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    C. Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge

    25.10.2007

    Wenn die eigene Mutter verrückt wird

    Demenz ist bislang nicht heilbar. Schon aus der Unabwendbarkeit dieser zunehmenden Alterserkrankung ergibt sich bereits ihre drückende Relevanz. Aus der Sicht des Sohnes erzählt der niederländische Schriftsteller Cyrille Offermans auf eindringliche Weise über das Schicksal seiner Mutter, die ihm schon vor ihrem Tod geistig abhanden gekommen ist.

     

    Alles fängt chronologisch gesehen ganz harmlos an. Sohn, Schwiegertochter und Enkel quartieren sich 1995/96 für ein paar Monate im Haus der Eltern ein, weil das neue Haus noch nicht bezugsfertig ist, man aus dem alten aber bereits ausziehen muss. Die bis dahin kerngesunde dreiundachzig Jahre alte Mutter, der Vater war schon früh gestorben, wollte man verwöhnen, ihr unangenehme Arbeiten abnehmen, sie bekochen und auf Fahrten und Ausflüge mitnehmen.

    Aber es kommt anders: „Die drei Monate waren für uns eine Qual, und zweifellos erst recht für meine Mutter. Sie zeigte sich von einer Seite, die wir an ihr nicht kannten. Sonst stets so mitfühlend, hilfsbereit und munter, entpuppte sie sich jetzt als übellaunig, bissig und misstrauisch.“ Auch die ständige Ruhelosigkeit, ihre Zerstreutheit und der zunehmende Alkoholkonsum machen allen Familienmitgliedern zu schaffen. Doch was noch niemand so recht ahnt und wahrhaben will: es sind lediglich Vorboten einer allmählichen aber viel schlimmeren Entwicklung.

    Genaue und liebevolle Rekonstruktion

    Um das ganze Ausmaß der geistigen Hinfälligkeit der Mutter deutlich zu machen, beschreibt Offermans gleich zu Beginn des Buches das Endstadium dieser erschreckenden Entwicklung, die er genau und aus nächster Nähe nachzeichnet. „An einem kalten Nachmittag im Februar 2003 traf ich sie völlig verwirrt an; sie war kaum wiederzuerkennen. ... Wie ich sie denn hier gefunden habe, fragte sie sabbernd und murmelnd, wie ich hier hereingekommen sei.“ Die Mutter, mittlerweile völlig hilflos und nach vielen Überlegungen im Pflegeheim untergebracht, „glaubte, es sei Krieg, nicht im übertragenen, sondern im blutig-ernsten Sinn des Wortes. Man habe sie gefangengenommen, und sie werde nun >vom Feind< bewacht. Es war ihr ein Rätsel, wie wir unbehelligt durch die feindlichen Linien gelangt seien und sie gefunden hätten.“

    Immer wieder beschreibt Offermans die kaum zu ertragende Distanz, die entsteht, wenn sich die innere Welt der sonst so vertrauten Person allmählich auflöst. Er beschreibt die eigene Scham und die Schuldgefühle, den Zweifel, das Richtige zu tun. Getragen von Sorge, erzählt er davon, wie hilflos die Mutter wurde und wie hilflos die Angehörigen. Dabei bleibt ja nur eine Möglichkeit: dieses Schicksal anzunehmen, obwohl sich immer wieder alles dagegen sträubt. Dagegen sträubt anzuerkennen, dass Altersdemenz bisslang unheilbar und damit schicksalhaft ist.

    Getragen von einer unbedingten Wahrhaftigkeit, beschreibt Offermans auch den Zeitmangel und den Druck, dem die Pflegekräfte ausgesetzt sind. Und doch ist dies nur ein winziges Randthema, da auch die beste Pflege den Verlauf der Krankheit nicht aufhalten kann. Dem heutzutage geradezu reflexartige Anprangern mangelnder Pflege, verfällt Offermans nicht. Mit offenen Augen und stets getragen von der Liebe für seine Mutter, zeigt er dagegen, dass hinter aller Hilflosigkeit etwas anderes möglich ist. Es ist der würdevolle und persönliche Umgang mit dieser erschreckenden Alterserkrankung. Es ist ein anrührendes aber niemals rührseliges Buch, ein ehrliches, in dem auf geradezu tröstliche Weise erzählt wird, ohne den darin beschriebenen Schrecken zu leugnen.

    Frank Kaufmann


    Cyrille Offermans: Warum ich meine demente Mutter belüge
    Aus dem Niederländischen von Walter Kumpmann
    München: Antje Kunstmann 2007
    ISBN 978-3-88897-485-4
    ¤ 14,90

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