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Wohin mit Vater ?

08.03.2007

Pflegenotstand

Für fast jeden von uns wird sich eines Tages diese Frage stellen – und doch ignorieren wir sie geflissentlich, so lange es nur geht. Eines Tages werden die Eltern alt, gebrechlich und pflegebedürftig sein. Nicht immer ist Vorsorge getroffen worden. Manch einer wird verzweifeln an der Frage „Wohin mit Vater?“

 

Von einem Tag auf den nächsten gerät das Leben einer Familie aus den Fugen. Völlig überraschend bricht die 83jährige Mutter zusammen; bis der Sohn in der Heimatstadt eintrifft, ist sie schon an einem Herzinfarkt verstorben. Nachdem sie jahrelang ihren pflegebedürftigen Ehemann, einen ehemaligen Architekten, betreut hat, stellt sich für die Kinder nun die dringliche Frage „Wohin mit Vater?“.

Weder ein Heim für Kurzzeitpflege, noch eine sogenannte Seniorresidenz, in der sich der Vater schon vor langer Zeit einen Platz gesichert hat, kommen auch nur annähernd in Frage. Die Kinder sind erschüttert über die allgemeine Trostlosigkeit und Kargheit: über allem liegt ein Geruch von Desinfektionsmittel und Urin, das Zimmer gleicht entweder einem schmucklosen Verschlag oder muss mit einem Fremden geteilt werden, die Menschen werden entmündigt und ruhig gestellt. Hilflosigkeit und Ohnmacht machen sich breit, auch die heimliche Scham, den Generationenvertrag aufzukündigen und dem Vater in einem hilflosen Zustand keine Stütze zu sein. Die Idee des Sohnes, eine 24-Stunden-Pflege im Elternhaus zu organisieren, scheitert an den immensen Kosten. Schließlich erklärt sich die Tochter verzweifelt und unter Tränen bereit, die eigene Familie zu verlassen und zum Vater zu ziehen, um ihn zu betreuen. Da erinnert sich der Sohn an die Telefonnummer eines osteuropäischen Pflegedienstes. Binnen eines Tages steht eine polnische Krankenschwester vor der Tür, die sich kraftvoll, engagiert und erfolgreich um die Pflege es Vaters kümmert. Dies ist allerdings nur durch Schwarzarbeit, unter Umgehung jeglicher bürokratischer Hürden, möglich.

Der Autor dieses erschütternden Buches – Journalist und Ressortleiter bei einer großen deutschen Tageszeitung – hat selbst eine illegale Lösung zur Pflege seines Vaters gefunden und will daher anonym bleiben. Neben der eindringlichen Darstellung der persönlichen Familiensituation hat er ausgiebig zum Thema recherchiert und bestürzende Fakten in schonungsloser Offenheit aufbereitet. Dass er selbst vom Notfall betroffen war, verleiht seinen Schilderungen eine enorme Glaubwürdigkeit und Tiefe. Aktuelle Literatur, wie „Alt und abgeschoben“ von Claus Fussek, der vehement die eklatante Pflegekatastrophe in deutschen Heimen anklagt, oder „Abgezockt und totgepflegt“ von Markus Breitscheidel, der undercover in Pflegeheimen gearbeitet und dabei die Hölle erlebt habt, wird geschickt eingeflochten. Das Kapitel „Grenzsituationen“ wagt einen Exkurs zu fünf sehr verschiedenen Schicksalen und Lebensgeschichten, die aufzeigen, wie mit dem Ausnahmezustand umgegangen wird. Und auch seltene Lichtblicke tauchen auf, wie ein von Rudi Gosdschan im fränkischen Karlstadt geleitetes Pflegeheim, hinter dem keine Profitorientierung steht. Hier herrschen Menschlichkeit und Wertschätzung. Hier können die Pflegebedürftigen eigene Möbel mitbringen, einen riesigen Garten nutzen, sich in einem speziellen Entspannungsraum Tönen und Schwingungen hingeben.

Schon heute gibt es zwei Millionen Pflegefälle, bis zum Jahr 2050 ist mit einer Verdoppelung zu rechnen. Nach der Lektüre dieses Buches wird einem der mögliche Schock am Tag X nicht erspart bleiben, doch man wird etwas besser darauf vorbereitet sein.

Ingeborg Jaiser


Anonymus: Wohin mit Vater?: Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem.
Frankfurt: Fischer, 2007.
192 S.
ISBN 978-3-10-061706-4
Preis: 16,90 Euro

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