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Dietmar Dath: Maschinenwinter

12.06.2008

Revolution für Arme

Der Titel des Buches ist so lang, dass ein mit Begriffen chronisch mangelversorgter Leser sich davon gleichermaßen angezogen wie eingeschüchtert fühlen kann. Dazu versprechen die Ankündigungen, „dass es eine politische, polemische, literarische und spekulative Phantasie darüber riskiert, wie man mit Technik Geschichte machen könnte.“
Von Tim Boson

 

Das nimmt man ja alles gerne. Eine große Plastiktüte noch dazu. Kurze Zusammenfassung vorab: Das Buch diagnostiziert ein wachsendes Gerechtigkeits- und Verteilungsdefizit in unserer Gesellschaft, auf unserem Planeten und empfiehlt als Gegenmittel einen erfahrungsbelehrten, sozusagen frisch aus dem Pit-Stop kommenden Neomarxismus/Neoleninismus.
Folgerichtig sieht Dath die Gefahr nicht in der Technik und den Maschinen, die den Menschen allmählich überflüssig machen, sondern in den Besitz-, Bestimmungs- und Machtverhältnissen, sprich deutlich: In den Herren Kapitalisten und den von ihnen diktierten Produktionsverhältnissen.

Vieles gehört besser gemacht

Das Einverständnis mit einem solchen Ansatz steht und fällt für den Leser mit der Bereitschaft, die absolut sympathische Willensbekundung in Richtung einer gerechteren Welt mit einem gedanklich eher unterbelichteten und wenig originellen Argumentationsgang einzukaufen.
Gegen die erste Intention wird niemand ernsthaft etwas einwenden können. Vieles in der Welt ist nicht schön, zurückhaltend ausgedrückt, und gehört besser gemacht. Da hat der Autor Recht. Und er soll in seinem Buch noch ziemlich oft Recht behalten. Deshalb durchzieht die Schrift zu großen Teilen ein Begrüßungshändeschütteln mit alten Bekannten der Imperialismuskritik: Von den Preise diktierenden Aldibrüdern zu den Ausgestoßenen in Südamerika. Von den dauerhaft arbeitslosen Überfünfzigjährigen zu den US-amerikanischen Ölbösewichten. Oder von den gesundheitlich unterversorgten Rentnern hin zu den Hotelbauern, die für den Tourismus die Küstenbäume abholzen, was die Folgen eines Tsunamis noch katastrophaler macht.

Eingebaute Applausmaschine

Meine Hände sind schon ganz wund vom vielen Begrüßungsschütteln, als ich endlich ahne:
1. Die Welt ist wahrlich nicht in Ordnung.
2. Die Techniken, die Maschinen, die Automation, bergen die Gefahr, den Menschen ganz überflüssig zu machen, wenn sie nicht aus den klassischen Besitzverhältnissen befreit werden.
Am auffälligsten ist hier aber zunächst die eingebaute Applausmaschine, die beinahe auch den Leser überflüssig macht. So gerate ich tief hinein in ein klassisches WG-Gespräch unter Freunden, journalistisch unterfüttert von Wikipedia und dem aktuellen Weltbesorgnisalmanach. Das ist anständig geklagt und man möchte gleich zu Bono gehen und noch einmal das Weltklima verpetzen. Oder zur Bildzeitung.

Ein Thema für Erwachsene

Ja, das Verhältnis von Mensch, Natur, Wissen und Technik wird auch kommende Zeiten stark beschäftigen. Und jeder Versuch, da Probleme zu lösen, kann nicht ganz falsch sein. Aber das ginge auch ohne den Erregungsgeruch eines WG-Kücheneimers. Und ohne so einen leninistisch vernähten Attac-Schlafanzug.
Das Thema verlangt intellektuelle Garderobe und ist für Erwachsene. Denn die große Druckstelle dieser Schrift zeigt sich in dem Versuch, ein Jahrtausendproblem (Mensch-Technik) mit einem Jahrhundertproblem (Mensch-Kapitalismus) zu einer Befreiungsstrategie zu amalgamieren.
Man muss daran erinnern, dass die Problematik der Wechselwirkung Mensch-Technik für sich genommen im 20. Jahrhundert von wirklich fähigen Denkern umfänglich angetriggert worden ist. Philosophen oder Anthropologen, die Dath in seinem Text sehr schlicht als „Heideggerschüler “ abhandelt, die „ihrem Lehrer nachsprechen, dass das Wesen des Technischen nichts Technisches ist.“ Und nachdem er diese ungenannten „Heideggerschüler“ die sich nicht erklären können, weil sie eben nicht genannt werden, ziemlich absichtsvoll als „Nachsprecher“ denunziert hat, ihnen zugleich unüberprüfbar eine recht allgemeine These in den Mund legt, nimmt derselbe Autor dann als „Sozialist“ diese These wieder auf und souffliert sie sich selbst:
„Die Technik ist also nichts Technisches, sondern etwas Soziales: Das in gesellschaftlicher Praxis gesetzte Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, von Zweck und Mittel in der Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens.“

Vom Bohren dünner Bretter

Na, siehe da! Genau da liegt aber der Hund begraben. Was soll dieses „in gesellschaftliche Praxis gesetzte Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, von Zweck und Mittel“ sein?
Ein Leser, der sich für die Problematik interessiert, vermisst dann doch Namen wie Arnold Gehlen oder Alfred Sohn Rethel oder Gotthard Günther, denen hier mit einer Mischung aus taktischem Totschweigen und philosophischer Dünnbrettbohrerei posthum ein Fußtritt verpasst wird. Denn er weiß sehr genau, dass zum Beispiel Gotthard Günther („Die Metaphysik der Maschinen“) einer, wenn nicht der wichtigste Philosoph war, dessen Lebenswerk zum großen Teil auch dem Thema Mensch-Technik, Seele-Maschine gewidmet war; der zwar Heidegger rezipiert hat, jedoch absolut nicht als Heideggerschüler, und dessen Einsichten so ganz und gar nicht auf Daths schlecht genähtes Revoluzzer-T-Shirt passen, weil er sehr plausibel auf die Austauschbarkeit von leninistisch materialistischen und idealistischen Denkpositionen aufmerksam gemacht hat, indem er sie als dialektische Tauschphänomene der (abendländischen) zweiwertigen Logik erkannte, die mit jedweder Erlösungsmetaphysik in einem (technischen) Verwindungsverhältnis stehen.
Einfacher ausgedrückt: Jede Idee, sei es eine ethische oder eine ganz praktische, kristallisiert bei uns irgendwann in harte Technik aus. Und diese Technik ersetzt nicht nur die Arbeitskraft sondern schlussendlich alles, was man dem seelischen Haushalt des Menschen zurechnet.

Verschweigen und Chargieren

Daths taktisches Verschweigen dieser Analysen, die er kennen sollte, sowie sein unklares Chargieren bei der Benutzung des Begriffs Technik als Sozialtechnik und harter Maschinentechnik, verbunden mit der Tatsache, dass sein Buch etwas über Maschinen, Menschen, Wissen und Sozialismus erzählen möchte, ohne einen Namen wie Gotthard Günther wenigstens einmal zu erwähnen oder dessen Thesen wenigstens ernsthaft zu untersuchen, lässt mich als Leser dieser Schrift dann doch vermuten, dass hier ein Büchlein etwas eilig zusammengeleimt wurde.
Nach dem Umschiffen der wichtigsten Positionen zu dieser Materie, möchte Dath die Weltverhältnisse zum Besseren wenden. Da er aber dem entscheidende Problem der zweiwertigen Ontologie und der Frage, was Technik eigentlich ist und wie Mensch und Technik miteinander interagieren, ausweicht, oder es nur kurz und eher dilettantisch abhandelt, muss sein Lösungsansatz genau so schwach und rhetorisch bleiben:
„Die Menschen müssen die Maschinen befreien, damit sie sich revanchieren können.“ Nett dialektisch formuliert das aber nur wieder ein Ping zum Pong, auf dem bald auch wieder das nächste Ping folgen wird. Das soll dann ausgerechnet mit einem erfahrungsbelehrten und neu und ganz anders praktizierten Marxismus-Leninismus bewerkstelligt werden. Umsturz der Verhältnisse. Vernünftige Planwirtschaft, Basisdemokratie etc.

Palaver unter Theoriemessis

Dath bringt dazu weitere zustimmungspflichtige Anekdoten zu den ausgerotteten Ureinwohnern Nordamerikas, legt Rosa Luxemburg auf, Karl Marx für die Saison, Befreiungsrhetorik gemixt mit neckischen Peter Hacks-Zitaten, kleinen Exkursen zu Kunst, Quantenphysik und Medientheorie dürfen auch nicht ausgelassen werden, so dass dies alles hinreicht für ein Anschluss findendes Palaver unter postmodernen Theoriemessies, geführt mit der Kunstfigur einer Darwinistin, die immer noch ein bisschen anders denkt, so dass man schließlich einen erkenntnispraktischen Leergutkasten mit Rückgabepfand in der Hand hält, der das, was in dem Buch vielleicht gesagt werden wollte, wieder aufweicht mit einem Augenzwinkern der Ambivalenzen, der Vorbehalte und Rückversicherungen.
Störend fällt auch auf, dass der Text sich andauernd in vorauseilender Verteidigung gegen mögliche Einwende abdichten will. Dass aber sowohl die möglichen Einwände als auch die Verteidigungsbewegungen oft in aller Eile und auf Viertelseiten abgehandelt werden, macht den Gang der Schrift unübersichtlich, schaumgebremst und schließlich: harmlos.
Das überall spürbare schlechte Gewissen des Autors gegenüber dem eigenen Text, bringt mich am Ende dazu, dass Ganze mehr als Surferei auf der Welle der Themen, Trends und Theorien zu empfinden, denn als selbst verantwortetes Denken. Auch wirkt das Wort „Maschinenstürmen“ irgendwie antiquiert in einer Gegenwart, in der Maschinen zunehmend auch virtuelle Maschinen sind, die nicht mehr so leicht gestürmt werden können. Früher konnte man Maschinen noch ohne Abitur kaputtschlagen, heute muss man dafür studiert haben.

Aus der Verantwortung gedreht

Schon auf Seite 12 wird deshalb vorangestellt: „Ich werde hier eine Menge ärgerlicher Fehler machen müssen, die von der grundsätzlich unaufhebbaren Unverbindlichkeit aller Äußerungen eines Solitärs herrühren; Poetenfehler, Kritikerfehler....“
Ja nu, das ist gutes postmodernes aus der Verantwortung drehen. Lieber doch keine klare Identität. Keine Verantwortung. Viele Fehler. Diese Mischung aus entschuldigendem Weichsprechen und NeoLenin macht das Buch zu einem Lehrbeispiel in Opportunismus. Und als solches sei es ausdrücklich empfohlen.
Bei den entscheidenden Fragen, nach der Art und Weise, wie der Widerstand gegen die Übel der Welt organisiert werden soll, heißt es dann auch: „Ich habe weder Platz noch Lust, noch die von den Menschen, deren Kämpfe ich zu umreißen versuche, erteilte Vollmacht, über Satzungen und Organisationsstrukturen zu spekulieren.“ Zitat: „Der morscheste Imperialismus wird nicht vergehen, wenn ihn keiner zerstört (...) und selbst das Christentum gibt auf die verzwickte theologische Frage, ob die Erlösung eher durch Glauben oder eher durch gute Werke zu erlangen sei, die vollständig richtige dialektische Antwort, man solle das eine tun und das andere nicht lassen.“
Hier fragt man sich: Wenn die eigentlich recht sinnvollen christlichen 10 Gebote bis jetzt nicht die Welt von ihren Übeln erlösen konnten, warum sollte das dann einem Neomarxismus gelingen?
Der originale Marx, oder war es Lenin, den ich wirklich nur ungern zitiere, war da zuversichtlicher: „Eine Idee wird materielle Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.“ Punkt. Nur zur Erinnerung. So klingt ein Satz, der Knack hat. Und wenn man heute schon keine Massen mehr ergreifen will, eine echte Idee wird immer gern genommen.

Streitschrift? Fehlanzeige.

Die Ideen, die heute die Massen ergreifen, heißen nicht mehr Lenin, sie heißen Handy, ebay, Samsung, Cola, Bioladen, Web20 oder sogar ethic marketing. Die Flasche Mineralwasser, die in Afrika Brunnen finanzieren hilft. Vielleicht heißen Sie sogar Dietmar Dath.
Ob das die Dinge letztlich zum Gerechteren wendet, darüber ließe sich spekulieren. Wer weiß, die GRÜNEN haben ja auch einmal klein angefangen. Diese Totalität, wie und warum aus Ideen Maschinen und Märkte werden, auch Meinungsmärkte, hätte ein Denken (nach Gotthard Günther) noch tiefer zu verstehen. Aber ein Text, der in einer immer technologischer werdenden Zivilisation den Menschen als endlich wieder souverän befreiten Akteur herbeiflüstert, ohne voraus gegangene Problemanalysen auch nur anzukratzen, will keinen Streit, sondern Applaus von der richtigen Seite. So fordert Dath also zum Duell mit blankgezogenem Zahnstocher. Streitschrift? Fehlanzeige.
Dath designt seinen Text in der Rolle des Unbehaglers und links-rechten Aufmüpfigen aus den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts mit ganz weichen Händen, und bleibt damit im Windkanal des Angesagten und Menschengerechten. Das ist redlich, liegt im Trend, macht sich gut auf dem T-Shirt, hat aber mit politischem Schreiben nichts zu tun. Das nämlich müsste heute Irritationsfähigkeit gegenüber dem eigenen Diskurs-Regime beweisen. Es müsste Eigensinn riskieren, soll heißen: einen Gedanken.

Erkenntnisfrei

Ethik-Maschine, so könnte man diesen kulturpolitischen Debattenmotor auch nennen, in dem selbst noch der so genannte Streit verschiedener Meinungen wie ein Brennstoff-Luft-Gemisch im Öffentlichkeitsvergaser gemixt wird, um den entsprechenden Kolbenhub der medialen Erregungen sicherzustellen, während Wissenschaft und Technik völlig ungerührt weitermarschieren und immer neue Wirklichkeiten, Märkte und technische Seelengefäße erbauen.
Aber von dieser Ethikmaschine mit ihrer berechenbaren und kaum irritationsfähigen Brennkammer der Ansichtssachen ist bei Dath nicht die Rede. Es kann keine befreiende Erkenntnis erlangt werden, wenn ein Text diese Maschine wieder nur beliefert, anstatt sie aufzuschließen. Wenn uns von irgendwelchen Maschinen ein Winter droht, dann von diesen erkenntnisfreien Ethikmaschinen. Solange gilt weiterhin frei nach Berthold Brecht:
Was ist ein Gespräch über Telefone gegen die Benutzung eines Telefons?
Was ist ein Buch über Penizillin gegen die Wirkung des Penizillins.
Was ist eine Meinung zur DNA gegen die Entdeckung der DNA?

Wenn ich streiten will, muss ich wohl weiter das Meerschweinchen ärgern.

Tim Boson


Dietmar Dath. Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus – eine Streitschrift. Edition Suhrkamp. 100 Seiten. 10 ¤. ISBN 978-3518260081.

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