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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:50

     

    Eric Hobsbawm: Die Banditen. Räuber als Sozialrebellen

    13.09.2007

    Der mythischen Entrücktheit enthoben
    In der romantischen Vorstellungswelt gilt der Bandit als heiliger Rächer der Machtlosen und Entrechteten. Er nimmt von den Reichen und gibt den Armen. Er ist – um den berühmtesten, wenn auch historisch nicht verbürgten Vertreter als Beispiel zu nennen – ein echter Robin Hood. In seiner weit angelegten und dennoch sehr konzentrierten Untersuchung begibt sich Eric Hobsbawm auf die Spur des in allen Kulturkreisen ausgeprägten Mythos vom edlen Räuber.

     

    Seine Prämissen sind dabei eindeutig: es geht ihm weniger darum, „die Auswirkungen der Banditenaktivitäten auf die allgemeinere Ereignisgeschichte der jeweiligen Zeit“ zu erforschen, vielmehr interessiert ihn „die Struktur des Banditentums, ob nun sozial oder anderer Art“.

    Dieser Ansatz wird nicht nur dem analytischen Denken Hobsbawms, als eines am Materialismus geschulten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers, gerecht; er trägt auch dazu bei, dass dem Leser anrührende Heldengeschichten erspart bleiben.
    Nun bedeutet die Konzentration auf Entstehungs- und Wirkungsstrukturen des Banditentums nicht, dass man sich durch Kolonnen trockener Daten und Listen quälen müsste. Hobsbawms Talent besteht darin, die Strukturen als lebendig und spannend aufscheinen zu lassen. Hierzu bedient er sich einer Vielzahl von Fallbeispielen, die er kurz umreißt, um von ihnen ins Strukturelle abzuleiten. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, wie unzugänglich die Datenlage sich darstellt. Denn oftmals ist Hobsbawm gezwungen, auf Volkserzählungen und –lieder oder anderweitig oral tradierte Inhalte zurückzugreifen. Das kann nicht verwundern, schließlich gab es 1959, als der immer noch den Kern dieser Neuauflage bildende Aufsatz „The Social Bandit“ in der englischen Ausgabe des Sammelbandes „Primitive Rebells“ erschien, quasi keine wissenschaftliche Forschungsgrundlage über das Thema, welches üblicherweise mit Heiduckentum und lustigem Raubritterleben assoziiert wurde. Hobsbawm könnte sich auf die Fahnen schreiben, ein ganzes Forschungsgebiet überhaupt erst ans Licht gehoben zu haben und sich zufrieden zurücklehnen. Er tut dies nicht. Stattdessen sichtet er sein Material neu, lässt Erkenntnisse einfließen, welche die von ihm erst angeregten Forscher gewonnen haben und ringt dem Thema ungeahnte Dimensionen ab, etwa in dem erhellenden Anhang über „Frauen und Banditentum“.

    Nach der Lektüre hat sich das Bild, das der Leser anfänglich vom Banditen als solchem – zumal vom Sozialbanditen – gehabt haben mochte, der Sphäre der mythischen Entrücktheit enthoben. Es sind die sozialen Ambivalenzen, denen in der Betrachtung viel Platz eingeräumt wird, ebenso wie den moralischen Voraussetzungen und Rechtfertigungen des Banditentums. Auf einleuchtende Weise führt Hobsbawm aus, dass der Bandit seinem Wesen nach kein Vogelfreier ist, der am Rand der Gesellschaft lebt (wenn er auch mitunter von den Sicherheitsorganen streng verfolgt wird), er entstammt vielmehr der Mitte der Gesellschaft und er sucht sich so lange wie möglich in ihr zu halten, mehr noch: „Im echten Hinterland, wo Gesetz und Herrschaftsgewalt nur ganz schwache Spuren hinterlassen, mag ein Bandit nicht nur geduldet und geschützt werden, sondern er kann – wie gar nicht selten auf dem Balkan – selbst ein führendes Mitglied der Dorfgemeinde sein.“ Aber ob nun auf dem Balkan oder in den Dschungel Indiens, ob im Hochland Brasiliens oder in der chinesischen Steppe, es dürstet den Sozialbanditen vor allem nach einem: nach Gerechtigkeit. Dass es sich dabei freilich um eine Gerechtigkeit handelt, die sich weniger auf verabschiedete Gesetze als auf durchaus archaische Stammesriten und eingeborene dörfliche Unterscheidungen von Recht und Unrecht gründet, daran lässt Hobsbawm keinen Zweifel, wenn er anschaulich darlegt, wie schnell die „maßvolle Gewalt“, die ein „charakteristisches Element des Robin-Hood-Bildes“ darstellt, umschlagen kann in den Rausch reiner Vergeltung bis hin zum schnöden Machtmissbrauch.
    „Es ist daher höchst zweifelhaft, ob ein wirklicher Bandit jemals imstande war, konsequent den moralischen Erfordernissen seiner Position gerecht zu werden.“

    Nach der Lektüre Hobsbawms bleibt sehr wenig übrig vom romantischen Bild des Räubers, wie es sich uns aus den einschlägigen Darstellungen entgegenwölbt. Der Gewinn jedoch ist ungleich höher. Nämlich das Verständnis dafür, dass Banditen nicht geboren, sondern gemacht werden, unter welchen gesellschaftlichen strukturellen Bedingungen sie auf die Bildfläche treten und wie sie – in die Welt der Zeichen und Symbole eingegangen – die Zeiten überdauern. Das mag sich altmodisch marxistisch anhören. Ist es vielleicht auch. Gerade deswegen ist „Die Banditen“ ein erfrischendes Buch.

    Lars Reyer


    Eric Hobsbawm: Die Banditen. Räuber als Sozialrebellen
    Übersetzt von Rudolf Weys, Andreas Wirthensohn
    Hanser 2007 
    Gebunden. 239 Seiten. 19,90 Euro
    ISBN: 3446209417

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