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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:47

     

    Walter van Rossum: Die Tagesshow

    03.12.2007


    Stromlinienförmig ritualisiert


    Ein im besten Sinne aufklärendes und aufklärerisches Buch. In unserer von den Medien beherrschten Welt sollte es Pflichtlektüre sein.

     

    „Nach allem, was ich über den sogenannten Mann auf der Straße gelernt habe, seit ich als Reporterin unterwegs bin, ist die Öffentlichkeit etwas, das man nicht gern bei sich im Haus hätte, wenn es ein einzelnes menschliches Individuum wäre. Sie ist eine erbärmliche Kreatur – faul, untalentiert, treulos, egozentrisch, phlegmatisch, nicht in der Lage, sich auszudrücken, wankelmütig, übergewichtig, ohne eigene Meinung. Dazu geboren, sich an andere anzuhängen“, schreibt Gardner McKay in Toyer, einem „Psychothriller der absoluten Spitzenklasse“, wie die New York Times für einmal zu Recht meinte.

    Anders gesagt: Die wirkliche Welt ist recht deprimierend, sie interessiert journalistisch nicht. Was interessiert dann Journalisten? Das, was andere Journalisten machen, meint Walter van Rossum in seinem lesenswerten Buch Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht: „Journalisten beobachten nicht die Welt, sondern fast ausschließlich andere Medien.“ Für ihn selbst trifft das in ganz besonderem Maße zu: Er hat sich den Nachrichtenjournalismus vorgenommen.

    Bekannt ist, dass die täglichen Nachrichtensendungen hohe Einschaltquoten haben. Doch was heißt das eigentlich? Dass wir gebannt vor der Röhre sitzen, interessiert zur Kenntnis nehmen, was uns da als tageswichtig vorgeführt wird? „Um es so schlicht zu sagen, wie es ist: Quote bedeutet nichts anderes als gemessener Strom in Fernsehern, der nach den Programmen spezifiziert wird, die gerade eingeschaltet sind. Das ist alles. Quote bedeutet weder Interesse noch Zustimmung. Niemand weiß, ob vor dem laufenden Gerät überhaupt jemand sitzt. Die Quotenzählung ist in gewisser Weise ein schon fast wieder faszinierend dümmliches Instrument, um etwas so Komplexes wie Kommunikation zu erfassen. Offensichtlich genügt es, um beim Fernsehen die Preise für TV-Werbeminuten kalkulieren zu können. Darin besteht ihr tiefster, ja, ihr einziger Sinn.“

    Wirtschaftsbosse im Begleittross

    Ich selbst lasse mich regelmäßig von den Nachrichtensendungen im Fernsehen berieseln, vermag auch durchaus Quiz-Fragen beantworten (wie heißt die Moderatorin? Wie heißt der Parteivorsitzende der SPD?) und fühle mich auch irgendwie informiert, außer natürlich, wenn ich mal darüber nachdenke, was ich mir da eigentlich zumute. Da fliegt Frau Merkel zum Beispiel nach China, mit 40 Wirtschaftsbossen im Begleittross. Wundert sich da eigentlich jemand, „wie brüderlich vereint deutsche Wirtschaft und Politik in China auftreten?“
    Also ich habe mich das noch nie gefragt. Ich habe das schon so oft gesehen, dass es mir beinahe wie ein Naturgesetz vorkommt. Was es vermutlich auch ist, obwohl es doch, laut Ideologie, nicht so sein sollte.
    Nun ja, bleiben wir in der Realität: Die deutsche Delegation kommt also mit einem Wunschzettel, „der in 15 Punkten davon handelt, auf welchen Feldern und wie sich die deutsche Wirtschaft demnächst in China zu tummeln gedenkt. Von solchen Papieren ist natürlich niemals in den Tagesshows die Rede. Wenn man allerdings diese Wünsche kennt, die vom Schiffsbau bis zur chinesischen Tourismusbranche reichen, dann fragt man sich natürlich: Was gibt man den Chinesen dafür? Da werden uns die Großaufträge von Siemens und BASF als erfolgreiche Einkaufstour verkauft, doch glaubt jemand im Ernst, die Chinesen verlangten nicht – völlig zu Recht – Gegenleistungen? Nur, wie sieht das aus? Kein Wort darüber.“

    Das für mich Eindrücklichste und Bewegendste an van Rossums Buch steht auf den Seiten 184–188. Am 30. Mai 1999 flog die NATO in Serbien 772 Einsätze, ebenso waren Bodentruppen im Einsatz. „Die Liste der getroffenen Ziele ist eine der längsten in den (bisherigen) 68 Tagen der Operation Allied Forces.“ Auch die serbische Kleinstadt Varvarin, die keine strategische Bedeutung hatte, wurde beschossen. Unter den Opfern sind drei 15-jährige Mädchen, Sanja Milenkovic, Marina Jovanovic und Marijana Stojanovic. „Sanja stirbt … vor den Augen ihrer Mutter, Marijana bleibt für den Rest ihres Lebens ein Krüppel. Marina hat bis heute 40 Bombensplitter in ihrem Körper, die nicht operativ entfernt werden können. In Varvarin starben noch zehn andere Menschen, und 27 wurden schwer verletzt. Zivilisten allesamt. So sieht das Schlachtfeld des Humanitären aus der Nähe aus. Doch am Abend jenes Tages braucht Jamie Shea, der aufgeräumte Pressesprecher der NATO, noch nicht einmal achselzuckend und grinsend von Kollateralschäden zu sprechen. Das Bombardement von Varvarin ziert die Erfolgsbilanz der NATO-Angreifer und bekümmert das Oberkommando in keiner Weise – und natürlich auch die Tagesschau nicht im Geringsten.“

    Grausames wird zur Routine

    Dieses Zitat zeigt beispielhaft, wie Nachrichten auch aussehen könnten – im konkreten Benennen dessen, was unter einem Kollateralschaden zu verstehen ist. Dass sie es nicht tun, dass sie so stromlinienförmig ritualisiert daherkommen, wie wir sie kennen, hat mehr als einen Grund, doch einen ganz wesentlichen beschreibt van Rossum auf Seite 31: „Niemals werden die Tagesshows ihre Zuschauer überraschen können und nichts wollen sie weniger, denn sie verwandeln noch das grausamste und absurdeste Ereignis in Routine, begraben es im Lauf der Dinge und verheizen es in den Zusammenhängen der gerade aktuellen Tagespolitik.“

    Die Aufgabe der Tagesnachrichten ist das „Agenda-Setting“: Hier wird vorgegeben, worüber und wie wir uns, so wir denn wollen, unterhalten und austauschen sollen. Es ist van Rossums großes Verdienst, an konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie das genau funktioniert. Er tut das unter anderem indem er die Intentionen der Macher (die er befragt hat) mit den Ergebnissen ihrer Anstrengungen (der ausgestrahlten Sendung) vergleicht. Er tut das aber auch indem er darauf aufmerksam macht, was nicht gesendet wird, weil es gar nie zum Thema gemacht wird – dass also zum Beispiel der Iran (der Grenzen mit Afghanistan und Irak hat) allen Grund hat, sich vom Westen bedroht zu fühlen. Nein, van Rossum ist kein Befürworter von iranischen Atomwaffen („… es wäre in gar keinem Falle wünschenswert“, schreibt er), doch er zeigt eindrücklich auf, wie einseitig wir informiert, wie wir manipuliert werden. Dazu kommt, dass den Machern von Nachrichtensendungen selbst nicht klar scheint, dass sie so recht eigentlich meist als Propagandisten im Einsatz sind.

    Ich habe Die Tagesshow mit Gewinn gelesen. Es ist ein im besten Sinne aufklärendes und aufklärerisches Buch. In unserer von den Medien beherrschten Welt sollte es Pflichtlektüre sein.

    Hans Durrer


    Walter van Rossum: Die Tagesshow – Wie man in 15 Minten die Welt unbegreiflich macht. Kiepenheuer & Witsch 2007. 197 Seiten. 8,95 Euro.

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