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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 18:12

     

    Paul Nolte: Riskante Moderne

    15.11.2007

    Besserwisserisch und wenig innovativ
    Es entsteht der Gesamteindruck, als habe Nolte aus rein ideologischen Gründen um die eigentlichen Probleme herumgeschrieben. Schulmeisterlich bringt er all das vor, was in sein bürgerlich-liberales Schema passt, den Rest lässt er einfach weg. Er reflektiert nicht, stellt seine Ausgangsthese nicht einmal in Frage, argumentiert mit Klischees, geht nicht in die Tiefe, bringt keine originellen Beispiele und belegt auch sonst nicht viel.

     

    Wer letztes Jahr die gebundene Ausgabe von Paul Noltes Aufsatzsammlung „Riskante Moderne“ verpasst hat, der hat nun Gelegenheit, die Taschenbuchausgabe zu erstehen. Wer sich nicht von dem Foto des Autors abschrecken lässt, das den Umschlag ziert, für den erscheint der Titel erst einmal attraktiv.

    Doch schon im Vorwort versteht jeder, worum es dem Autor geht: Er möchte sich als Anwalt der Moderne sehen, der sich wieder „vorbehaltlos“ auf die Seite des Fortschritts, des Risikos, kurz: auf die Seite der Optimisten schlägt. Und er deutet die Bundestagswahl 2005 ganz symptomatisch: „Deutschland ist in zwei Lager gespalten. Nicht mehr so sehr «links» und «rechts» stehen sich gegenüber, sondern diejenigen, die mit Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft sehen, und jene anderen, die angstvoll und häufig frustriert sich an die Gegenwart klammern oder in eine bessere Vergangenheit zurücksehnen.“

    Dabei fungiert Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ als Vorlage: War dort noch die Moderne wegen ihrer technologischen Risiken kritisch und zweideutig gesehen worden, wendet sie Nolte optimistisch und nimmt sie zum Anlass, sich ihren Herausforderungen zu stellen. Ängste überwinden und forsch nach vorne gehen, so etwa lautet das bereits bekannte Motto.

    Dass die Herausforderungen insgesamt größer geworden sind und weiter zunehmen, ist freilich eine Binsenweisheit. Terror, soziale Probleme, Naturkatastrophen, teils hausgemacht, nehmen zu. Nicht mitgewachsen ist dabei nach Noltes Auffassung aber unsere Kompetenz im Umgang mit diesen Risiken. Eine „Grundmentalität des Aufschubs“ habe sich vielmehr breit gemacht: „Dennoch haben sich die Deutschen – wenigstens darin international Spitze – der Strategie der Risikovermeidung auf beispiellose Weise hingegeben.“ Und: „Die Risikogesellschaft hat sich in eine Risikovermeidungsgesellschaft verwandelt.“

    Durchdekliniert ergeben sich die Feindbilder dann scheinbar von ganz alleine: Altachtundsechziger, Grüne, natürlich die Linken und immer wieder die Fürsprecher der Postmoderne. Auch die einzelnen Felder der Krise sind recht vielfältig und werden nach und nach abgearbeitet: Demographische Katastrophe, Migration, Rentenlücke, Bildungsarmut, Gegensatz von Arm und Reich, Massenarbeitslosigkeit, Klimakatastrophe etc. Nolte jongliert mit diesen Feldern und den zugehörigen Feindbildern und erweist sich dabei mehr und mehr als unbarmherziger Systemkritiker. Als einer, der einen Rundumschlag wagt, aber leider ziemlich oberflächlich bleibt. Man könnte noch hinzufügen: Je mehr er sich echauffiert, um so mehr neigt er zur Oberflächlichkeit.

    Besonders heftig wird er, wenn es um die, seiner Meinung nach von den Deutschen missverstandene, Marktwirtschaft geht. Da kommt die von Müntefering angestoßene „Heuschrecken-Debatte“ gerade recht. In schulmeisterlicher Manier erklärt er, was die Deutschen dem Markt zu verdanken hätten: „stets gefüllte Regale im Supermarkt“ zum Beispiel, was im krassen Missverhältnis zum „ökonomischen Analphabetismus“ stehe. Sie sind, so Nolte, „im Allgemeinen schlechte Alltagskapitalisten. Sie können nicht verstehen, dass eine Tasse Kaffee im Restaurant zwei oder drei Euro kostet, wo doch, wie man sich schnell ausrechnen kann, das Kaffeepulver schon für fünf Cent zu haben und das Wasser praktisch umsonst ist.“ Hier wäre an der einen oder anderen Stelle ein kleiner Beleg, ein paar Zahlen zu den so lautstark geäußerten Zustandsbeschreibungen angebracht, die leider fehlen. Komisch auch, dass er auf den „neuen Kapitalismus“, der ja sogar im Untertitel angekündigt wird, und über den sich wahrlich viel sagen ließe, überhaupt nicht eingeht.

    Hat man es schließlich trotz aller besserwisserischer Rhetorik des „könnten“, „müssten“, „sollten“ bis zum Schlusskapitel geschafft, so ist man doch gespannt, was Nolte mit seinem Konzept einer „investiven Gesellschaft“ denn nun konkret im Sinn haben mag. Doch auch hier umschreibt er wenig Neues, steckt er recht blasse Leuchtfeuer auf. Statt Konsum perspektiviert er eine neue Bürgerlichkeit, vertraut er auf die innovative Kraft der Mittelschicht, die sich wieder mehr gesellschaftlich und privat einbringen soll. Dabei komme es wieder auf Werte an, die einmal noch da sind und ein andermal wiedererlangt werden sollten. Kommt einem alles sehr bekannt vor, oder?

    Letztlich gewinnt man den Gesamteindruck, als habe Nolte aus rein ideologischen Gründen um die eigentlichen Probleme herumgeschrieben. Er reflektiert nicht, stellt seine Ausgangsthese nicht einmal in Frage, argumentiert mit Klischees, geht nicht in die Tiefe, bringt keine originellen Beispiele und belegt auch sonst nicht viel. Kurz und gut: er lässt all das, was nicht in sein bürgerlich-liberales Schema passt, einfach weg. Der Rest ergibt sich dann irgendwie von alleine. Innovativ ist das nicht.

    Frank Kaufmann


    Paul Nolte: Riskante Moderne
    Die Deutschen und der neue Kapitalismus
    München: dtv 2007
    ISBN 978-3-423-34440-1

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