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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 18:06

     

    Andreas Veiel: Kick

    29.03.2007


    Horror Vacui

    “Was passierte, nachdem Sie auf dem Kopf von Markus Schöberl herumgesprungen sind?”

     

    Im Juli 2002 erregte der brutale Mord am 17 jährigen Marinus Schöberl in einem Dorf in der Uckermark Aufsehen. Der Jugendliche wurde stundenlang gequält und nach seiner Ermordung in einer Jauchegrube verscharrt. Hauptverantwortlich für die Tat waren die Brüder Markus und Marcel Schönfeld. Die Medien bildeten die Fassungslosigkeit und Empörung angesichts dieser Brutalität ab, fanden darüber hinaus aber kaum Erklärungsmuster.
    Der Psychologe und Filmemacher Andreas Veiel machte sich daran, in einer intensiven Recherche die Hintergründe dieser extremen Gewalttat herauszuarbeiten. Auf 1500 Seiten Interview Protokollen fußend, floß seine Analyse in das zusammen mit der Dramaturgin Gesine Schmidt erarbeitete und 2005 uraufgeführte Theaterstück “Der Kick”. Nur zwei Schauspieler stellen die insgesamt 20 Protagonisten szenisch dar. Die beindruckende Bühnenfassung wurde auch verfilmt. Für den gleichnamigen Dokumentarfilm wird Veiel den Dokumentarpreis der Evangelischen Filmarbeit bekommen.
    Der Regisseur, bekannt für ausführliche Recherchen und Langzeit-Beobachtungen, hat sich auch schon mit seinem Film “Black Box BRD” an die Analyse der Hintergründe einer anderen polarisierenden Gewaltttat gewagt. In einem Doppel-Portrait wird der RAF-Angehörige Wolfgang Grams und der von der RAF umgebrachte Bankier Alfred Herrhausen gegen einander gestellt.

    Seine Aufarbeitung des Mordes an Marinus Schöbel untersucht die vielfältigen Einflüsse auf Täter und Opfer wie das Verhältnis der Schönfeld Brüder, die politischen und sozialen Veränderungen nach der Wende, dieWeitergabe von Gewalterfahrung oder die Peer Mechanismen der rechten Jugendcliquen.
    Andreas Veiel liefert keine allgemeingültige Formel, um das grausame Vorgehen gegen den Jugendlichen zu erklären. Auch das Buch legt sich nicht auf eine Schiene fest. Läßt sich weder auf die Diskussion über den negativen Einfluß der Gewaltfilme ein, obwohl der Film “American HistoryX”nachweislich das Vorbild für das Nachahmen des “Bordsteinkicks” darstellte. Noch zeigt es mit dem Finger auf die Familie. So wird auch einem nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten entstandenen Wertevakuum nicht unbedingt die Schuld an der Verrrohung gegeben und doch spürt man den Verlust an Halt und Verantwortung an allen Ecken.

    Verweigert auch schon der Film und das Stück die Bebilderung, verweist das Buch ganz auf die eigene Wahrnehmung. Leser und Leserinnen müssen sich allein im Dialog mit der unangenehmen Vielschichtigkeit der Tat auseinandersetzen. Dem Autor Veiel geht es nicht um schnell abpflückbare Sensationen, ihm geht es um die Bedingungen der Kultivation, von denen meist nur die bizarrsten Auswüchse wahrgenommen werden.
    Seltsam klingt es, wenn vom Verlag gesagt wird, das Buch könne ein Instrumentarium zur Untersuchung ähnlicher Fälle darstellen. Was nützt die Liebe in Gedanken? Könnte es nicht auch ein Instrumentarium zur Verhinderung ähnlicher Fälle sein? Ein Lehrstück für Politik und Wirtschaft, zur Behebung, nicht der Gewalt an sich, aus menschlichen Zusammenhängen wohl nicht zu eliminieren, sondern der Vakuumisierung ganzer Landstriche, die, da grad nicht im Mittelpunkt ökonomischem und politischem Interesse stehend, sich gar nicht mal langsam mit den negativen Energien schwarzer Löcher füllen.

    Maggie Thieme


    Andreas Veiel: Kick.
    Ein Lehrstück über Gewalt.
    DVA, 2007, 288 Seiten,
    14,95 EUR,
    ISBN 13: 978-3-421-04213-2

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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