung von „Wessis“ & „Ossis“ an deren Stelle getreten ist, aber durch die innerdeutschen Migrationsbewegungen auf dem Wege zum Verschwinden ist.
    Die ökonomische Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik verdankt sich jedoch nicht zuletzt dem unerwünschten Zustrom der Heimatvertriebenen und der von den Alliierten bewusst in Kraft gesetzten Zwangseinweisung von Katholiken in protestantische Gegenden und von Protestanten in überwiegend katholische Gemeinden. So wurde die historisch gewachsene religiöse Homogenität Westdeutschlands buntscheckig aufgemischt und „die Fremden“ haben durch ihre pure „anstößige“ Anwesenheit die historische Rückständigkeit der Provinz wie ein Ferment der Moderne, das zugleich doch selbst provinziell war, aufgelöst und in einem schmerzhaften Prozess der gegenseitigen Anpassung „urbanisiert“, um nicht zu sagen: „zivilisiert“.

    Man könnte darüber spekulieren, ob die langfristige „innerdeutsche“ Integrationserfahrung nicht zugleich eine Einübung in eine weitgehend problemlosere Integration der südländischen Arbeitsemigranten und deren Nachfahren aus Italien, Jugoslawien, Griechenland und Spanien war, deren heutige gastronomische Anwesenheit selbst in den kleinsten oder abgelegensten Ortschaften der entprovinzialisierten Provinz wie selbstverständlich zum west- & teilweise auch schon zum ostdeutschen Lebensalltag gehört. Erst die religiös-kulturelle Differenz zu den muslimischen Türken, die „in der Fremde“ ihre „Identität“ zu wahren versuchen, hat diesen Prozess des Neben- & Miteinanders unterschiedlicher Herkunftskulturen in Deutschland derzeit in eine kritische Phase der problematischen Stagnation geführt. Vielleicht wäre in dieser Situation eine Reflexion hilfreich, die das Aktuelle im Spiegel der historischen Erfahrungen betrachtet, die in der Kalten Heimat dargestellt werden.

    Andreas Kossert zieht für die kulturelle Integration der Heimatvertriebenen das „Mehrphasenmodell“ des Volkskundlers Ulrich Tolksdorf heran, das „in der ersten Phase in einem regelrechten Kulturschock und dem >Sitzen auf gepackten Koffern< besteht, dem in den 1950er Jahren eine zweite Phase folgte“, der ein einsetzender Kulturkontakt entspricht, welcher sich in der dritten zum „Kulturkonflikt“ entwickelt. „Eine vierte Phase bildete die sekundäre Minderheitenbildung in den Vertriebenenverbänden sowie in der ostdeutschen Kulturarbeit. Die fünfte Phase schließlich stellt die Akkulturation dar, eine Integrationsstufe, bei der Elemente der Eigenkultur und der Fremdkultur so weit verschmolzen werden, dass eine der Umwelt angepasste Verhaltenssicherheit bei den Gruppenmitgliedern zu verzeichnen ist“. Das sei „spätestens in den 1970er Jahren“ der Fall gewesen. „Heute, so scheint es, befinden wir uns nach Ulrich Tolksdorf in der sechsten Phase, in der die punktuelle Bewahrung von Volkskultur in der postmodernen Gesellschaft im Vordergrund steht“ – womit sowohl kulinarische Wiederbelebungen (Königsberger Klopse und Schlesisches Himmelreich) als auch der sogenannte „Heimwehtourismus“ gemeint ist, ein nostalgischer Differenz-Folklorismus mithin, der einen selbst & als Gruppe emotional geschichtlich verortet.

    Wenn man als Leser von Andreas Kosserts Kalter Heimat aus diesem verwickelten und abgründigen Lektüreabenteuer wieder auftaucht, das einem das ganze Elend des monströsen & mörderischen deutschen Jahrhunderts gewissermaßen im Spiegel seiner internen Folgen vor Augen stellt, wird man um die deprimierende & skandalöse Wahrheit reicher sein, dass die Deutschen – wie man schon wusste - nicht nur ihre (Kriegs-) & Menschheits-Verbrechen jahrzehntelang verdrängt, wo nicht sogar verleugnet haben, sondern auch noch als deren ausschließliche Sündenböcke ihre Heimatvertriebenen empfangen haben und sie noch lange Zeit nach dem Krieg so traktiert und behandelt haben, wie es ihnen, als Minderheiten und ethnische Angehörige der unter größten Opfern zurückgeschlagenen deutschen „Faschisten“, in ihrer ehemaligen Heimat widerfahren wäre. Dass es ihnen aber unter ihresgleichen nicht noch schlimmer ergangen ist, als es in der Kalten Heimat dokumentiert wird, verdanken sie zuerst den Macht ausübenden und eingreifenden Alliierten und später dem „Kalten Krieg“, der an der östlichen Grenze des Westens stabile soziale und gesellschaftliche Verhältnisse favorisierte.

    So wurden die in Westdeutschland zwangsweise zusammengeführten Kriegsverlierer durch den „rheinischen Kapitalismus“ und seinen „Sozialstaat“ einige Generationen später zu den erfolgreichsten Kriegsgewinnern der europäischen Moderne – eine Dialektik der Geschichte, deren fortdauernder Preis jedoch die Deutschen im „ersten sozialistischen Staat auf deutschen Boden“ (in der DDR) bezahlen mussten.

    Andreas Kossert richtet den Blick aber auch auf die Gründe der radikalen „Modernisierung“ Westdeutschlands als einer Flucht nach vorne zur Verdrängung der schuldbelasteten Tradition und Vergangenheit. Wie die zerstörten deutschen Städte baulich-architektonisch die ruinierte Vergangenheit beseitigten – im Mahnmal der Ruine der Wilhelminischen Gedächtniskirche vor dem Hochhauskomplex des Europacenters in Berlin hat das symbolisch Ausdruck gefunden -, so hat die westdeutsche politisch-gesellschaftliche Modernisierung, genannt „Wirtschaftswunder“ , die gesamte Geschichte deutscher Siedlungen und Kulturen im Osten verdrängt, bzw. deren Erinnerung den Heimatvertriebenen überantwortet, die sie – als rückständige „Exoten“ – zu einem folkloristisch-volkskundlichen Unterpfand ihrer bodenlos gewordenen Heimat-Identität machten.

    Kossert hält nun dafür, dass die Westintegration und die „Modernisierung“ zwangsläufig auch eine Vielzahl kultureller Traditionen und historischer Eigenheiten der deutschen Minderheiten in Osteuropa preisgegeben oder obsolet gemacht hat, an die (sofern das noch möglich ist) wenigstens historisch zu erinnern, weder chauvinistisch noch revanchistisch ist. Die Vorgeschichte der meist von osteuropäischen Herrschern in ihre Länder gerufenen Deutschen und ihre Gemeinden gehören zumindest nicht zu den dunklen Momenten unserer Geschichte – wie deren tragisches Ende.

    Insofern ist die Kalte Heimat primär und wesentlich ein Revisionsprozess gegen die west- & ostdeutsche Nachkriegsgeschichte, der sich nicht nach außen wendet, sondern auf die „einheimische, innerdeutsche Mehrheitsgesellschaft“ seinen Fokus richtet und wider ihren falschen Mythos der solidarischen Integration der Vertriebenen. Andreas Kosserts warmherzige Empathie könnte erkenntnisstiftend sein für eine zuinnerst kaltherzige, egoistische, brutalisierte Gesellschaft, die erst mit der Revolte von ´68 wieder humane, weltoffene Wurzeln ausbildete. Sollte nicht sogar die große deutsche Spendenbereitschaft für Opfer von Natur- & Kriegskatastrophen weltweit in dieser eigenen Grunderfahrung seine Ursache haben?

     

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